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Spahn gesprächsbereit, Lauterbach „nicht überzeugt“: Die politischen Reaktionen auf #allesdichtmachen

  • Die Politik in Deutschland äußert sich zu #allesdichtmachen.
  • Während die Bundesregierung die Aktion lediglich zur Kenntnis nimmt, bietet Gesundheitsminister Jens Spahn den Dialog an.
  • Eindeutige Kritik kommt aus den Reihen der Linken und von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).
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Berlin. Nach der umstrittenen Internetaktion #allesdichtmachen, in der prominente deutsche Schauspieler Kritik an der Corona-Maßnahmen der Bundesregierung äußern, hat sich die Politik zu Wort gemeldet. Die Bundesregierung selbst nimmt die Kritik lediglich zur Kenntnis, doch es gibt auch harsche Kritik an der Videoaktion.

Die Bundesregierung gibt keine Bewertung zu den viel diskutierten Videos prominenter Schauspielerinnen und Schauspieler über die Corona-Politik ab. „Die Bundesregierung hat diese Aktion zur Kenntnis genommen und unsere Haltung ist bekannt: Wir arbeiten daran, dass Deutschland die Pandemie schnell überwinden kann. Darauf sind unsere Entscheidungen ausgerichtet“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz am Freitag in Berlin. Es gelte natürlich auch in diesem Fall die Meinungsfreiheit.

Für Dienstag kündigte die Sprecherin ein Gespräch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit 14 Kunst- und Kulturschaffenden an. Die Online-Diskussion ist Teil der Reihe „die Bundeskanzlerin im Gespräch“. Merkel hatte sich bereits mit Eltern, Studenten, Azubis, Ausbildern und anderen Gruppen über deren Lage in der Pandemie unterhalten.

Die Teilnehmer am kommenden Dienstag wurden den Angaben zufolge von Verbänden aus der Kultur ausgewählt, wie dem Bundesverband Schauspiel und dem Deutschen Musikrat. Ob auch Schauspieler darunter sind, die sich an der aktuellen Videoaktion beteiligt haben, blieb zunächst unklar.

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Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck forderte eine Debatte über den Stellenwert der Kultur in der Pandemie gefordert. Die Aktion selbst bezeichnete er aber als „unangemessen“. Habeck sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Nach mehr als einem Jahr Pandemie sind viele Menschen erschöpft, zermürbt, einfach auf. Und dass gerade in der Kulturbranche, die als Erstes schließen und als Letztes öffnen wird, die Verzweiflung groß ist, ist nur nachvollziehbar. Und ohne Frage wurden Fehler gemacht. Man hätte viel früher viel konsequenter handeln müssen, um dann umso schneller differenziert vorzugehen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters kritisierte derweil die Internetaktion. „Wir alle, jeder einzelne von uns, viele Berufszweige, ganze Branchen, bringen enorme Opfer in dieser Pandemie“, sagte die CDU-Politikerin. Sie habe großes Verständnis dafür, dass viele Betroffene dabei auf ihre jeweils spezifischen Einschränkungen aufmerksam machten. „Das ist auch nötig, damit die Politik in einem wahnsinnig schwierigen Abwägungsprozess nichts übersieht.“

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Kulturstaatsministerin Grütters hätte sich mehr Empathie gewünscht

Das Virus sei ein Angriff auf ein Lebensmodell, „es trifft die Kulturwelt in ihrem Lebensnerv“, sagte Grütters. Sie verstehe die Nöte der Kreativen. „Bei allem Respekt vor der Freiheit der Kunst“ wandte sie zugleich ein: „Ich hätte mir von den an der Aktion #allesdichtmachen beteiligten Schauspielerinnen und Schauspielern deutlich mehr Empathie für die Menschen gewünscht, die vom Coronavirus betroffen sind oder im Gesundheitssystem harte Arbeit leisten.“ Es gehe in dieser Naturkatastrophe um die Rettung von Menschenleben, „das dürfen wir nie vergessen“.

Video
#allesdichtmachen – Wie 53 Schauspieler die Corona-Politik in Deutschland kritisieren
1:33 min
Die mehr als 50 Promis, die in ironischen Clips mit der Corona-Politik abrechneten, lösten eine große Diskussionswelle im Internet aus.  © RND

Grütters sagte, sie werde sich „weiterhin mit aller Kraft für die Sicherung der kulturellen Vielfalt in Deutschland einsetzen“. So sei das Programm „Neustart Kultur“ auf zwei Milliarden Euro aufgestockt worden.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rief zu Solidarität auf: „Es sind jetzt nur noch wenige Wochen, bis der Impfeffekt die dritte Welle bricht. Das schaffen wir auch noch, aber nur gemeinsam.“ Ihn habe die Aktion nicht überzeugt, schrieb Lauterbach auf Twitter weiter. Er forderte: „Trotzdem müssen wir alle mit Anschuldigungen und Beleidigungen abrüsten.“

„Solange Menschen sterben, müssen wir was tun“

Der Kulturrat hält die satirische Protest-Aktion für „nicht hilfreich“. Die Schauspieler hätten mit ihren ironisch überspitzten Videos eine große Irritation ausgelöst, sagte Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Natürlich dürfen die das sagen, keine Frage“, sagte Zimmermann. Aber das Anliegen der Kulturwirtschaft, etwa Veranstaltungen im Freien zu ermöglichen, bekomme jetzt einen „Zungenschlag“.

Es sei richtig, dass es das Infektionsschutzgesetz gebe und klare bundesweite Regeln für Einschränkungen gefunden worden seien, unterstrich Zimmermann: „Solange Menschen sterben, müssen wir was tun.“

Spahn zeigt sich gesprächsbereit

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Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte den Initiatoren ein Dialogangebot gemacht. „Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert.“

Er habe sich noch nicht selbst alles anschauen können, sagte der Minister. Er fände es aber schade, „wenn der Eindruck da wäre, dass es nicht auch kontroverse, abwägende Diskussionen gibt“. Dies habe im Bundestag stattgefunden. Spahn äußerte zudem Verständnis dafür, dass Künstler auf Härten der Krise aufmerksam machten.

Linker Klaus Lederer positioniert sich gegen Aktion

Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat sich klar gegen die Internetaktion positioniert. „Ich kann gut nachvollziehen, dass es nach 13 Monaten Pandemie schwer fällt, Kraft und Zuversicht zu behalten“, sagte der Linke-Politiker der dpa in Berlin.

Er teile manche Kritik „an der Pauschalität der sogenannten Notbremse, die uns Wege verschließt, zu lernen, wie unter Pandemiebedingungen kulturelles Leben ermöglicht werden kann.“ Gleichzeitig sagte er: „Wenig Verständnis habe ich für Ignoranz gegenüber den massiven Gefahren und den Folgen, die Covid für unsere Gesellschaft bedeutet. Zynismus und Hohn sind unangebracht“, so Lederer, der aktuell auch der Kulturministerkonferenz der Länder vorsitzt.

Prominente Schauspieler kommentierten Corona-Politik

Dutzende prominente Schauspieler hatten am Donnerstag ironisch-satirische Videos veröffentlicht und darin die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert und damit eine Debatte ausgelöst. Es beteiligten sich unter anderem Jan-Josef Liefers, Ulrich Tukur, Volker Bruch und Meret Becker.

RND/dpa/epd

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