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  • Polizei nutzt häufiger Taser in 2021 - deutlich mehr Einsätze der Elektroschockpistole

Mehr Polizisten greifen zur Elektroschockpistole: Zahl der Tasereinsätze steigt deutlich an

  • In nahezu allen Bundesländern verfügt die Polizei über Taser, und die Zahl der Tasereinsätze steigt deutlich an.
  • Allein im ersten Halbjahr 2021 griffen Polizisten häufiger zum Taser als im gesamten Jahr 2020.
  • Dies zeigen Daten der Polizei­einsätze aus den Innenministerien der Länder, die das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) zusammen­getragen hat.
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Hannover. Im Frühjahr 2021 ist auch in Schleswig-Holstein die Entscheidung für den Taser gefallen: Das Polizeirecht im nördlichsten Bundesland wurde geändert und ein Taserpilotprojekt geplant. In allen anderen Bundesländern sind Taser bereits bei der Polizei im Einsatz. Rheinland-Pfalz stattet derzeit sogar jeden Streifenwagen mit einem Taser aus, in manch anderen Bundesländern verfügt dagegen nur das Sondereinsatzkommando (SEK) über eine solche Elektroschockpistole. Sie kann eine Person in bis zu sieben Metern Entfernung außer Gefecht setzen, indem sie zwei Widerhaken mit Drähten verschießt. Elektroschocks mit 50.000 Volt gelangen durch diese Drähte in den Körper.

Die Zahl der Elektroschockpistolen hat in den letzten Monaten in Deutschland deutlich zugenommen, ebenso die Einsätze dieser Waffen. Nach Recherchen des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) gab es im ersten Halbjahr 2021 mehr Taser­einsätze als im gesamten Jahr 2020. So sind bei SEK und Landespolizei mindestens 605 Tasereinsätze für das gesamte Jahr 2020 dokumentiert, für das erste Halbjahr 2021 sind es bereits mindestens 610 in Deutschland.

Taser bei der Polizei: Oft reicht die Androhung des Elektroschocks

Der Grund für den starken Anstieg an Tasereinsätzen in Deutschland ist, dass immer mehr Polizistinnen und Polizisten eine solche Elektroschockpistole erhalten. Vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wurden zuletzt zahlreiche Taser angeschafft. So verfügt Rheinland-Pfalz inzwischen über 400 Elektro­schock­pistolen – so viele wie kein anderes Bundesland. In Bayern hat die Polizei 221 Geräte, in Nordrhein-Westfalen sind es 122.

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Die große Zahl angeschaffter Elektroschockpistolen wird in Rheinland-Pfalz auch eingesetzt: 431 Einsätze des Tasers zählt das Innenministerium für 2020 und damit so viele wie in keinem anderen Bundesland. Allerdings weist das Ministerium gegenüber dem RND darauf hin, dass in vielen Fällen bereits die Androhung des Elektroschocks ausreichend war. In 56 Prozent der Einsätze (2020) beziehungsweise in 51 Prozent (2021) mussten die Polizisten in Rheinland-Pfalz den Taser nicht auslösen. Ähnliche Erfahrungen gibt es im Saarland. In Nordrhein-Westfalen reichte die Androhung sogar in 84 Prozent der Einsätze aus.

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In den Bundesländern ist unterschiedlich geregelt, wer einen Taser (auch Distanz-Elektroimpulsgerät, DEIG, genannt) verwenden darf. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Niedersachsen und Baden-Württemberg verfügen zum Beispiel nur die Spezial­einsatz­kommandos über Taser.

„Nutzen und Risiken je nach Einsatz genau abwägen“

Irene Mihalic, innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und selbst ausgebildete Polizeibeamtin, sieht den Einsatz von Tasern kritisch. „Wir müssen den verstärkten Einsatz von Tasern wirklich sehr genau verfolgen“, sagt sie dem RND. Es gerate viel zu leicht in Vergessenheit, dass auch von Tasern eine große Gefahr ausgehe. „Und wir dürfen auf keinen Fall einen Weg einschlagen, wo die Schwelle für den Einsatz von Tasern immer niedriger wird“, fügt Mihalic hinzu.

Grundsätzlich solle der Einsatz Spezialkräften vorbehalten bleiben, sagt die Politikerin und Polizeibeamtin und erklärt: „Wir werden den Einsatz von Tasern detailliert evaluieren müssen, um Nutzen und Risiken je nach Einsatz genau abwägen zu können.“

In anderen Ländern sind in den vergangenen Jahren beim Einsatz von Tasern auch Menschen gestorben. Eine Recherche der Nachrichten­agentur Reuters zeigt, dass in den USA in mehr als 150 Todesfällen nach Tasereinsätzen dieser auch als Todes­ursache in Autopsie­berichten mit aufgeführt wurde.

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4 Millionen Euro für Taser und Training

Die Kosten für die Anschaffung von Tasern und das Training belaufen sich nach Angaben der Innenministerien gegenüber dem RND auf zusammengerechnet mehr als 4 Millionen Euro. Geld, das sich nach Auffassung der Innenministerien lohnt. Sie berichten durchweg von positiven Erfahrungen mit Tasern. Aus Mecklenburg-Vorpommern heißt es: „Hervorzuheben ist, dass bereits die Androhung des Einsatzes zu einer Deeskalation beziehungsweise Aussetzung eines gegenwärtigen Angriffs führen kann.“ Dies betonen auch die meisten anderen Innenministerien gegenüber dem RND. Das Innenministerium des Saarlands erklärt zudem, dass ein Taser „zur Eigensicherung“ beitrage und die Handlungs­möglichkeiten der Polizisten erweitere.

Tasereinsätze bei der Polizei: „Nur leichte Verletzungen“

Die Senatsverwaltung für Inneres in Berlin verweist auf die „sofortige Wirkung“ der Elektro­schock­pistolen. Sie würden sich insbesondere für konfliktträchtige Einsatzlagen eignen. „Die jeweils Betroffenen erlitten nur leichte Verletzungen.“ Auch aus Bremerhaven heißt es, dass bisher „keine nennenswerten Verletzungen oder Gesundheitsgefährdungen festgestellt werden“.

Aus Rheinland-Pfalz heißt es, der Taser könne „weniger gravierende Verletzungen hervorrufen als beispielsweise ein Schlagstock“. Außerdem seien ohne den Einsatz des Tasers Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte sehr wahrscheinlich gewesen, wie auch das Innenministerium von Brandenburg bestätigt.

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Tasertestphase in mehreren Bundesländern

In mehreren Bundesländern laufen derzeit noch Pilotprojekte mit Tasern, wo sonst nur Spezial­einsatz­kommandos die Elektro­schock­pistolen nutzen: In Berlin wurde der Testlauf bis Ende 2021 verlängert, in Nordrhein-Westfalen dauert die Testphase bis März 2022. Trotz Forderungen der Polizei­gewerkschaft nach Tasern und positiven Zwischenberichten der Ministerien ist unklar, ob die Elektro­schock­pistolen nach der Testphase dauerhaft in den Händen der Polizei bleiben. In Baden-Württemberg forderte die CDU schon länger Taser für alle Polizisten, konnte sich im Landtag aber mit der Forderung bisher nicht durchsetzen.

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