Der Tod darf kein Tabu sein: Reden wir über die Organspende

  • Der Bundestag hat sich gegen die Widerspruchslösung bei der Organspende entschieden.
  • Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist mit dem Gesetzentwurf gescheitert, nach dem jeder automatisch als Organspender gilt, der nicht aktiv widerspricht.
  • Die Abgeordneten haben richtig entschieden, doch jetzt ist viel Arbeit zu tun, kommentiert Tobias Peter.
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Berlin. Kranke müssen in Deutschland zu lange leiden, während sie auf ein Spenderorgan warten. Zu viele Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig das rettende Organ erhalten. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und andere Abgeordnete haben etwas Richtiges im Sinn gehabt: Sie wollten die Zahl der Organspender erhöhen. Dennoch war der Weg, den sie wählen wollten, falsch. Deshalb ist es richtig, dass der Bundestag die vorgeschlagene Widerspruchslösung abgelehnt hat.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im Grundgesetz. Das muss auch für den sterbenden und gerade gestorbenen Menschen gelten. Es gibt kaum etwas Persönlicheres als die Frage, ob jemand bereit ist, sich Organe entnehmen zu lassen.

Zu großer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

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Wäre die Widerspruchslösung Gesetz geworden, hätten Organe immer dann entnommen werden dürfen, wenn der Betroffene nicht rechtzeitig aktiv widersprochen hätte. Das wäre ein zu großer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gewesen – inklusive der Gefahr, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende und in Ärzte nachhaltig beschädigt worden wäre.

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Bundestag lehnt Widerspruchslösung für Organspenden ab
1:05 min
Jens Spahn scheitert mit seiner „doppelten Widerspruchslösung“ im Bundestag.  © dpa

Der Körper gehört dem Menschen, nicht dem Staat

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört untrennbar zur Menschenwürde dazu. Der Körper gehört dem Menschen, nicht dem Staat. Die Mehrheit der Abgeordneten hält zu Recht an dem Grundsatz fest: Schweigen ist keine Zustimmung – und erst Recht keine ausreichende Grundlage für einen so großen Eingriff in die Rechte eines Menschen wie eine Organentnahme. Eine Organspende ist nur dann eine Spende, wenn sie freiwillig ist.

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Das Gesetz, das der Bundestag anstelle einer Widerspruchslösung beschlossen hat, wird sich nun daran messen lassen müssen, ob es dem eigenen Namen wirklich gerecht wird. Es heißt: Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende.

Es hat den richtigen Grundgedanken, dass es darum gehen muss, Menschen dafür zu gewinnen, ihre Bereitschaft zur Organspende zu erklären. Diesen Versuch haben wir in Deutschland bislang nicht konsequent genug unternommen. Ein Brief der Krankenkasse, der schnell zur Seite gelegt oder in den Papierkorb geworfen werden kann, reicht nicht aus. Die Neuerungen – von der Schaffung eines Onlineregisters bis zur Stärkung der hausärztlichen Beratung – sind richtig. Es spricht aber einiges dafür, dass das noch nicht genug ist.

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Angesichts der Not derer, die auf ein Organ warten, muss gelten: Wenn die Zahl der Organspender nicht steigt, darf die Politik sich nicht zu viel Zeit mit Nachbesserungen lassen. Das betrifft mehr Geld für Aufklärung, aber auch die ständige Überprüfung von organisatorischen Abläufen. Weil sie nicht funktioniert haben, sind in der Vergangenheit zu viele mögliche Spender nicht gemeldet worden.

Darüber hinaus stellt sich aber die Frage, ob es nicht notwendig ist, zu einer echten Entscheidungslösung zu kommen. Das würde bedeuten, dass Bürger nicht nur informiert werden, sondern beim Behördengang regelmäßig befragt würden. Das Ergebnis müsste sein, dass tatsächlich eine – jederzeit änderbare – Entscheidung in ein Register eingetragen wird: Ob es nun ein Ja oder ein Nein ist. Alles, was die Verbindlichkeit erhöht, sich mit der Frage zu beschäftigen, wäre richtig.

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Der Mensch ist gefordert, sich mit eigenem Tod auseinanderzusetzen

Die Verantwortung des Gesetzgebers ist das eine. Das andere ist: Unabhängig von dem, was der Bundestag beschließt oder nicht beschließt, ist der einzelne Mensch gefordert, sich mit der Frage nach dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Reden wir über die Organspende, reden wir mit Familie und Freunden. Es darf keinen Rechtfertigungsdruck geben, eine bestimmte Entscheidung zu treffen. Aber wer keine Bedenken gegen eine Organspende hat, sollte das auch festhalten, damit mehr Kranken mit einem Spenderorgan geholfen werden kann. Freiwillig.

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