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Politischer Korrespondent in Berlin: Einfach mal in Ruhe zuhören

  • Am 1. Februar 2001 begann Markus Decker, als politischer Korrespondent in Berlin zu arbeiten.
  • Seinen Job macht er trotz mancher Widrigkeiten immer noch gern.
  • Ein sehr persönlicher Rückblick auf 20 Jahre im Regierungsviertel.
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Berlin. Kürzlich saß ich mal wieder auf der Tribüne des Bundestages, um mir eine der großen Debatten anzuhören. Ich saß da einfach „nur so“. Ich wollte nichts über die Debatte schreiben; ich sollte auch nichts darüber schreiben. Der Kollege Nico Fried von der „Süddeutschen Zeitung“, der manchmal ebenfalls auf der Tribüne sitzt und schreiben kann wie wenige andere, bemerkte das. Er sah mich an, als sei ich der Handlungsreisende aus dem Stück von Arthur Miller, der längst arbeitslos geworden ist, aber morgens immer noch mit seinem Aktenkoffer das Haus verlässt, um das Gegenteil vorzutäuschen.

In Wahrheit waren die vielleicht 60 Minuten der pure Luxus. Sie waren wie ein Stück Schokolade, das sich einer gönnt, der sonst wegen der schlanken Linie auf Zucker verzichtet. Denn normalerweise lässt der Korrespondenten­alltag derlei Muße nicht zu. Normalerweise ist man eingepfercht zwischen Pressekonferenzen, Interviewterminen, Redaktionsschlusszeiten und dem steten Nachrichtenfluss des Internet. Einfach mal zuhören, Eindrücke sammeln, nachdenken – das gibt es nicht mehr.

Seit ich am 1. Februar 2001 politischer Korrespondent in Berlin wurde, habe ich Hunderte Male auf dieser Tribüne gesessen – meistens, um über die unten dargebotenen Debatten zu berichten. Als ich diese wundervolle Aufgabe bekam, war Gerhard Schröder von der SPD Bundeskanzler, Angela Merkel hatte gerade den CDU-Vorsitz übernommen. Wer nicht mindestens einmal täglich mit „Unionsfraktionsvize“ Wolfgang Bosbach telefonierte, der schien nicht richtig im Film zu sein. Bosbachs Handynummer ist bis heute die einzige, die ich auswendig kann, so oft habe ich sie gewählt.

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2002 kandidierte ein gewisser Jens Spahn aus meiner münsterländischen Heimat mit gerade mal 22 Jahren erstmals für den Bundestag. In der Einleitung meines Porträts, das ich nach unserem Telefonat schrieb, gab ich meinen Eindruck wieder. Demzufolge konnte sich Spahn vorstellen, irgendwann Kanzler zu werden. Der Mann ist drangeblieben.

Das Netz spielte 2001 noch nicht die dominierende Rolle, die es 2021 spielt. Das politische Leben hat seinen festgefügten Rhythmus, jedenfalls wenn der Bundestag zu Sitzungswochen zusammenkommt, behalten. Montags tagen die Spitzengremien der Parteien. Am Dienstag tagen die Fraktionen unter der Reichstagskuppel. Am Mittwoch tagen die Fachausschüsse des Parlaments.

Und am Donnerstag und Freitag finden im Plenum jene Debatten statt, die man abends im Fernsehen sieht – wobei sich all die Debatten, die man nicht im Fernsehen sieht, gewissermaßen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ereignen, weil kaum jemand ein Auge darauf hat.

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Der 11. September 2001

Meine ersten Jahre standen im Zeichen der nicht enden wollenden Kämpfe um Merkel, die eine Heerschar selbstgewisser Unionsmänner gegen sich hatte und sie entweder stürzte oder ins Leere laufen ließ. Dabei war die Kanzlerin weit von jener Souveränität entfernt, die sie mittlerweile ausstrahlt.

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In jener Zeit rasten überdies zwei Flugzeuge ins World Trade Center von New York. Ich hatte frei an jenem Tag und sah nachmittags die Bilder, als ich mit dem Zug von Münster zurück nach Berlin fuhr. Abends brach ich meinen Urlaub ab und eilte ins Kanzleramt, wo Schröder und sein grüner Außenminister Joschka Fischer den USA die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands versicherten. Es war eine düstere Nacht.

Seither hat sich die Welt wahnsinnig verändert. Nicht nur in Berlin, aber eben auch in Berlin. Die alte Bundesrepublik, in der entweder CDU oder SPD regierten und Deutschland Teil eines demokratischen „Westens“ war, scheint Lichtjahre entfernt zu sein. Manches mutet wie Zerfall an. Wer heute noch an politischen Fortschritt glaubt, der ist zu beneiden.

Die Digitalisierung hat Einzug gehalten

In Berlin hat endgültig die Digitalisierung Einzug gehalten, die politische Kommunikation verändert und beschleunigt. Wer früher etwas Exklusives zu vermelden hatte, der schickte dies an eine der zahlreichen Nachrichten­agenturen. War das Exklusive auch nur annähernd exklusiv, griff es zumindest eine der Agenturen auf – schon aus Sorge, sonst würden es die anderen tun. Die Nachrichten­agenturen leiteten das Neue oder vermeintlich Neue an die Redaktionen aller anderen Medien weiter. Die meisten Bürger erfuhren es tags darauf aus der Zeitung.

Im Prinzip ist das heute noch so – mit dem Unterschied, dass die Nachricht heute meist online verarbeitet und dann über die digitalen Medien beschleunigt wird. Die Zeiten, in denen „Leitmedien“ mit einer selbst recherchierten Geschichte den Nachrichtenverlauf einer Woche prägen konnten, sind vorüber. Wenn eine Meldung jetzt einen halben Tag hält, dann ist das schon viel.

Das verschärfte Tempo tritt besonders krass hervor, wenn jemand gestorben ist. Man kann gar nicht so schnell ableben, wie einem auf Twitter nachgerufen wird. Auch dass Parlamentsdebatten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, ist so nicht mehr ganz richtig. Sie finden sich nämlich als Video bei Twitter oder Facebook wieder, was die rhetorische Verve manches Redners erklärt.

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Parallel zur Digitalisierung hat eine zuweilen ätzende Polarisierung Platz gegriffen, auch unter Journalisten. Zufall ist diese Parallelität kaum. Zwar sollte man sich vor einer Romantisierung des Vergangenen hüten. In den 1970er-Jahren wurden Repräsentanten des Staates bisweilen auf offener Straße erschossen.

Anfang der 1980er-Jahre lautete die Losung in linken Kreisen: „Stoppt Strauß!“ Gemeint war Franz Josef Strauß von der CSU, der wahlweise als reaktionär oder gemeingefährlich galt. Der spätere Kanzler Helmut Kohl wurde gewohnheitsmäßig als „Birne“ verhöhnt. Härte gab es stets. Es gibt ohnehin wenig, was nicht schon mal da gewesen wäre. Was manche für neu halten, ist überwiegend Folge eines schlechten Gedächtnisses.

2011 in der Bundespressekonferenz: Peter Struck (rechts) mit Armin Laschet. © Quelle: imago images/Reiner Zensen

Spätestens seit jener Episode, die als „Flüchtlingskrise“ in die Geschichte eingegangen ist, ist regelrechter Hass allerdings auch dem Regierungsviertel nicht mehr fremd – ein Hass, den wir Journalisten ebenfalls spüren und der in der AfD lediglich seinen äußersten Ausdruck findet. Als kürzlich die Querdenker demonstrierten, wurde die Bundespresse­konferenz von der Polizei bewacht, nicht zum ersten Mal.

Kürzlich schrieb mir eine Frau, dass „die Medien entweder zu faul oder zu dumm“ seien, „sich in die Komplexität einer Pandemie einzuarbeiten“. Ein Mann schickte etwa zeitgleich eine E-Mail mit dem Rat, ich solle mir doch „eine weniger volksunverträgliche Arbeit suchen“. Überwiegend gelingt es, sich das vom inneren Leib zu halten. Immer gelingt es nicht.

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Distanz bleibt zwingend

Dass ein Journalist morgens ins Büro geht und wie ein Bäcker oder Metzger ehrlichen Herzens versucht, das Beste zu geben, scheint manchen Bürgern nicht mehr vorstellbar. Derlei Wutbürgerei macht mich gelegentlich zu einem wütenden Korrespondenten. Selbst in jenen linken Kreisen, die Donald Trump für das Allerletzte halten, hat sich die Trump-Vokabel „Fake News“ eingebürgert. Wir sind, soweit ich sehen kann, die einzige Berufsgruppe, der bei Fehlern Absicht unterstellt wird.

Es macht jedenfalls einen Unterschied, ob man als Journalist in der Demokratie arbeitet oder als Journalist für die Demokratie – letztere also als gefestigt gelten kann oder eben nicht. Da Journalisten allein in der Demokratie ungehindert arbeiten können, kann es so etwas wie Neutralität gegenüber ihren Feinden nicht geben.

Distanz hingegen bleibt zwingend. Die Kunst besteht darin, die Balance zu halten. Und klar ist: Je vehementer er angegriffen wird, desto mehr hänge ich dem demokratischen Mainstream an. Er ist, wie wir nicht bloß in den USA begutachten können, das Beste, was wir haben.


Abgesehen von derlei Anfechtungen empfinde ich es unverändert als großes Glück, Augen- und Ohrenzeuge der Zeitgeschichte zu sein – und spannend, ihre Protagonisten aus der Nähe zu erleben. Ich erinnere mich an das Interview mit Hans-Dietrich Genscher in seinem Haus bei Bonn; eine lehrreiche Stunde bei einem echten Staatsmann. Ich erinnere mich an die Telefonate mit dem mal fröhlichen, mal melancholischen Norbert Blüm.

Und ich erinnere mich an den Abend mit Norbert Röttgen und Peter Altmaier in den Schwarzwaldstuben in Berlin-Mitte Anfang der Nullerjahre. Sie waren in der CDU und noch relativ frisch im Bundestag. Sie waren ehrgeizig, intelligent – und befreundet; Röttgen sagte zu dem Saarländer gern „Altmaierchen“. Ungefähr zehn Jahre später entließ die Kanzlerin denselben Röttgen aus seinem Umweltministeramt, und Altmaier trat an seine Stelle. Es war grausam, das unvermeidliche Ende dieser Freundschaft mitansehen zu müssen. Ich wünschte, sie würden sich wieder vertragen.

Schmerzlich war die Begegnung mit dem einstigen Verteidigungsminister Peter Struck. 2004 hieß es aus seinem Haus, er habe einen Schwächeanfall erlitten. Mein damaliger Chefredakteur wusste aus sicherer Quelle, dass der Schwächeanfall in Wahrheit ein Schlaganfall war, und forderte mich auf, dazu eine Stellungnahme des Ministeriums einzuholen, um anschließend eine Meldung zu machen.

Tatsächlich traf unsere Information zu. Doch der SPD-Politiker fürchtete, ihr Bekanntwerden könne das Ende seiner Karriere bedeuten – und ließ halbherzig dementieren. Monate später stellte er mich vor Kollegen zur Rede. Struck hat mir unsere Berichterstattung nie verziehen.

Eine typische Szene in Berlin: der damalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD), umringt von Journalisten. © Quelle: imago images/photothek

Ich finde bis heute, ein Minister darf seinen Gesundheitszustand nicht verheimlichen. Ungeachtet dessen fühlte ich mich gegenüber einem Menschen in einer Schwächephase moralisch beschwert. Es wäre mir nicht allein um Strucks willen lieber, der Schlaganfall wäre ihm erspart geblieben.

Schön war die Begegnung mit Roger Willemsen, den ich 2013 das erste Mal auf der Tribüne des Reichstages traf, wo er für sein Buch „Das Hohe Haus“ zu recherchieren begann. Weil wir uns dort fortan öfter begegneten, schwand allmählich die Steifheit. Als ich Willemsen am Ende in einem Hotel am Potsdamer Platz interviewte, rutschte er mir auf Socken entgegen und fragte mit Blick auf meinen Korrespondentenjob: „Wie lange machst du das denn schon?“

Als ich sagte: „14 Jahre“, erwiderte er: „Dann kann ich ja Veteran zu dir sagen.“ Seit einiger Zeit steht eine Postkarte mit einem handgeschriebenen Satz Willemsens auf der Fensterbank unserer Küche. Roger Willemsen, der 2016 vier Jahre nach Peter Struck starb, schrieb: „Da wir das Leben nicht verlängern können, müssen wir es verdichten.“


Nebenbei bemerkt: Die durchschnittliche Verweildauer eines Abgeordneten im Bundestag beträgt acht Jahre. Meine liegt sechs Jahre nach dem Willemsen-Interview bei 20. Eine Bundestagswahl folgt sicher noch, mit viel Glück auch eine weitere. Dabei wird das Ambivalente wohl bleiben.

Der Korrespondentenberuf ist – wie gesagt – immer noch erfüllend. Das Mitten-drin-am-Puls-der-Zeit-Sein – das hat etwas. Und es reicht schon, wenn ich bei einer Pressekonferenz ins Visier eines Kameramanns gerate. Dann sagen früher oder später ein Freund oder eine Bekannte: „Ich hab dich im Fernsehen gesehen.“ Frustrierend, aber wahr: Tausende von recherchierten Artikeln wiegen eine Zufallssekunde im Fernsehen nicht auf.

Ab und zu befällt mich weiterhin eine Lust zu schreiben, die erst nachlässt, wenn ich es getan habe.

Die Lust zu schreiben

Schreiben ist, um mit Karl Marx zu sprechen, nicht entfremdete Arbeit. Das ist nicht minder erfüllend wie der Umstand, dass man als Journalist morgens nie weiß, was der Tag abends gebracht haben wird.

Nicht zu vergessen: die Reisen. Ich war in Afghanistan und in Ägypten, in Bosnien und in Dschibuti, in Israel und im Kongo, in Kuwait und in Tschechien, in der Türkei und in den USA, in Usbekistan und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Kairo habe ich den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak neben Merkel gesehen – ehedem hoch geschätzt, am Schluss verpönt.

Am Flughafen von Washington ließ der erleichterte Peter Struck für sich und seinen Stab ein paar Flaschen Bier kommen, nachdem er den Besuch bei der US-Administration von George W. Bush und dessen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ohne größere Blessuren überstanden hatte. Die Beziehungen waren nach dem deutschen Nein zum Irak-Krieg schwer belastet.

Schließlich war da noch die nächtliche Landung auf dem Flughafen von Kinshasa, wo die Maschinen auf dem Rollfeld wie von Vierjährigen drapiert standen. Das und die anschließende Fahrt ins Zentrum, in dessen Straßen offene Feuer das elektrische Licht ersetzten, waren fantastisch.


Mit dem Prestige eines Korrespondenten verhält es sich indes längst zweischneidig. Unsere Bedeutung leitet sich aus unserer Nähe zu Abgeordneten und Ministern ab. Wer sagen kann, dass er die Kanzlerin häufiger aus der Nähe erlebt und weiß, wie sich ihr Händedruck anfühlt, der erhält Pluspunkte. Die Leute wollen das Naheliegende hören: „Wie ist sie denn so?“ Der Respekt für Tuchfühlung zu ihr und anderen schlägt jedoch ins Gegenteil um bei all jenen, die die Politik und die Politiker verachten. Dann gilt die Verachtung, die mit der Entfernung zu Berlin wächst, ebenso uns.

Ich schüttele deshalb manchmal den Kopf – über mich selbst. Das Kopfschütteln gilt dem naiven Glauben, man könne aus der Behaglichkeit, in der ich als 1964 geborener Westdeutscher aufwuchs, einen Normalitätsmaßstab ableiten. Das Gegenteil erscheint mir heute zutreffend.

Zwar dauerte es Jahrzehnte, bis aus der Bonner Republik jene liberale Demokratie wurde, die sich selbst auch in der Breite ihrer Bürgerschaft als Antwort auf den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen verstand – und den Geist des Grundgesetzes tatsächlich verinnerlichte. In der Summe indes und im Lichte der Vergangenheit war diese Republik eine historische Anomalie, die erlebt zu haben ich mich glücklich schätze – ohne substanzielle Bedrohung der Demokratie bei uns und andernorts.

Im Übrigen hatte der Lyriker Gottfried Benn, der zwei Weltkriege überlebte, recht. Er bilanzierte: „Leben ist Brücken schlagen über Ströme, die vergehen.“

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