Ostdeutsche fühlen sich von Medien bevormundet

  • Umfragen nach dem Wahlschock im Osten zeigen: Die meisten Sachsen fühlen sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt.
  • Auch davon hat die AfD profitiert. Doch woran liegt das?
  • Experten geben auch der Presse eine Teilschuld.
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Dresden. Eine Zahl aus den Wähleranalysen zu den Landtagswahlen im Osten ließ besonders aufhorchen: Rund 70 Prozent der Sachsen fühlen sich in der Freiheit ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt – und zwar nicht nur praktisch alle AfD-Wähler, sondern auch die Hälfte der Grünen-Wähler. Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap im Zuge der Landtagswahlen für die ARD durchgeführt hat.

Demnach stimmen 69 Prozent der Sachsen der Aussage „Bei bestimmten Themen wird man heute ausgegrenzt, wenn man seine Meinung sagt“ zu. Unter AfD-Anhänger hatten 98 Prozent diese Auffassung – und selbst die Grünen-Wähler sehen es zu 50 Prozent so.

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Bis auf CDU-Wähler, von denen immerhin noch 48 Prozent der These zustimmten, lag der Wert bei keiner Wählergruppe unter 50 Prozent. FDP-Wähler gaben der Aussage zu 62 Prozent recht, die Anhänger der Linken zu 59 Prozent und die SPD-Wähler zu 55 Prozent. Für die Umfrage, die im Vorfeld der Wahl entstanden war, wurden 1001 wahlberechtigte Sachsen befragt.

Politikwissenschaftler: Grundlegende Skepsis gegenüber Medien

Eine große Mehrheit findet also, es gebe so etwas wie gesellschaftliche Sprechverbote im angeblich freien Westen – eine These, die die AfD befeuert und von deren Verbreitung sie profitierte. Doch wie kann es sein, dass sich dieser Eindruck so weit verbreitet hat?

Dass sich die Menschen im Osten offenbar oft mit ihrer Meinung ausgegrenzt fühlen, wundert Prof. Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, wenig: „Im ‚Land der Lügenpresse‘ besteht eine grundlegende Skepsis gegenüber Medien und der veröffentlichten Meinung“, sagte er dem RND. Die Grundlage dafür lasse sich in der DDR finden, wo Zeitungen, Funk und Fernsehen vom SED-Regime kontrolliert waren und der Propaganda dienten – und wo andersherum die Regierung die westdeutschen Medien der andauernden Lüge bezichtigten.

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Dominanz westdeutscher Meinungen

Eine Folge sei, dass auch heute viele Menschen im Osten der „vom Westen formulierte Presse“ nicht trauen: „Es herrscht eine über Generationen imprägnierte enorme Skepsis“, sagt Vorländer. Befeuert werde die Medienskepsis von der „enormen Spaltung zwischen öffentlicher Meinung und der Meinung in den sozialen Medien“.

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Aus dieser Haltung folge dann die „falsche Schlussfolgerung“, dass „die Meinung, die ich habe, die richtige und wahre ist“ – alle anderen also gezielte Verfälschungen und Lügen sein müssen, sagt der Politikwissenschaftler. „Doch in einer Demokratie muss die Meinung nicht von allen als richtig empfunden werden.“ Gegenstimmen könnten dann als Ausgrenzung wahrgenommen werden. „Das ist etwas, was anscheinend in der politischen Bildung nicht zureichend vermittelt worden ist“, kritisiert Vorländer. „In einer Demokratie gibt es eben auch Streitpunkte, die kontrovers ausgetragen werden müssen.“

„Meinungsdiktat“: Flüchtlingskrise war Signalereignis

Die Dominanz von Westdeutschen in Führungspositionen in den Medien sowie grundsätzlich in ostdeutschen Institutionen habe zu dem weit verbreiteten Gefühl geführt, von der „Westpresse“ und generell von „westdeutschen Meinungen“ bevormundet zu werden.

Die Flüchtlingskrise habe dann als „Signalereignis“ gewirkt: Während Ostdeutsche den außergewöhnlich großen Zuzug der Migranten als „traumatisches Erlebnis“ erfahren hätten, da sie vorher wenig Kontakt zu Ausländern hatten, hätten viele Westdeutsche das „aus humanitären Gründen für geboten“ gehalten. „Es gab eine Übermacht von Meinungen in den Medien und im Westen, die sagte: Ihr müsst alle willkommen heißen“, sagt Vorländer. Das hätten Ostdeutsche als Meinungsdiktat empfunden.

„Das ist etwas, was im Osten weit verbreitet ist“, sagt der Politikwissenschaftler. Es sei – wie die Umfrage belege – keine Frage der Wählergruppe.

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Lisa Neugebauer/RND