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Organspende-Debatte: Baerbock schießt bei „Hart aber fair“ gegen Spahn

Michael Sommer spendete seiner kranken Frau eine Niere – dennoch lehnt sie die doppelte Widerspruchslösung ab. Gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn und Annalena Baerbock diskutierte das Paar das emotionale Thema bei „Hart aber fair“.

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Berlin. Obwohl die Zahl der Organspender im vergangenen Jahr deutlich angestiegen ist, warten in Deutschland noch rund 10.000 Menschen auf ein lebensrettendes Organ. Mit seinem Vorstoß der "doppelten Widerspruchslösung" hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im vergangenen Jahr eine erneute Debatte um das sensible Thema angestoßen.

„Moralischer Zwang zur Organspende: Wollen Sie das, Herr Spahn?“ lautete daher auch der spitze Sendungstitel der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am Montagabend.

Das Thema

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Inhalt der Diskussion war der am Montag von Spahn vorgestellte Gesetzesentwurf zur Reformierung der Organspende. Bei Inkrafttreten wäre jeder Bürger automatisch Organ- und Gewebespender, wenn er nicht ausdrücklich widerspricht. Damit würde die heutige Regelung umgedreht: Derzeit ist nur Spender, wer mit einem Ausweis zustimmt. Bei Frank Plasberg ging aber nicht nur um die Gesetzesausgestaltung, sondern auch um Erfahrungsberichte von Betroffenen wie dem Ehepaar Sommer und der Studentin Chantal Bausch.

Mehr zum Thema: Organspendeausweis: Das sind die Fakten

Die Gäste

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, verteidigte seinen Gesetzesentwurf: "Es gibt eine Verpflichtung, sich mit dem Thema zu beschäftigen" und an das Mitgefühl aller appellierte: "Jeder von uns könnte morgen betroffen sein."

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Annalena Baerbock, Grünen-Vorsitzende, lehnt die Widerspruchslösung ab: "Es wäre anmaßend vom Staat zu sagen: Du musst es tun." Baerbock schlägt hingegen vor, dass potenzielle Spender regelmäßig "aktiviert" und etwa bei der Beantragung eines Personalausweises nach der Organspende gefragt werden.

Michael Sommer, ehemaliger DGB-Vorsitzender, unterstützt Spahns Gesetzesentwurf: "Menschen sollen sich äußern und klar Position beziehen." Denn: "Es wäre unfair, die Entscheidung auf Angehörige zu verlagern."

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Ulrike Sommer, Journalistin, widerspricht ihrem Ehemann und dem Gesundheitsminister und findet, es gebe ein Recht darauf, sich nicht mit dem eigenen Tod beschäftigen zu müssen. "Wenn man widerspricht, muss man es für sich selbst und andere begründen."

Werner Bartens, Arzt und Wissenschaftsredakteur, besitzt keinen Organspendeausweis, "weil ich finde, dass die Unversehrtheit des menschlichen Körpers im Falle des Todes ein hohes Gut ist."

Der emotionalste Moment

Ereignete sich gleich zu Beginn der Sendung, als die Studentin Chantal Bausch erzählte, wie sie als 12-Jährige auf ein Spenderherz wartete: „Es ist eine innerliche Zerreißprobe: Auf der einen Seite freut man sich, dass ein Organ da ist - man lebt für diesen Moment. Auf der anderen Seite weiß man, dass eine Familien einen geliebten Menschen verloren hat.“

Bausch hatte Glück: Nach dreieinhalb Monaten Wartezeit bekam sie ein neues Herz. Heute spielt sie als Torwartin in der Hockey-Bundesliga. „Alles was ich seitdem erlebt habe, habe ich nur einer verstorbenen Person zu verdanken.“

Der ehrlichste Moment

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Als das Ehepaar Sommer von ihrer besonderen Verbindung berichtet: Michael Sommer spendete seiner schwerkranken Frau Ulrike eine Niere. „Man muss einen Weg finden damit umzugehen.“ Es gebe eine Statistik, die besage, dass sich die Hälfte der Spenderpaare trennen würden, fügte der Gewerkschafter hinzu. Doch die beiden fallen nicht hinein.

„Es macht keine Freude mit einem todkranken Menschen zusammenzuleben. Es war auch eine Spende für mich.“ Ulrike Sommer fügte hinzu: „Es ist ein großes Geschenk. Man sollte bewusst machen: Spender leiden unter Umständen mehr als Empfänger.“

Die Läuterung des Abends

Jens Spahn holte aus und berichtete von seiner Sinneswandlung: Er habe selbst lange wie Baerbock argumentiert und aktiv an der heutigen Situation - also der Entscheidungslösung über den Organspendeausweis - mitgewirkt. Aber: „Die Krankenkassen schreiben Leute an, wir machen millionenschwere Werbekampagnen, aber es funktioniert nicht. Die bisherige Regelung hat nicht gewirkt, wir hatten 2017 einen Tiefststand. Ich fürchte, dass wir wieder viele Jahre verlieren könnten - deshalb bin ich zu einer neuen Entscheidung gekommen.“ Applaus vom Publikum.

Die Verfassungskarte

Um ihren Bedenken gegen die doppelte Widerspruchslösung Nachdruck zu verleihen, sagte Baerbock: „Es ist im Grundgesetz verankert, dass man nicht einfach in Fragen, die den menschlichen Körper betreffen, eingreifen kann.“ Sie sieht verfassungsrechtliche Hürden bei Spahns Vorstoß. Der Gesundheitsminister ging auf die Bedenken der Grünen-Chefin nicht ein.

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Die deutlichsten Aussagen des Abends

Ulrike Sommer fürchtet übermäßige medizinische Eingriffe und sieht bei der doppelten Widerspruchslösung die Gefahr, „dass aus jedem Menschen ein potenzielles Ersatzteillager wird.“

Auch Medizinier Werner Bartens sprach sich gegen den Entwurf aus und nannte das oft bemühte Argument, dass Menschen sterben, wenn nicht genug Spender gefunden würden. „Das stimmt nicht – diese Menschen sterben, weil sie krank sind.“

Der Verlierer des Abends

Die Bürgerämter. Ginge es nach Annalena Baerbock soll hier unter anderem entschieden werden, ob man Spender sein möchte oder nicht. Mehrmals wurde in der Runde argumentiert, dass eine derartige Entscheidung dort nicht möglich sei. Spahn sagte: „Eine Situation wie im Großraumbüro, drängelnde Leute, alle hören mit.“ Ulrike Sommer äffte genervtes Amtspersonal nach: „Wollen Sie jetzt spenden, oder nicht?“

Das Fazit

Frank Plasberg fiel eine abschließende Einschätzung schwer: „Wie soll ich sagen“, begann er. „Es war eine ... beeindruckende Diskussion.“ Dies war vor allem den geschilderten persönlichen Erfahrungen seiner Gäste zu verdanken. Bei all den Schilderungen kamen jedoch inhaltliche Punkte zu kurz, wie etwa Fragen nach Kosten und Umsetzung des Gesetzesentwurfs. Eine tiefere Diskussion wird erst möglich sein, wenn die Gruppe um Baerbock ihren Gegenentwurf zur Organspende-Reform vorstellt.

Von RND/Maximilian König