Heute vor 30 Jahren: Thüringen feiert die Mitte

  • Am 20. Februar 1990 hielt Bundeskanzler Helmut Kohl eine Rede in Erfurt - und rund 100.000 Menschen strömten begeistert zusammen.
  • Seine Botschaft ans Publikum lautete: Ihr seid gerade etwas verunsichert - aber ihr seid genauso fleißig und intelligent wie die Menschen im Westen.
  • Wertschätzung plus Zusammengehörigkeit: Diese Verbindung zwischen Regierenden und Regierten bedeutete schlechte Karten für die Radikalen.
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In Erfurt gibt es eine Helmut-Kohl-Straße.

Viele Wessis wundern sich darüber. Eine Helmut-Kohl-Straße gibt es bislang nicht mal in Ludwigshafen. Wie passt das zum Bundesland Thüringen, das doch dauernd Schlagzeilen macht wegen starker politischer Ränder links und rechts und einer schwachen Mitte?

Zu besichtigen ist in Thüringen eine parteiübergreifende Verneigung vor dem Kanzler der Einheit. „Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung für Deutschland“, sagt Bodo Ramelow, der frühere Ministerpräsident der Linkspartei. „Helmut Kohl hat sich um Deutschland sehr, sehr verdient gemacht.“

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Kohls Rede zielte auf Psychologie

Ramelow weiß: Niemand in Thüringen hat, allen aktuellen Turbulenzen zum Trotz, den 20. Februar 1990 vergessen. Damals hielt Kohl eine Rede in Erfurt. 100 000 Menschen strömten auf dem Domplatz zusammen. Es war und es blieb die größte politische Kundgebung in der Geschichte der Stadt.

Wie schaffte es der damalige Kanzler, so viele Menschen zu vereinen? Alte und Junge, Arme und Reiche, Gewerkschafter und Firmengründer standen Seite an Seite, schwenkten Deutschland-Fahnen und riefen: „Helmut, Helmut!“ Eine AfD hätte man in diesem Moment wirklich nicht gebraucht.

Kohls Rede zielte mehr auf Psychologie als auf Parteipolitik. Viele Ostdeutsche freuten sich gerade über ihre neu gewonnene Freiheit. Zugleich aber blickten sie beklommen auf die mit der Marktwirtschaft bevorstehenden neuen Risiken.

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Dem Kanzler ging es in dieser Lage darum, Ängste zu lindern, auch ein sich leise ausbreitendes Minderwertigkeitsgefühl. Den Thüringern rief Kohl zu: „Sie sind genauso fleißig, genauso intelligent, genauso einsatzbereit wie die Menschen in der Bundesrepublik.“

Serum gegen Haltlosigkeit

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Kohls Aussagen waren klar, sie waren emotional, und sie wirkten auf Bewusstsein und Unterbewusstsein zugleich. Er injizierte dem Publikum gleichsam ein Serum gegen exakt jene Haltlosigkeit und Mutlosigkeit, die heute viele Menschen in die Radikalisierung treibt.

Kohls Kritiker, klar, tippten sich damals einmal mehr an den Kopf. Der Kanzler, sagten sie, fahre jetzt durch Ostdeutschland und mache den Menschen unhaltbare Versprechen. Dabei wisse Kohl ja selbst nicht genau, wie dieses oder jenes geregelt werden könne. Wie etwa sollte es genau weitergehen mit der Wirtschaft, mit der Währung, mit den sozialen Sicherungssystemen?

Unterzeichnung des Staatsvertrags zwischen der BRD und der DDR zur Bildung einer Wirtschafts- Währungs- und Sozialunion am 18.05.1990 in Bonn: Walter Romberg, Finanzminister der DDR , Lothar de Maziere, Ministerpräsident der DDR, Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesfinanzminister Theo Waigel. © Quelle: imago images/Rainer Unkel

Für all diese sachlichen Einwände mag es gute Gründe gegeben haben. Dennoch lag Kohl goldrichtig – auch und gerade wenn man ihn 30 Jahre später aus Sicht der internationalen Populismusforschung beleuchtet. Ein Gefühl des Angenommenseins, der Wertschätzung, des Gesehenwerdens der Menschen durch die Politik ist der Anfang von allem, wenn der Faden nicht reißen soll zwischen Regierenden und Regierten. Kann die Mitte diese emotionale Beziehung nicht herstellen, tun es andere – und bekommen entsprechenden Zulauf.

Von einem völlig unterschätzten Bedürfnis der Menschen nach Würde und Stolz spricht der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama in seinem Buch „Identität“. Die Bedeutung des „Thymos“, der seelischen Befindlichkeit, werde von den westlichen Gesellschaften verkannt – hier liege eine Art Urgrund der modernen populistischen Aufwallungen.

Tatsächlich verliert sich die Politik oft in materiellen Details – während zwei mächtige Zentrifugalkräfte, die es zu Kohls Zeiten so noch gar nicht gab, die gesamte Gesellschaft in lauter beziehungslose Einzelteile auseinandertreiben: Globalisierung und Digitalisierung.

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Soziale Netzwerke belohnen klare Kante

Die sozialen Netzwerke, das hat inzwischen jeder gelernt, belohnen die klare Kante. Die meisten ­„Likes“ gibt es für die frechste Provokation. Alles ist zackig, alles ist steil. Wer sich dagegen einlässt auf ein Denken in altmodischen Kategorien von Kompromiss und Ausgleich, wirkt gestrig, als säße er in einer Strickjacke in Opas altem Ohrensessel.

Jahrzehntelang pflegte Deutschland einen Mitte-Kult. Willy Brandt gab die launige Parole aus, die SPD müsse die „Partei des donnernden Sowohl-als-auch“ sein. Die SPD wollte nur ja nicht als zu links, die CDU nur ja nicht als zu rechts erscheinen. Und den meisten Szenenapplaus bekam, wer elegant ins jeweils andere Lager hinüberzugreifen verstand.

Gerhard Schröder beeindruckte den CDU-Wirtschaftsflügel, Liberale und Unternehmer, als er seine Hartz-IV-Reformen vom Stapel laufen ließ. Angela Merkel verblüffte Freund und Feind durch ihre Offenheit für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, den Atomausstieg und die Aussetzung der Wehrpflicht.

Auf dem SPD-Kanzler wie auf der CDU-Kanzlerin allerdings lasten heute fragende Blicke: War das alles der Weisheit letzter Schluss? Haben nicht beide eine zu große Entfremdung von den jeweils eigenen Leuten in Kauf genommen – und damit einen zu hohen Preis bezahlt?

22. November 2005: Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder übergibt das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel.
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Unterm Strich hat Schröder die Linkspartei gefördert – und Merkel die AfD. Beide haben Deutschland auf eine sehr moderne Art regiert – die aber am Ende nicht mehr ganz zu Land und Leuten passte.

Viele Deutsche zeigen mit dem Finger auf Osteuropa und sagen, die Menschen dort seien rückständig. Dabei werden regelmäßig jene übersehen, die in Deutschland nach außen hin alles mitmachen, aber tiefer sitzende Veränderungsängste haben. Kohl nahm auf die Stillen stets Rücksicht. Nie hätte er mal eben die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammengelegt. Lieber sollte sein Sozialminister Norbert Blüm, der einzige Minister, den Kohl 16 Jahre lang im Amt beließ, an dieser Stelle den Stillstand verwalten.

Viele wenden sich insgeheim ab

Oft werden in der Politik unter gleißenden Scheinwerfern Veränderungswille und Modernität proklamiert, begleitet von rauschendem Applaus. Doch was nützt das, wenn viele sich insgeheim abwenden? Die vielzitierte Mitte im Land ist oft nicht ganz so schick und nicht ganz so cool, wie viele denken. Barack Obama predigte acht Jahre lang „Change“ – dann übernahm Donald Trump. Emmanuel Macron wollte ein moderneres, umweltfreundlicheres Frankreich – und sah sich plötzlich umringt von zündelnden Gelbwesten.

In Deutschland ist Kohlendioxidvermeidung zum Thema Nummer eins geworden. In Talkshows bescheinigen Angehörige der Eliten einander, dass sie gern auf diese oder jene Flugreise verzichten und für Fleisch gern ein, zwei Euro mehr zahlen wollen. Merkt niemand, wie eiskalt dies alles wirken kann auf Leute, die wenig Geld haben und sich inzwischen stumm einrichten auf teurere Lebensmittel, teurere Reisen und teureren Nahverkehr – nachdem die Mieten bereits auf Rekordniveau gestiegen sind?

Dass Kohl im Februar 1990 nach Thüringen reiste, um die Zugehörigkeit der Thüringer zu Deutschland zu betonen, erscheint vielen bis heute als ebenso stumpfes wie biederes Manöver. Doch ein solches gezieltes Herangehen der Politik an Menschen, die sich nicht im Zen­trum sehen, ist gefragter denn je, nicht nur in Deutschland.

Pete Buttigieg ist bewirbt sich als Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten. © Quelle: imago images/ZUMA Press

Pete Buttigieg, Sieger der US-Demokraten bei den Vorwahlen in Iowa, sieht eine „Krise der Zugehörigkeit“ (crisis of belonging) als größtes inneres Problem der USA. Überwinden will er diese Krise nicht, indem er die betont rechte Politik Trumps mit einer betont linken Politik kontert, sondern indem er gegen dessen Politik der Spaltung den Versuch eines Zusammenführens setzt.

Und so hört man jetzt im US-Wahlkampf Botschaften, die genauso klingen wie die von Helmut Kohl in Erfurt. Hey, ihr fühlt euch vielleicht etwas verunsichert im Augenblick, ich verstehe euch. Aber ihr müsst wissen: Wir alle gehören zusammen. Und wenn wir jetzt aufeinanderzugehen, einander die Hände reichen und hart arbeiten, können wir eine gute gemeinsame Zukunft schaffen.

So geht Politik der Mitte.

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