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Baltic Pipe – die nächste Ostseeröhre kommt bestimmt

  • Der Streit um die Erdgaspipeline Nord Stream 2 lässt ähnliche Projekte im Hintergrund verschwinden.
  • Polen treibt den Bau einer eigenen Gasleitung durch die Ostsee voran und erhält dafür sogar Fördermittel der EU.
  • Schon 2022 soll Gas aus Norwegen nach Polen fließen. Kritiker halten das für keine gute Idee.
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Berlin. Während die Ostseepipeline Nord Stream 2 nicht aus den Schlagzeilen kommt, reift am Mare Balticum quasi unbemerkt ein weiteres Gasprojekt heran, das eigentlich nicht minder von Interesse sein sollte. Sein Name: Baltic Pipe.

Auf der Website heißt es: „Das Baltic-Pipe-Projekt und Nord Stream 2 sind zwei verschiedene Projekte. Bei beiden Projekten geht es um Gas und beide sollen durch die Ostsee verlaufen. Allerdings stellt das Baltic-Pipe-Projekt eine Verbindung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten Dänemark und Polen her.“ „Allerdings“ kommt das Gas, um das es geht, aus Norwegen, das nach wie vor – wie Russland – nicht der EU angehört.

© Quelle: RND
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Nord Stream 2 soll russisches Erdgas nach Deutschland pumpen und steht aus drei Gründen unter Feuer: Erstens wirtschaftlich: Die Amerikaner möchten ihr Frackinggas in Europa verkaufen und argumentieren mit „europäischer Abhängigkeit“ der EU von den Russen. Zweitens politisch: Die USA haben beteiligte Firmen mit Sanktionen belegt, was weithin als völkerrechtswidrige Einmischung in europäische Angelegenheiten gesehen wird. Andererseits versucht man, das Projekt als Hebel zu benutzen, um Druck auf Moskau auszuüben – etwa wegen der Krim-Annexion, dem Ukraine-Konflikt oder der Nawalny-Inhaftierung. Drittens ökologisch: Die Grünen und die Umweltverbände sind generell dagegen, weil sie den weiteren Verbrauch fossiler Energieträger ablehnen.

Von der Nordsee 900 Kilometer bis nach Polen

Punkt drei trifft auch auf die Baltic Pipe zu. Sie wird etwa 900 Kilometer lang und an die Pipeline Eurogas II, die norwegisches Gas nach Dornum in Niedersachsen führt, in der Nordsee angeflanscht. Von dort geht es durch die Dünen quer über die Halbinsel Jütland, durch die Ostsee bis zur Insel Fünen, danach wieder in die Ostsee bis zur Insel Seeland und von dort dann durch die Ostsee nach Polen. Bauträger sind die polnische Gazsystem und die dänische Energinet.

Die Baltic Pipe soll pro Jahr zehn Milliarden Kubikmeter Gas von Norwegen über Dänemark nach Polen transportieren. Zum Vergleich: Nord Stream 2 schafft durch zwei Röhren zusammen 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Das heißt, die Baltic Pipe ist deutlich kleiner dimensioniert, was aber den Aufwand und die Beeinträchtigung der Natur nicht unbedingt verringert. „Die Leitung muss an Land und auf dem Grund der Nord- und Ostsee verlegt werden, dazu kommt noch eine Kompressorstation auf einer Insel mitten in der Natur. Für die reinen Verlegekosten macht es nicht viel aus, ob man ein dünneres oder ein dickeres Rohr verwendet, und die Beeinträchtigung der Natur bleibt dieselbe“, sagt Dr. Wolfgang Peters.

Peters hat 33 Jahre in der Gasindustrie gearbeitet, zuletzt acht Jahre als CEO für RWE in Tschechien. Heute betreibt er mit The Gas Value Chain Company (Friedrichskoog) sein eigenes Beratungsunternehmen und hat sich in einer Studie intensiv mit dem polnischen Gasmarkt und auch mit der Baltic Pipe beschäftigt. Sein Fazit: „Das Projekt ist wirtschaftlich unsinnig. Zu immensen Kosten wird eine Teilmenge des bereits nach Deutschland fließenden Gasstromes physisch umgeleitet, obwohl man für ein paar Cent den Transport landseitig von Dornum nach Polen über Frankfurt an der Oder bewerkstelligen könnte.“ Die Baltic Pipe sei ausschließlich politisch motiviert, mit dem Ziel, sich von einer – gar nicht bestehenden – Abhängigkeit von Russland „befreien“ zu wollen.

Ab 2022 ohne russische Erdgasimporte

Es ist kein Geheimnis, dass Polen nach 2022 ohne russisches Erdgas auskommen will. Der staatseigene polnische Versorger PGNiG hat angekündigt, dass er den langfristigen Liefervertrag mit dem russischen Exporteur Gazprom, der Ende 2022 ausläuft, nicht verlängert. Deshalb arbeitet man neben der Erweiterung eines vorhandenen und dem Bau eines neuen Flüssiggasterminals, mit deren Hilfe Gastanker aus aller Welt abgefertigt werden können, zielstrebig am Projekt Baltic Pipe. „Wir haben alle notwendigen Entscheidungen getroffen“, sagt Gazsystem-Präsident Tomasz Stepien. Der Projektplan sei trotz Pandemie nicht gefährdet und: „Gas aus Norwegen wird im Oktober 2022 durch die Ostsee nach Polen fließen.“

Das Projekt soll etwa 2 Milliarden Euro kosten, was Peters eher für zu gering veranschlagt hält. Die EU hat 215 Millionen Euro Fördermittel genehmigt, während Nord Stream 2 rein privat finanziert ist. Die Kosten hier: bisher etwa 8 Milliarden Euro.

Video
Umstrittene Ostseepipeline: Weiterbau von Nord Stream 2 genehmigt
1:09 min
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat den sofortigen Weiterbau der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 in deutschen Gewässern genehmigt.  © dpa
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Polen will sich nach eigenen Angaben zur Drehscheibe entwickeln, um künftig das Baltikum, aber auch die Ukraine und die Slowakei mit Gas zu beliefern. Peters hält das für keine gute Idee: „Wir haben inzwischen einen transnationalen nordwesteuropäischen Gasmarkt, von dem Polen sich abschottet und dann später überhöhte Preise durchreicht.“ Polen säße wie ein „Korken in der Flasche“ zwischen dem liquiden nordwesteuropäischen Handelsmarkt und den östlichen Nachbarn. Peters: „Wenn etwas Europa spaltet, wie es ja so oft von Nord Stream 2 behauptet wird, dann ist es dieses polnische Verhalten.“ In der Tat ist ein Verfahren der Kommission gegen Polen wegen Beeinträchtigung des grenzüberschreitenden Handels anhängig.

Zukunft Gas und die Grünen äußern sich eher skeptisch

Auch das beteiligte EU-Land Dänemark, das selbst den Verbrauch fossiler Brennstoffe rigoros zurückfährt, handelt möglicherweise nicht ganz uneigennützig. Es verfügt über eigenes Erdgas, das nach wie vor gefördert, aber im Land nicht mehr verbrannt werden soll, dafür aber in die Baltic Pipe eingespeist und nach Polen geliefert werden könnte.

Beim Branchennetzwerk Zukunft Gas e. V., dem 130 Unternehmen angehören, sieht man alle neuen Investitionen grundsätzlich positiv, denn Europa werde aufgrund des Kohleausstiegs mehr Gas importieren müssen. Allerdings sei die Baltic Pipe nur ein Abzweig von einer bestehenden Importpipeline. Für Europa entstünden damit keine neuen Kapazitäten. „Im Gegensatz zum Nord-Stream-2-Projekt, das sehr gut ins europäische Gassystem integriert ist, ist Baltic Pipe eher ein nationales, polnisches Projekt“, sagte Zukunft-Gas-Geschäftsführer Timm Kehler gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir würden daher eine bessere Integration des polnischen Marktes in den europäischen Binnenmarkt begrüßen. Dies umso mehr, da Baltic Pipe auch mit europäischen Steuergeldern finanziert wird.“

Kritisch sehen das Projekt auch die Grünen, allerdings aus genereller Sicht: „Der Bau von Pipelines, Terminals und Kraftwerken, die ausschließlich auf fossiles Erdgas setzen, verzögert den Umstieg auf erneuerbare Energien und birgt zudem enorme finanzielle Risiken. Zusätzliche Infrastruktur für Erdgas steht dem Klimaschutz also klar im Wege“, sagte Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik der Bundestagsfraktion, dem RND. „Das gilt auch für das Projekt Baltic Pipe“.

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