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  • „Ostdeutsche sind auch Migranten“: Buch analysiert „Gesellschaft der Anderen“

Provokante These: „Ostdeutsche sind auch Migranten“

  • Ostdeutsche und Muslime fühlen sich oft ähnlich stark ausgegrenzt, als Bürger zweiter Klasse.
  • Ähneln sich ihre Erfahrungen auch sonst? Und was bedeutet das für die Elite, die meist weiß und westdeutsch ist?
  • Jana Hensel und Naika Foroutan analysieren die „Gesellschaft der Anderen“.
Jutta Rinas
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Jeder kannte sie: die „Bravo“. Sie war das Teenagermagazin in der Bundesrepublik Deutschland, und wohl jeder schaute sich in internetlosen Zeiten zumindest heimlich manchmal die Aufklärungsseiten an. Wirklich jeder? „Meine deutsche Cousine hatte ihr ganzes Zimmer mit ‚Bravo‘-Postern plakatiert. Mir schien das banal, weil ich aus einem Land kam, in dem Menschen vor meinen Augen verhaftet wurden“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, Tochter einer Deutschen und eines Iraners, in dem Buch „Die Gesellschaft der Anderen“. Als sie zwölf ist, flieht Foroutan mit ihrer Familie aus dem Iran. Der Vater, Kritiker des Regimes, wird verfolgt.

Jana Hensel, Autorin des Bestsellers „Zonenkinder“, geht es ähnlich mit der „Bravo“. „In der DDR habe ich quasi von dieser Zeitschrift geträumt“, schreibt die in Leipzig aufgewachsene Journalistin: „Als ich sie nach dem Mauerfall hätte kaufen können, hat sie mich nicht mehr interessiert ... eine Revolution war mir dazwischengekommen.“

Die beiden leben seit vielen Jahren in der Bundesrepublik, Foroutan seit 37, Hensel mit Unterbrechungen seit 31 Jahren. Beide haben einen deutschen Pass. Dennoch gehören sie aus ihrer Sicht zu „den Anderen“, zu dem Teil der Bevölkerung, der die klassischen Erfahrungen der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft nicht teilt. Dass ausgerechnet die Frage nach der Einstellung zu einer Teenagerzeitschrift den Blick dafür öffnet, dass ihre Kindheitsbiografien sich ähneln und zugleich fundamental von denen der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, ist eines von vielen überraschenden Details des Buches.

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Expertin für Ostdeutschland: Jana Hensel.

Radikaler und provokanter noch ist die These der Autorinnen: „Ostdeutsche sind auch Migranten.“ Foroutan hat dies öffentlich erstmals in einem Interview mit der „Tageszeitung“ (taz) formuliert und eine heftige Debatte ausgelöst. Ostdeutsche und Migranten erleben der Sozialwissenschaftlerin zufolge Stigmatisierung gleichermaßen. Sehr viele Erfahrungen, die Ostdeutsche in diesem Land machten, ähnelten den Erfahrungen von migrantischen Personen, sagt sie. Dazu gehörten Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle, Abwertungserfahrungen.

Ostdeutsche und Migranten machen 50 Prozent der Gesellschaft aus

Hensel befürwortet die Idee, neue Analogien, Ähnlichkeiten zwischen Menschen mit ostdeutschen und migrantischen Herkunftsgeschichten zu finden – und so eine neue Perspektive auf die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft zu entwickeln. Apropos Mehrheitsgesellschaft: Fasst man die Zahl der Ostdeutschen und der Migranten zusammen, kommt man auf 50 Prozent der Gesellschaft. Was wir häufig für die Mehrheit halten, ist aus diesem Blickwinkel gerade mal die Hälfte vom Kuchen.

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Die Autorinnen verändern deshalb auch die Begrifflichkeit. Sie sprechen von der tonangebenden Dominanzgesellschaft, die zentrale gesellschaftliche Positionen innehat, als dem Kontrapunkt zu den „Anderen“, den Ungleichen, Bürgern zweiter Klasse. „Wir versuchen tatsächlich, eine neue Geschichte Deutschlands zu erzählen, weil wir glauben, dass die bisherige Perspektive, diese rein weiße westdeutsche Perspektive, im Prinzip über das Land nicht mehr viel aussagt“, sagt Hensel über das in Gesprächsform erschienene Buch. Die diffuse Unsicherheit darüber, was Deutschland eigentlich sei, habe mitnichten nur mit der Flüchtlingskrise zu tun. Das alte „Wir“ funktioniere nicht mehr, weil es einen mittlerweile so großen Teil der „Anderen“ ausgrenze. Dass alle Parteien bis auf Linke und AfD sich auch bei den anstehenden Wahlen 2021 auf die Dominanzgesellschaft fokussierten, sei ein Teil des Problems. Die Autorinnen fordern eine Ostdeutschen- und eine Migrantenquote auf Zeit, um die Unterrepräsentanz zu beheben.

Migrationsforscherin mit einer differenzierten Analyse der Sarrazin-Debatte

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Die beiden zeigen aber auch, wie stark die Abwertung der „Anderen“ das „Wir“ der Mehrheitsgesellschaft lange stabilisierte. Viele Jahre hätten sich die Deutschen über stereotype Sekundärtugenden als „sauber, pünktlich und ordentlich“ definiert, die Gastarbeiter wurden als das Gegenteil charakterisiert. Derzeit definiere Deutschland sich stark über den europäischen Kanon, als demokratisch, tolerant und aufgeklärt. Jetzt müssten als die „Anderen“ die muslimischen Migranten als undemokratisch, intolerant und unaufgeklärt herhalten.

Migrationsforscherin Foroutan beschreibt anhand einer differenzierten Analyse der Sarrazin-Debatte von 2009 an, wie es dem Ex-Finanzsenator gelingt, sich mit seiner These von den vom Staat lebenden und ständig neue Kopftuchmädchen produzierenden Türken bei vielen Menschen durchzusetzen – obwohl die empirische Beweislage dagegenspricht. Sarrazin (und mit ihm auch renommierte Historiker und Politiker) ignorierte die damals schon wissenschaftlich belegbaren Aufstiegsgeschichten der türkischstämmigen Community.

Vorurteile gegenüber Ostdeutschen

Den Ostdeutschen hingegen würden jene Eigenschaften zugeschrieben, die die Westdeutschen laut ihrem Eigenbild erfolgreich abgelegt hätten: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Indifferenz gegenüber dem Nationalsozialismus, schreibt Hensel. Ostdeutsche wüssten nicht, wie Demokratie funktioniere, sie wollten einfach nicht im heutigen Deutschland ankommen und verstünden nicht, wie man die Marktwirtschaft nutze, lauteten Stereotype, mit denen sich die Dominanzgesellschaft der westdeutschen Weißen überhöhe. Hensel erklärt, dass sie die fremdenfeindlichen, rechtsextremen Tendenzen in ostdeutschen Bundesländern nicht kleinreden will. Im Gegenteil, sie schäme sich dafür. Doch verhinderten diese Stereotypisierungen des Ostens die Auseinandersetzung des Westens mit eigenen rechtsextremen Radikalisierungen, eine eigene Rassismuskritik.

Hensel und Foroutan betonen, wie verschieden die beiden Gruppen letztlich doch sind. Ein fundamentaler Unterschied von Ostdeutschen und Migranten sei beispielsweise, dass erste nicht äußerlich markiert werden könnten und deshalb nicht von Rassismus betroffen seien. Aber die Muster der Benachteiligung gleichen sich.

Sich das – und die ausgeblendete Vielfalt der Communitys – bewusst zu machen, gehört zu den Stärken des Buchs.

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Naika Foroutan, Jana Hensel: „Die Gesellschaft der Anderen“. Aufbau-Verlag, 356 Seiten, 22 Euro.

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