Palmer lebt von den Grünen gut und gnadenlos

  • Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist mit seinem Satz über alte Corona-Kranke, die ja sowieso nicht mehr lange lebten, einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen.
  • Doch der Versuch einiger Grüner, ihn zum Gehen zu veranlassen, dürfte scheitern.
  • Denn die Grünen sind Palmers größtes Kapital, kommentiert Markus Decker.
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Das weitaus größte Kapital des Oberbürgermeisters von Tübingen ist die Partei, der er angehört. Boris Palmer wird ja nicht bundesweit wahrgenommen, weil er eine vergleichsweise kleine Stadt mit 89.000 Einwohnern regiert, sondern weil er Mitglied der nunmehr über 100.000 Grünen ist, die fast durchweg ganz anders denken als er selbst. Diese Spannung macht Palmer interessant. Und deshalb agiert er auf dem Rücken der Grünen so gnadenlos, wie er es tut.

Mit seinen jüngsten Äußerungen zur Corona-Pandemie ist der 47-Jährige allerdings einen letzten und entscheidenden Schritt zu weit gegangen. Denn der Satz “Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären” ist, wie Palmer selbst sagte, “brutal”. Und er ist auch nicht mehr rückholbar. Palmer lässt mit seinem Satz nämlich keinen Zweifel daran, dass er abermals kein Problem damit hat, gesellschaftliche Probleme zulasten von Schwächeren zu lösen. Zunächst waren es die Flüchtlinge. Jetzt sind es die Alten und chronisch Kranken, die über ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellen und die es auch in jenen bürgerlichen Kreisen gibt, deren Applaus sich der selbst ernannte Tabubrecher bisher meistens sicher sein konnte.

Selbst ernannter Tabubrecher

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Doch statt sich wie die aufrechte SPD im Fall Thilo Sarrazin, der es noch um einiges toller treibt, in einem Parteiausschlussverfahren zu verheddern, versuchen zumindest Teile der Grünen, nun einen anderen Weg zu wählen: Sie erhöhen den öffentlichen Druck mit dem Ziel, dass Palmer von sich aus geht.

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Das ist klug. Nur ob es auch erfolgreich ist, bleibt offen. Palmer weiß ja: Ohne die Öko- und Menschenrechtspartei, von der er sich immer wieder öffentlich abheben kann, ist er lediglich ein baden-württembergischer Kommunalpolitiker, der sich nicht im Griff hat. Für so einen würde sich sehr bald kein Mensch mehr interessieren. Und dass sich niemand mehr für ihn interessiert, das ist für Boris Palmer gewiss eine gnadenlose Vorstellung.


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