Plot-Twist im US-Wahlkampf

US-Präsident Donald Trump ist am Coronavirus erkrankt – mit unabsehbaren Folgen für ihn, für die Wahl, für Amerika. Wenn man meint, wilder kann es nicht mehr werden in diesem US-Präsidentschaftswahlkampf, passiert genau das: Es wird wilder. Lesen Sie die neue Ausgabe unseres Newsletters über das wendungsreiche Rennen ums Weiße Haus.

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Liebe Leserinnen und Leser,

schön, dass Sie sich zum Ende dieser turbulenten Wahlkampfwoche Zeit für unseren US-Newsletter nehmen. Von einem “Plot-Twist” sprechen Drehbuchautoren, wenn die Handlung einer Serie eine ganz und gar unverhoffte Wendung nimmt. Der an unwahrscheinlichen Volten ohnehin reiche Präsidentschaftswahlkampf erlebt nun einen weiteren überraschenden Plot-Twist: US-Präsident Donald Trump, 74, und seine Ehefrau Melania, 50, haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Folgen sind unabsehbar: für das Ehepaar Trump, für die US-Wahl, für Amerika.

Wir unternehmen in der heutigen Ausgabe unseres Newsletters den Versuch, die dramatische Nachricht von der Covid-19-Erkrankung des Präsidenten einzuordnen. Und wir schauen, wie diese Diagnose die Dynamik des Wahlkampfs im Zuge der ersten, denkwürdigen TV-Debatte zwischen US-Präsident Trump und seinem Herausforderer Joe Biden verändern könnte.

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Aufmerksamen Hörern fiel Trumps kratzige Stimme auf, als er am Donnerstagabend dem rechten TV-Sender Fox News ein Telefoninterview über die Covid-19-Erkrankung seiner Beraterin Hope Hicks gab. Auch Trumps Vertraute im Weißen Haus horchten auf. Laut einem Bericht der “New York Times” waren sie sich jedoch nicht sicher, ob Trumps rauer Ton etwas zu bedeuten hatte – schließlich hatte der Präsident in den vergangenen Tagen einige Wahlkampfauftritte absolviert.

Hope Hicks zählt zum engsten Beraterkreis des Präsidenten im Weißen Haus. Ihre Covid-19-Infektion wurde am Donnerstagabend bekannt – wenige Stunden vor der Erkrankung Donald Trumps. © Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Wenige Stunden später lag das positive Testergebnis vor. Trump, der die Gefahr des Virus herunterspielt, sich über das Tragen von Masken lustig macht und Wahlkampfveranstaltungen mit Tausenden Fans abhält – Handshakes inklusive – ist nun erkrankt. Ausgerechnet Trump. Oder vielleicht treffender: gerade Trump? Schließlich ist die Missachtung von Abstands- und Hygieneregeln der sicherste Weg zu einer Corona-Infektion. Und bisher war Trump die Galionsfigur der Corona-Regel-Verächter.

Weltweit haben sich nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität inzwischen 34,3 Millionen Menschen mit dem tückischen Virus infiziert. Doch kein Patient – darunter mehrere Staatsmänner – löste so viel Wirbel aus wie der amerikanische Präsident. In Asien und Europa starteten die Börsen mit massiven Verlusten in den Tag. In den USA dürften diese noch heftiger ausfallen, denn dort ist die Unsicherheit jetzt am größten.

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© Quelle: Screenshot/Twitter

Die Liste der offenen Fragen ist lang: Bis zum Wahltag, dem 3. November, bleibt nur noch ein Monat Zeit – kann Trump seinen Wahlkampf wiederaufnehmen? Selbst wenn der US-Präsident keine Symptome zeigen sollte, muss er eine Zeit lang in Quarantäne bleiben. Und was, wenn er Symptome zeigt oder gar schwer erkrankt – kann er dann überhaupt noch zur Wahl antreten? Muss diese womöglich verschoben werden?

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Klar ist immerhin: Sollte Trump nicht mehr imstande sein, zu regieren, übernimmt Vizepräsident Mike Pence, 61. Auch er unterzog sich jetzt einem Corona-Test. Das Ergebnis ist negativ.

Video
Geteiltes Echo auf Trumps Corona-Infektion
2:08 min
Immer wieder hatte der US-Präsident signalisiert, dass er die Hygienemaßnahmen zum Schutz gegen eine Ansteckung mit dem Corona-Virus nicht zu genau nimmt.  © Reuters

Das Virus kommt im Zentrum des Wahlkampfs an

Fest steht auch dies: Für seine Behauptung, das Virus werde schon von allein verschwinden, ist Trump selbst nun der beste Gegenbeweis. Trumps Bemühungen, die Pandemie und das schlechte Krisenmanagement der US-Regierung aus der Wahlkampfdebatte herauszuhalten, sind nun obsolet. “Das Virus passt nicht in sein Drehbuch”, kommentiert RND-Chefautor Matthias Koch. Corona ist im Weißen Haus angekommen – und damit auch im Zentrum des US-Wahlkampfs.

Dessen Dynamik dürfte sich nun anders entfalten, als es sich nach dem chaotischen TV-Duell zwischen Trump und Biden am Dienstag abzeichnete. Mit seiner Weigerung, die rechtsextreme Miliz “Proud Boys” klar und unmissverständlich zu verurteilen, handelte sich Trump Ärger in seiner Partei ein. “Inakzeptabel” nannte dies der Mehrheitsführer im Senat, der Republikaner Mitch McConnell. Senator Lindsey Graham rief Trump auf, “klar zu sagen, dass die ‘Proud Boys’ eine rassistische Organisation entgegen amerikanischer Ideale” sind. Das ist mächtig Gegenwind für Trump, der sich die Partei der Republikaner in den vergangenen dreieinhalb Jahren Untertan gemacht hat.

Beim ersten TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden wahrten die Kontrahenten den empfohlenen Sicherheitsabstand. © Quelle: Olivier Douliery/Pool AFP/AP/dpa
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Wer aber glaubte, dass Trump mit seinem rüden Auftritt die ihm bisher treu ergebenen Republikaner verprellt hat, dürfte nun eines Besseren belehrt werden. Die Partei dürfte sich jetzt hinter ihrem erkrankten Präsidenten wieder geschlossen vereinen.

Auch Trumps Herausforderer Biden kann nun seine Wahlkampfstrategie zu den Akten legen. Die Infektion des Präsidenten erfordert eine neue thematische Aufstellung – und sie erfordert von Bidens Leuten noch größere Anstrengungen als ohnehin schon, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der Gesundheitszustand des Präsidenten wird alle Pläne und Konzepte der Demokraten überschatten. Jetzt geht zum Beispiel unter, dass der Linke Bernie Sanders für Biden Wahlkampf machen will. Ein Schulterschluss, der bis vor Kurzem kaum denkbar schien – und Trumps Behauptung von der inneren Spaltung der Demokraten Lügen straft.

Trump hat derweil seine fürs Wochenende geplanten Wahlkampfauftritte abgesagt. An einem Termin aber hält er fest: Für Freitagmittag (Ortszeit) steht eine Telefonkonferenz zur Lage der von Covid-19 besonders bedrohten Senioren im Terminkalender. “Da kann der Präsident nun aus eigener Erfahrung mitreden”, schreibt unser US-Korrespondent Karl Doemens in seinem lesenswerten Bericht aus Washington.

Zahlen vor den Wahlen

Für den Präsidenten ist die Sache klar. Am Donnerstagmorgen twitterte Trump: “Ich habe die Debatte haushoch gewonnen, laut einer Zusammenstellung von Umfragen etc. Danke euch!” Details zu den Umfragen, auf die sich der Präsident bezog, oder über den genauen Inhalt von “etc.” blieb er schuldig. Die ersten verfügbaren Befragungen vermitteln jedoch ein gegensätzliches Bild zum Ausgang der ersten von drei geplanten TV-Debatten zwischen Trump und seinem Herausforderer Biden.

Laut einer CNN-Umfrage sahen 60 Prozent der Zuschauer in Biden den Sieger – und nur 28 Prozent in Trump. Laut einer Umfrage im Auftrag von CBS News erklärten 48 Prozent der Zuschauer Biden zum Sieger – und 41 Prozent Trump. Keine von beiden sieht Trump vorne. Auch nicht deren “Zusammenstellung”.

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Unsere Empfehlungen – zum Lesen, Hören, Sehen

Revierkampf im Rostgürtel: Kaum irgendwo tobt der amerikanische Wahlkampf so stark wie im rostigen Nordosten Pennsylvanias. In Scranton, dem Geburtsort von Joe Biden, geht der Riss zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Trump durch Familien. Unser US-Korrespondent Karl Doemens war vor Ort.

Steuertricks und TV-Debatten: RND-Audioredakteur Dennis Pyzik spricht mit dem USA-Kenner Prof. Curd Knüpfer über die Bedeutung der TV-Duelle im amerikanischen Wahlkampf.

“Man stumpft ab”: Die Außenpolitikexpertin Constanze Stelzenmüller berichtet im Videogespräch mit RND-Hauptstadtkorrespondentin Marina Kormbaki von der Gefahr, den alltäglichen Tabubruch in der US-Politik nicht mehr zu bemerken.

Wie man Wähler vom Wählen abhält

Die USA haben eine lange, unrühmliche Geschichte eingeschränkter Wahlfreiheit. Beim Zuschnitt von Wahlkreisen und der Ausstellung von Wahlbescheiden wird seit jeher aufs Heftigste getrickst. Auf eine besonders dreiste Idee verfiel nun der Bundesstaat Texas.

Der 4,7-Millionen-Einwohner-Bezirk Harris County mitsamt der Metropole Houston ließ zwölf Wahllokale zur Abgabe von Briefwahlunterlagen eröffnen. Harris County zählt zu den ethnisch diversesten Landesteilen Amerikas, die Demokraten dominieren hier. Doch der republikanische Gouverneur von Texas, Greg Abbott, machte nicht näher erläuterte “Sicherheitsbedenken” geltend – und ließ alle Wahllokale bis auf eines schließen, berichtet die Zeitung “Houston Chronicle”. In einem Bezirk, der etwa doppelt so groß ist wie das Saarland. Corona zum Trotz.

Zitate der Woche

Ich hätte nie gedacht, dass die Sache derart entgleisen würde.

Chris Wallace, Moderator der ersten TV-Präsidentschaftsdebatte

What’s next? Termine bis zur Wahl

7. Oktober: TV-Duell zwischen Vizepräsident Mike Pence und der Kandidatin der Demokraten für die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris, in Salt Lake City/Utah.

15. Oktober: Joe Biden und Donald Trump sollen in Miami zum zweiten Mal aufeinandertreffen.

22. Oktober: Die letzte TV-Debatte der beiden Kandidaten soll in Nashville, Tennessee, über die Bühne gehen.

Welchen weiteren Verlauf der Wahlkampf nehmen wird, steht in den Sternen. Fest steht, dass wir Sie mit unserem Newsletter durch diese seltsamen Wochen begleiten. Wenn Sie mögen, empfehlen Sie uns gern weiter – wir freuen uns.

Ihre Marina Kormbaki

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

Die Schicksalswahl Der Newsletter mit Hintergründen und Analysen zur Präsidentschaftswahl in den USA.


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