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  • Österreichs Berge: Banken, Familienclans und ein Präsident - diese Milliardenindustrie steckt hinter Österreichs Skipisten

Banken, Familienclans und ein Präsident: die Skikaiser Österreichs

  • Österreich und Skifahren. Skifahren und Österreich. Das passt einfach.
  • Doch hinter der Hüttengaudi und der urigen Unterkunft steckt eine Milliardenindustrie.
  • Wem gehören eigentlich diese Berge?
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Wenn die Temperaturen fallen, glühen in Österreich traditionell die Kassen. Wirte, Liftbetreiber, Hoteliers und Gastronomen setzen Milliarden um, während Hobbysportler aus der ganzen Welt über das heilige Weiß der Alpenrepublik kugeln. Denn dann ist Skisaison. Für Millionen die schönste Zeit des Jahres.

Nun ist 2020 und alles anders. Die Pandemie lässt alpinen Wintersport einfach nicht zu. Da sind sich Länder wie Deutschland, Italien und Frankreich einig. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz sah dagegen bis zuletzt, auch in diesem Jahr, Millionen Urlauber über die Steilhänge der Republik sausen. Die Debatte zwischen den Ländern wurde immer ruppiger, ein „Skikrieg“ herbeigeschworen. Salzburger Bergbahnbetreiber meinten etwa, dass Deutschland aufhören müsse zu „södern“. Der bayerische Ministerpräsident drohte wiederum, alle Reiserückkehrer ausnahmslos in Quarantäne zu schicken. Insbesondere Tagestouristen aus Österreich.

Video
RND-Videoschalte: "Kitzloch"-Wirt aus Ischgl über mögliche Absage der Skisaison
3:41 min
Soll es trotz Corona-Krise eine Skisaison geben? Darum ist ein Streit entbrannt. "Kitzloch"-Wirt Bernhard Zangerl aus Ischgl spricht über die aktuelle Situation  © RND
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Schnell wurde klar: Da, wo Arbeitsplätze und nationale Gewinnerwartungen auf dem Spiel stehen, verfällt der europäische Konsens noch viel schneller.

Während Deutschland, Italien und Frankreich ihre Skigebiete nun über Weihnachten und Neujahr schließen, öffnen in Österreich die Lifte mit dem 24. Dezember. Doch auch die Kurz-Regierung muss angesichts der bedrohlichen Infektionslage Abstriche machen. Verschärfte Einreisebestimmungen und die Schließung der Hotels und Unterkünfte über Weihnachten und Neujahr machen den Skiurlaub in Österreich praktisch unmöglich. Was österreichische Skienthusiasten nostalgisch werden lässt: Skifahren ohne Deutsche. Ein beinahe vergessenes Sporterlebnis.

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Dennoch bleibt die Frage: Warum überhaupt Ski anschnallen? Eine Antwort liegt in der Größe der Wintersportindustrie. Sie ist „too big to fail“, würde der Amerikaner sagen. Allein die Seilbahnbetriebe sichern etwa 125.900 Jobs. In der Skisaison 2018/19 wurden 590 Millionen Menschen mit Österreichs Gondeln, Schlepp- und Sesselliften befördert. Im vergangenen Jahrzehnt investierten Bergbahner der Wirtschaftskammer zufolge mehr als 6 Milliarden Euro allein in Liftanlagen. Die Beschneiung der Pisten kostet im Normalbetrieb bereits 150 Millionen Euro – und zwar jährlich. Wie kann sich das rentieren? Der Statistikdatenbank Statista zufolge verbuchte die österreichische Tourismusbranche im Jahr 2019 knapp 15 Milliarden Euro Umsatz.

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Seit den 60er-Jahren wurden in der Alpenrepublik wahre Skiimperien aus dem Boden gestampft. Und dahinter stehen ihre Kaiser: Banken, einflussreiche Familienclans und auch der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV).

Der Napoleon der Skipisten

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Peter Schröcksnadel prägt den Skisport wie kaum ein anderer. Der mittlerweile 79-Jährige sanierte seit seiner Übernahme 1990 den schwer verschuldeten ÖSV und führte die heimischen Wintersportler zurück an die Weltspitze. Rückblickend auf die vergangenen 30 Jahre im Amt betonte der ÖSV-Präsident jüngst in der „Tiroler Tageszeitung“: „Ich bekomme keinen Euro, denn ich bin ehrenamtlich tätig. Das heißt: kein Spesenersatz, kein Auto, nicht ein Euro – ich zahle alles selbst.“

Das ist wahr und dennoch nur die halbe Wahrheit: Schröcksnadel ist zudem auch Großunternehmer und in der Wintersportszene maximal vernetzt. Er hält Beteiligungen an Dutzenden Firmen im In- und Ausland. Skigebiete im ganzen Land zählen zum Präsidentenportfolio. So verwundert es nicht, dass vor allem er gegen die Corona-Maßnahmen der Politik polterte. Angstmache sei das. Das Skifahren werde „dämonisiert“. Dabei sei völlig klar: Wenn man Ski an den Füßen habe, sei Abstand automatisch gewahrt.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel während einer Pressekonferenz. © Quelle: Helmut Fohringer/dpa

Er habe zwar einen Riesenrespekt vor der Krankheit, „ich möchte sie bei Gott nicht haben“, erklärte er kürzlich im ORF, doch er sterbe „lieber an Corona als an Krebs, wo ich drei, fünf Jahre leiden muss“. Mit 70, 80, 90 Jahren würden die Menschen heute eben sterben: „Ob du jetzt an einem Herzinfarkt stirbst, an Corona, was auch immer – das ist das Alter, wo man gehen muss.“

Es sind solche Schlagzeilen, die ihm dem Spitznamen „Alpen-Napoleon“ eingebracht haben. Doch der will er nach eigener Aussage gar nicht sein, denn „den haben sie verbannt“.

Die Schultz-Familie

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Leiser geht es bei der Familie Schultz zu. Jedoch nicht weniger erfolgreich: Was der Vater Heinrich Schultz senior in den 60er-Jahren begonnen hatte, haben seine Kinder Martha und Heinz seit seinem Tod vor 16 Jahren zu einer wahren Skiindustrie weiterentwickelt. Die Tochter kümmert sich um den Vertrieb und das Marketing und der Sohn um kaufmännische Aspekte. Die Skigebiete der Schultz-Gruppe reichen vom Zillertal bis nach Osttirol. Ihr gehören darüber hinaus mehr als ein Dutzend Hotels, Apartmenthäuser, Restaurants und Hütten. Dazu kommen ein Golfplatz und eine Wohnbaugesellschaft, mit der vor fünf Jahrzehnten alles begann.

Nicht nur auf dem Berg ist die Familie ein Schwergewicht, sondern auch im politischen Wien. Es existieren enge Verbindungen in ÖVP-Kreise, der Partei von Kanzler Kurz. Martha Schulz ist zudem seit 2010 Vizepräsidentin der österreichischen Wirtschaftskammer. Der Weg vom Tiroler Zillertal in die Bundeshauptstadt Wien ist für sie also kein unbekannter. Selten war die Interessenvertretung der Wintersportindustrie in Wien wohl so wichtig für die Branche wie in diesen Tagen.

Bank und Liftbetreiber

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Geld und politischer Einfluss gehen oft Hand in Hand – und das lockt Investoren an. Beispielsweise Banken. Sie übernehmen Anteile an Liftgesellschaften und somit auch die Vorherrschaft in den Skigebieten. Das größte Skigebiet in Vorarlberg heißt Silvretta/Montafon und gehört zu 100 Prozent der Bank für Tirol und Vorarlberg (BTV). Seit der Übernahme im Jahr 2007 investierte die BVT noch einmal kräftig. Die Bank erwarb unter anderem Anteile an der Moser-Holding und damit an der „Tiroler Tageszeitung“.

Blickt man nach Salzburg und in dessen größte Skigebiete wie Zauchensee oder Wagrain, taucht vor allem eine Firma immer wieder auf: die Fremdenverkehrs GmbH. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Salzburger Raiffeisenbank. Auch hier sind die kurzen politischen Wege in die Kanzlerpartei bekannt.

Der Wintertourismus war und bleibt wichtig für Österreich. In vielen Skigebieten sind nach wie vor die Gemeinden Haupteigentümer der Liftgesellschaften – Kitzbühel beispielsweise. Manche Gebiete sind sogar noch ganz im Besitz der Ortsbewohner.

Kanzler Kurz begründet die Öffnung zu Weihnachten zwar mit „sportlicher Betätigung“ für das Volk. Doch ob Liftbaron, Bankier oder Bäcker, das Interesse an offenen Liften und Pisten hat in Österreich einfach auch mit finanziellem Überleben zu tun. Steht der Lift still, kommt die Angst. Dann geht es um die Existenz.

Ein Zitat des österreichischen Kabarettisten Helmut Qualtinger bringt es ganz gut auf den Punkt: „Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“ Der Weg raus führt auf die Piste.

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