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Podcast “Corona und wir”: Von Tränen, Tapferkeit und Zuversicht in der Pandemie

  • 30 Menschen – 30 Schicksale: Im Podcast “Corona und wir – Geschichten aus dem Leben” haben Menschen über die Folgen der Corona-Pandemie auf ihr Leben berichtet.
  • Von der Postbotin bis zur “Tagesthemen”-Moderatorin, vom Bestatter bis zu Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder – sie alle erzählten Imre Grimm, dem Leiter des Teams Gesellschaft beim RND, von ihren Ängsten und Hoffnungen.
  • Und manchmal gab es Tränen. Ein persönlicher Rückblick.
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Auf dem Tisch steht Kuchen, eine Mitarbeiterin hat Geburtstag. Es ist Ende April, wir sitzen zwischen Küchentüchern und Kaffeemaschine im Hinterzimmer eines Supermarktes. Marktleiter Dimitri Herhold spricht über sein Team, er dankt seinen Mitarbeitern für die Arbeit im Wahnsinn dieser Wochen, da fängt er an zu weinen. Es ist zu viel. Zu viel Gefühl. Zu viel Dankbarkeit. Wir unterbrechen unser Gespräch. “Die haben alle auf freie Tage verzichtet, auf Urlaub”, sagt er. Und das in einer Zeit, in der nicht mehr vieles so ist, wie es einmal war. Die 13. Folge des Podcasts “Corona und wir” endet unerwartet: mit Tränen.

“Wie hat Corona ihr Leben verändert?”

“Corona betrifft alle.” Das war so eine Floskel, die Journalisten in den ersten Wochen der Pandemie gern gebrauchten, um die Unvergleichlichkeit dieser Katastrophe zu illustrieren. Daraus entstand die Idee, nicht nur über all diejenigen zu sprechen, die jetzt ihr Leben neu sortieren, um ihren Job fürchten müssen, die Kinder im Homeoffice betreuen, sich selbst in Gefahr begeben und den Laden am Laufen halten – sondern mit ihnen. “Wie hat Corona Ihr Leben verändert?” Das war die Ausgangsfrage, der Leitgedanke der Podcastreihe “Corona und wir”, die aus diesem Impuls geboren wurde.

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“Wollen wir in den Wintergarten gehen?”: Altbundeskanzler Gerhard Schröder beim Podcastgespräch mit RND-Autor Imre Grimm. © Quelle: Gerhard Schröder

Am 18. März – fünf Tage, bevor Deutschland seine Schulen und Geschäfte schloss und in den Lockdown ging – erschien die erste von am Ende 30 Folgen des Podcasts “Corona und wir – Geschichten aus dem Leben”. Apotheker Tobias Münkner erzählt darin von verzweifelten Kunden, vom seltsamen Gefühl, die letzte Flasche Paracetamol-Saft in den Händen zu halten, von Medikamentenknappheit in der Industrienation Deutschland und vom Bemühen, sich und sein eigenes Team vor dem neuartigen Virus zu schützen. “Ich begrüße die Menschen gern, ich nehme sie in den Arm – das geht jetzt nicht.” Es seien “irreale Zeiten”, sagt er. Was ihm Mut macht: “Es ist das Netzwerk vor Ort, das die Menschen trägt, nicht die globalisierte Welt. Und diese Gemeinschaft funktioniert.”

Eine große Bereitschaft, vom neuen Alltag zu erzählen

29 weitere Ausgaben folgten. Und schnell zeigte sich, dass der Satz “Corona betrifft alle” zwar zutrifft, aber unvollständig ist. Vollständig muss er lauten “Corona betrifft alle – aber jeden anders”. Zwar teilen die meisten Menschen die existenziellen Sorgen um die Gesundheit und die Folgen der Krise – doch das, was das Virus im konkreten Leben anrichtet, die Art also, wie es den beruflichen und privaten Alltag durcheinanderschüttelt, ist höchst unterschiedlich. Überall traf ich auf eine große, oft anrührende Bereitschaft, von diesem neuen Alltag zu erzählen.

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Der Pastor Jens M. Wening etwa sorgt sich in einer Zeit ohne gemeinsame Gottesdienste und direkte Begegnung um den sozialen Zusammenhalt. Ostern ohne Gottesdienst – ein Novum in der Kirchengeschichte. “Selbst im Zweiten Weltkrieg hat man im Schützengraben Weihnachten gefeiert.” Er hofft aber auch: “In spätestens zwei Jahren werden wir durch sein.” Der Veranstalter Henning Chadde klagt über mangelnden politischen Rückhalt für Kleinkünstler und freie Theater. Die Briefzustellerin Nicole Bode rühren die Bilder der einsamen, älteren Damen, die hinter dem Vorhang aus der Wohnung winken, weil die Postbotin der einzige Sozialkontakt des Tages ist. Die Kinderärztin Margarete Daiber-Helmbold staunt über die Improvisationskraft ihres Teams, das mal eben ein Rezept-Drive-in am Praxisfenster eröffnete und von dem Tag träumt, wenn die kleine Holzeisenbahn im Wartezimmer wieder fahren darf. “Die Kinder verstehen nicht, dass die Eisenbahn nicht fährt.”

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“Einige sitzen weinend in ihren Autos”

Die Psychologin Ariane von Goldammer wechselt zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung hin und her. “Kinder spüren die Verunsicherung von uns Erwachsenen”, sagt sie. Polizeioberkommissar Frank Hodemann-Mrosek ringt noch um den richtigen Ton bei der Verfolgung von Verstößen gegen die Corona-Hygieneauflagen und sagt offen: “Wir Polizisten haben den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden.” Und Carsten Di Palma, 37-jähriger ehrenamtlicher Rettungssanitäter und Erste-Hilfe-Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), beobachtet an der Corona-Teststation an der Messe in Hannover, die in der Hochzeit von bis zu 600 Autos täglich frequentiert wird, herzzerreißende Szenen: “Viele lassen die Prozedur geduldig über sich ergehen”, sagt er. “Aber wenn man Angst hat, ist man eben nicht in Partylaune. Einige sitzen weinend in ihren Autos.” Und auch Tagesmutter Katrin Benke kommen während unseres Gesprächs die Tränen: “Für mich ist das ganz schrecklich – die Kinder fehlen mir so …”

Es ist eine Stimmung zwischen Tränen, Mut und Tapferkeit, die sich durch die 30 Gespräche dieses Podcasts zieht. Und ausnahmslos alle Gesprächspartner eint die feste Absicht, sich nicht unterkriegen zu lassen – und das Nötige zu tun. “Ich sitze teilweise bis halb eins nachts an der Nähmaschine und stehe morgens um sieben wieder auf, damit ich die Aufträge abarbeiten kann”, sagt etwa Maja Hüsers, die ehrenamtlich Gesichtsmasken näht. 14 Minuten benötigt sie pro Stück, die Nachfrage ist riesig. “Und ich bin nicht allein. Es gibt viele Näherinnen.”

Auch den Zootieren fehlt die Abwechselung

Stefanie Leitner, Zootierpflegerin im Zoo Hannover, erzählt vom “befremdlichen Gefühl”, fast der einzige Mensch in einem menschenleeren Zoo zu sein – und davon, dass auch den Tieren die Abwechselung durch die Besucher fehle. Der Gastronom Giuseppe de Feudis, Küchenchef und Besitzer des italienischen Restaurants Il Tartufo, bekommt Gänsehaut bei dem Gedanken, wie hilfsbereit und freundlich jetzt seine Stammgäste sind, die regelmäßig Essen zum Abholen bestellen, damit das Lokal über die Runden kommt. Und Marco Fenske, Chefredakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), berichtet vom neuen Redaktionsalltag im Homeoffice und von der politischen Stimmung im Land, in dem schon im April die Rufe nach Lockerungen wieder lauter werden: “Die Vernunft spricht leise, aber die Hoffnung ist, dass sie sich durchsetzen wird.”

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Henning Jenzen, Chefpilot bei Tuifly am Flughafen Hannover, erzählt, wie die Piloten in diesen Wochen regelmäßig im Flugsimulator sitzen, um fit zu bleiben. Und zeigt auf einem Bildschirm die Leere am Himmel: In einem normalen Mai sieht der Radar über Norddeutschland aus wie ein Strickmuster voller Linien und Codes. An diesem Tag im Mai zieht sich nur eine einzige Linie von links nach rechts. Es ist ein einsamer Postflug. Und das Gespräch mit dem Kabarettisten Matthias Brodowy wird zu einem wilden Parforceritt durch die Spielarten der Kulturnation Deutschland – von Max Giesinger (”Ich halte diesen melancholischen, juchzenden Weltschmerz nicht aus”) bis zur fehlenden Systemrelevanz des Bestatterwesens (”Das ist hoch problematisch und unvorstellbar!”), verbunden mit dem dringenden Appell an die Politik, sich endlich um die Kultur zu kümmern.

Ein lebendiges Gespräch mit einem Bestatter

Bestatter? Eine gute Idee für einen Gesprächspartner. Wenige Tage später sitze ich bei Stefan Burmeister-Wiese, Bestatter in sechster Generation. Er erzählt, wie er als Kind zwischen Särgen Verstecken spielte. Und wie schwer es Angehörigen fällt, in dieser harten Phase der Kontaktverbote nicht Abschied nehmen zu können von Verstorbenen. Das gesellschaftliche Trauma, das daraus erwachsen sei, werde noch lange zu spüren sein, sagt Burmeister-Wiese. Es ist ein überraschendes, offenes und – jawohl – lebendiges Gespräch.

Das gilt auch für die Begegnung mit Caren Miosga, “Tagesthemen”-Moderatorin. Ich treffe sie beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg-Lokstedt. “Wieso glauben wir immer, dass die Mütter das alles so nebenbei machen?!”, fragt sie. Und erzählt offen und frei vom Ausnahmezustand bei den “Tagesthemen”: “Die Redaktion funktioniert im Krisenfall wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber man kann diese Krise ja mit keiner vergleichen, die es vorher gegeben hat.”

Am Ende, für die 30. Folge, treffe ich den einzigen noch lebenden früheren Bundeskanzler. “Gerhard Schröder, Rechtsanwalt” steht schlicht auf dem Türschild seiner Kanzlei im hannoverschen Zooviertel. Innen sind die Wände holzvertäfelt, das Parkett knarzt, in seinem Büro hallt es. Der Altkanzler, blendend gelaunt, trägt einen himmelblauen Anzug. “Wollen wir in den Wintergarten gehen?”, fragt er. “Da ist die Akustik besser.” Und spricht dann eine knappe Stunde lang über die Krisenpolitik der Regierung, über seine SPD-Sorgen, über Russland und die Agenda 2010. Und über ein viel diskutiertes Instagram-Foto, das seine Frau Soyeon Schröder-Kim veröffentlicht hat. Es zeigt Schröder in blauer, ärmelloser Daunenweste beim Rühren in einer Pfanne. “Ich koche inzwischen ganz gern”, sagt er, “nicht so sehr gut und auch nicht viel, ich kann Pilze machen in der Pfanne und auch Bratkartoffeln mit Spiegelei und gelegentlich Spaghetti.”

Doch es geht auch um harte Politik. Der SPD empfiehlt er, mit einem Fünferteam in den Bundestagswahlkampf zu ziehen – für die SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sieht er darin keinen Platz. Und über Donald Trump fällt er ein knallhartes Urteil: “Ein schwieriger Mensch – und sicher völlig ungeeignet für das Amt, das er hat.”

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Es ist der Abschluss einer Gesprächsreise durch ein verunsichertes, aber nicht verzweifeltes Land, an deren Ende eine Erkenntnis steht, die fast etwas Tröstliches hat: Nichts ist so wertvoll und menschlich wie das Gefühl, mit dem eigenen Schicksal nicht allein zu sein. Wenn dieser Podcast auch nur Momente geschaffen hat, in denen die Kraft einer Art Schicksalsgemeinschaft zu spüren war, dann hat er seinen Zweck erfüllt.


ALLE 30 FOLGEN DES PODCASTS “CORONA UND WIR”:

Folge 1: Der Apotheker

mit Tobias Münkner und Güler Savucu, pharmazeutisch-technische Assistentin

Apotheker Tobias Münkner und Güler Savucu, pharmazeutisch-technische Assistentin. © Quelle: Katrin Kutter

Folge 2: Der Veranstalter

mit Henning Chadde, Kulturmanager und Poetry-Slam-Veteran

Poetry-Slam-Veranstalter Henning Chadde. © Quelle: Katrin Kutter

Folge 3: Der Pastor

mit Jens M. Wening

Pastor Jens M. Wening. © Quelle: Katrin Kutter

Folge 4: Der DRK-Helfer

mit Carsten Di Palma, ehrenamtlicher DRK-Helfer und Erste-Hilfe-Ausbilder

DRK-Helfer Carsten Di Palma an der Corona-Teststation auf dem Messegelände in Hannover. © Quelle: Katrin Kutter

Folge 5: Die Briefzustellerin

mit Nicole Bode von der Deutschen Post

Folge 6: Die Kinderärztin

mit Margarete Daiber-Helmbold

Kinderärztin Margarete Daiber-Helmbold.

Folge 7: Die Psychologin

mit Ariane von Goldammer, Diplom-Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung

Ariane von Goldammer, Diplom-Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung.

Folge 8: Der Chefredakteur

mit Marco Fenske, Chefredakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND)

Marco Fenske, Chefredakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). © Quelle: RND

FOLGE 9: Der Busfahrer

mit Martin Krusch, Busfahrer bei den Hannoverschen Verkehrsbetrieben Üstra

Busfahrer Martin Krusch. © Quelle: Katrin Kutter

Folge 10: Der Polizist

mit Polizeioberkommissar Frank Hodemann-Mrosek

Polizeioberkommissar Frank Hodemann-Mrosek.

Folge 11: Die Tagesmutter

mit Katrin Benke

Tagesmutter Katrin Benke.

Folge 12: Die Maskennäherin

mit Maja Hüsers, ehrenamtliche Gesichtsmaskendesignerin

Maja Hüsers, ehrenamtliche Gesichtsmaskendesignerin.

Folge 13: Der Supermarktleiter

mit Dimitri Herhold

Folge 14: Der Taxifahrer

mit Frank Wiencke

Folge 15: Der Altenpfleger

mit Alexander Hassun, Altenpfleger

Folge 16: Der Einzelhändler

mit Sebastian Rechenbach, Geschäftsführer des Textilienhauses I. G. von der Linde in Hannover

Folge 17: Die Zootierpflegerin

mit Stefanie Leitner, Zootierpflegerin im Zoo Hannover

Stefanie Leitner vom Zoo Hannover. © Quelle: stefanie leitner zoo hannover

Folge 18: Der Lehrer

mit Harald Haupt, Lehrer an der Grundschule Stammestraße in Hannover-Ricklingen

Folge 19: Der Restaurantbesitzer

mit Giuseppe de Feudis, Besitzer und Küchenchef des Restaurants Il Tartufo in Laatzen

Giuseppe de Feudis, Besitzer und Küchenchef des Restaurants Il Tartufo in Laatzen. © Quelle: Nancy Heusel

Folge 20: Der Pilot

mit Henning Jenzen, Chefpilot bei Tuifly am Flughafen Hannover

Folge 21: Der Kabarettist

mit Matthias Brodowy

Kabarettist Matthias Brodowy. © Quelle: picture alliance / SvenSimon

Folge 22: Der Messebauer

mit Tim-Alexander Karrußeit, Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Messebau Hoffmann in Hannover

Folge 23: Der Bestatter

mit Stefan Burmeister-Wiese von Wiese Bestattungen in Hannover

Bestatter Stefan Burmeister-Wiese. © Quelle: Stefan Burmeister-Wiese

Folge 24: Der Tanzlehrer

mit Chris Vogt, Besitzer der Tanzschule Step by step in Hannover

Chris Vogt, Besitzer der Tanzschule Step by step in Hannover. © Quelle: Chris Vogt

Folge 25: Der Hotelier

mit Cord Kelle, Direktor des Congress Hotels am Stadtpark in Hannover

© Quelle: Cord Kelle, Hoteldirektor im Congresshotel am Stadtpark

Folge 26: Die “Tagesthemen”-Moderatorin

mit Caren Miosga

Caren Miosga, Moderatorin der “Tagesthemen”.

Folge 27: Die Hausärzte

mit Dr. Gunnar Rustien und Volker Cosmann, Hausärzte

Folge 28: Die Erzieherin

mit Marion Markowic, städtische Kindertagesstätte Moritzberg in Hildesheim

Folge 29: Die Wissenschaftlerin

mit Katharina Rox, Postdoc in der Abteilung Chemische Biologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

Folge 30: Der Altbundeskanzler

mit Gerhard Schröder, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1998 bis 2005


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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