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Schießen, fahren, Fehler beheben

Deutschland macht Ukrainer fit für Panzerhaubitzen: Was bedeutet das?

Eine Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr bei einer Übung in Munster.

Idar-Oberstein. Ukrainische Soldatinnen und Soldaten sind zur Ausbildung an der Panzerhaubitze 2000 in Deutschland eingetroffen. Die künftigen Besatzungen des Waffensystems und technische Fachleute landeten am Dienstag in Rheinland-Pfalz. Sie sollen am Mittwoch in die Ausbildung an der Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein eingewiesen werden, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Regierungskreisen in Berlin erfuhr.

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Wie kam es zu der Entscheidung für Panzerhaubitzen?

Um die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gab es lange Streit. Deutschland hatte sich zwar schon zwei Tage nach Kriegsbeginn dafür entschieden, das Land grundsätzlich mit Waffen zu unterstützen. Die Entscheidung für die Lieferung schwerer Waffen fiel aber erst rund zwei Monate später. Der Bundestag verabschiedete einen gemeinsamen Antrag der regierenden Ampelparteien und der Union.

Bisher ist geplant, Gepard-Luftabwehrpanzer und schwere Artilleriegeschütze zur Verfügung zu stellen. Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) kündigte vergangene Woche bei einem Besuch in der Slowakei an, dass Deutschland sieben hochmoderne Panzerhaubitzen 2000 in die Ukraine liefern wird. Die Niederlande steuern fünf Haubitzen bei.

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Schwere Waffen: Deutschland liefert Ukraine Panzerhaubitzen

Die Ukraine wird mit insgesamt 12 Panzerhaubitzen ausgerüstet, um gegen die russischen Angreifer bestehen zu können. Davon kommen sieben aus Deutschland.

Lambrecht betonte, dass diese nicht aus dem Bestand der aktiven Truppe entnommen werden, sondern aus einer laufenden Instandsetzung. „Ich muss als deutsche Verteidigungsministerin darauf achten, dass die Bundeswehr nicht geschwächt wird“, so die SPD-Politikerin. Wann genau die Ukraine die Haubitzen bekommt, blieb offen. Das Verteidigungsministerium in Berlin erklärte, sobald die Instandsetzung abgeschlossen sei, könnten sie geliefert werden.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) verteidigte die Entscheidung, schwere Waffen zu liefern. „Putin lässt uns keine andere Wahl“, sagte Scholz am Montag auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin. Der russische Präsident habe den Frieden in Europa aufs Spiel gesetzt. „Und damit darf er nicht durchkommen. Deshalb helfen wir der Ukraine.“

Was ist das für ein Waffensystem?

Eine Panzerhaubitze ist ein schweres Artilleriesystem mit einer Kanone auf einem Kettenfahrzeug, ähnlich einem Panzer. Mit Standardmunition erreicht die Panzerhaubitze Schussentfernungen von 30 Kilometern. Mit sogenannter reichweitengesteigerter Munition sind nach Angaben der Bundeswehr sogar 40 Kilometer möglich.

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Die Besatzung kann bis zu sechs Granaten so abfeuern, dass diese gleichzeitig einschlagen. „Die Panzerhaubitze 2000 ist eines der modernsten Artilleriegeschütze weltweit. Ihre Stärke liegt in ihrer Präzision und in ihrer großen Kampfentfernung“, heißt es von der Bundeswehr. Praktiker erklären, dass die ukrainischen Truppen damit in Verbindung mit Aufklärungsergebnissen erhebliche Wirkungstreffer auf größere Entfernung erzielen könne.

Laut Hersteller ist eine Panzerhaubitze 2000 mehr als elf Meter lang, hat ein Gefechtsgewicht von 57 Tonnen und erreicht auf der Straße eine Geschwindigkeit von 60 km/h. Sie wird als „äußerst mobiles“ Waffensystem beschrieben – mit einer „hohen Feuerkraft“, einer „großen Kampfentfernung“ und einer „hohen Kampfbeladung“. Derzeit werde sie von den Streitkräften in acht Ländern eingesetzt.

Was lernen die ukrainischen Soldaten?

Panzerhaubitzen werden jeweils von fünf Streitkräften bedient. In Deutschland sollen mehr als 60 ukrainische Soldatinnen und Soldaten geschult werden. Dazu kommen technische Fachleute sowie Übersetzer. Nach früheren Angaben soll die Ausbildung etwa 40 Tage dauern, abhängig vom Kenntnisstand der Soldaten auch weniger. Sie müssen lernen, die Panzerhaubitze zu fahren, mit ihr zu schießen und Störungen im Betrieb zu beseitigen.

Warum überhaupt die Ausbildung in Deutschland?

Da die Panzerhaubitze sehr komplex ist, gab es immer wieder Bedenken, ob die Ukrainerinnen und Ukrainer diese bedienen könnten. So sagte der stellvertretende Bundeswehr-Generalinspekteur Markus Laubenthal im ZDF, die kriegstaugliche Bedienung dieser komplizierten Gefechtssysteme setze eine gründliche Ausbildung voraus. Es sei nicht so, dass wer irgendeinen Schützenpanzer kenne, dann diese Fahrzeuge auch bedienen könne. Deswegen entschied die Bundesregierung schließlich, ukrainische Soldatinnen und Soldaten an den Artilleriegeschützen auszubilden.

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Bedeutet die Ausbildung der Soldaten, dass Deutschland in den Krieg eintritt?

Nein, so sieht es zumindest die Bundesregierung. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und Regierungssprecher Steffen Hebestreit widersprachen einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, das bei einer solchen Militärausbildung ein gewisses völkerrechtliches Risiko nicht ausschließt.

Sie teile diese Einschätzung nicht, sagte Lambrecht nach einem Truppenbesuch in Wunstorf bei Hannover. „Ich gehe davon aus, dass weder diese Ausbildung dazu führt noch die Lieferung von Waffen, sondern wenn wir Soldatinnen und Soldaten entsenden würden in die Ukraine, das wäre ein ganz klares Zeichen. Das werden wir aber auch nicht tun. Das wird nicht geschehen.“

Hebestreit sagte in Berlin, jedem sei klar, dass man sich immer wieder in einer schwierigen Abwägung befinde. „Unsere Überzeugung ist, dass auch die Ausbildung von ukrainischen Soldaten in Deutschland an Waffensystemen weiterhin keinen direkten Kriegseintritt bedeutet.“

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Welche weiteren Waffenlieferungen sind geplant?

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat erklärt, sein Land habe von der deutschen Rüstungsindustrie schon viele Zusagen bekommen, etwa für Luftabwehrsysteme, Panzerhaubitzen, Kampfpanzer vom Typ Leopard und Schützenpanzer vom Typ Marder. Doch jede Lieferung muss von der Bundesregierung genehmigt werden.

Ende April hatte sie entschieden, dass die Ukraine neben den Panzerhaubitzen zunächst Gepard-Flugabwehrpanzer erhalten soll. Der Rüstungshersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) hat 50 gebrauchte Gepard-Panzer auf Lager und wartet auf Regelungen zum Verkauf.

Die Lieferung von Kampfpanzern westlicher Bauart wie dem Leopard ist bisher nicht vorgesehen. Der Rüstungskonzern Rheinmetall erklärte, dass erste instandgesetzte Schützenpanzer vom Typ Marder in drei Wochen geliefert werden könnten. Man warte aber noch auf die endgültige Entscheidung der Bundesregierung.

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Rüstungskonzern Rheinmetall: Erste Marder-Panzer für die Ukraine bald lieferbar

Der Rüstungskonzern Rheinmetall will die ersten instandgesetzten Schützenpanzer vom Typ Marder in drei Wochen liefern können.

Laut Vize-Bundeswehr-Generalinspekteur Laubenthal muss auch die Einsatzfähigkeit innerhalb der Nato-Verpflichtungen bedacht werden. Derzeit seien 13.000 und im nächsten Jahr 16.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Einsatz, und das könnte durch Waffenlieferungen an die Ukraine beeinträchtigt werden, so Laubenthal im ZDF. „Wir hätten keine Möglichkeit mehr, auf Eventualitäten zu reagieren, und das würde die Verteidigungsfähigkeit doch erheblich schwächen.“

RND/toe/dpa

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