Onlineglücksspiel wird legal: Und dann ist das Haus verzockt

  • Onlineglücksspiel soll in Deutschland ab Juli legalisiert werden.
  • Suchtexperten sehen in den Angeboten eine erhebliche Gefahr – Betreiber und Lobbyverbände verweisen dagegen auf die strikten Regeln zum Spielerschutz.
  • Betroffene haben zum Teil sechsstellige Beträge in den noch illegalen Onlinecasinos verspielt – und versuchen nun mit Klage, ihr Geld zurückzubekommen.
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Hannover. Niemand hat etwas geahnt. Wie auch? Schließlich war sie es, die die Familie immer zusammengehalten hatte, als ihr Mann lange krank war. Wenn es für die Kinder in der Schule Probleme gab oder sonst etwas nicht in Ordnung schien: Sie habe immer funktioniert, sagt Leyla A.. „Niemand wäre auf die Idee gekommen, Mama macht jetzt Onlinecasinospiele, wenn ich mich zurückgezogen habe.“

Aber es war genau das, was sie tat.

Die Zahlungsprotokolle, die ihre Einzahlungen an das virtuelle Casino Vulkan Vegas dokumentieren, zeigen, wie sie tiefer und tiefer in den Strudel aus großer Hoffnung und immer größerem Verlust geriet. 19. Oktober 2020, 20.16 Uhr: 10 Euro. Vier Minuten später: 10 Euro. Acht Minuten später: 100 Euro. 21. Oktober, 9.24 Uhr: 100 Euro. 10.15 Uhr: 300 Euro. 10.22 Uhr: 500 Euro. Und so weiter, und so weiter, vormittags, abends, nachts, bis zum Februar. Da sind 116.990 Euro verspielt. Geld, das sie und ihr Mann gespart und aufgenommen hatten, um das Haus am Rande einer norddeutschen Großstadt zu renovieren, das sie gerade gekauft hatten.

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Unbeobachtet im Netz

„Ich habe gedacht, aus fünf mach zehn und aus zehn mach 20“, sagt Leyla A. Aber aus den fünf wurden nie 20 Euro, sondern immer null. Mal gab es einen Gewinn, der die Illusion nährte, sie werde sich alles zurückholen. „Aber am Ende war immer alles weg.“

Leyla A. hat getan, was in der Pandemie immer mehr Menschen tun: Sie hat im Internet Glücksspiele gespielt. Roulette, Black Jack, Automatenspiele – alles, was sie auch in Automatenhallen und Casinos in der realen Welt findet, hat seine Entsprechung in der virtuellen Welt. Dass die Spielhallen wegen der Pandemie geschlossen sind, ist für manche Spieler das pure Glück: Sie nutzen die Chance und schaffen es, sich der Spielsucht zu entledigen.

Boom der Onlineglücksspiele

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Andere dagegen ziehen um ins Netz – oder waren immer schon dort. „Wir registrieren seit Jahren steigende Anfragen von Onlineglücksspielern“, sagt Ilona Füchtenschnieder aus dem Vorstand des Fachverbands Glücksspielsucht mit Sitz in Bielefeld.

Bereits für 2019 ging die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 200.000 krankhaft Spielenden aus. Wie viele nie oder nur online spielen ist nicht klar. Klar ist für die Mehrzahl der Wissenschaftler jedoch, dass das Onlineglücksspiel für empfängliche Personen noch gefährlicher ist als das reale Spiel: kein Geschäftsschluss am Abend, kein Gang nach draußen, keine Ausrede, falls man dort einem Bekannten begegnet. Auf dem Handy ist die Möglichkeit, sich zu ruinieren, jederzeit verfügbar.

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Experten fürchten einen „Dammbruch“

„Die Gefahr, eine Spielsucht zu entwickeln, ist im Internet deutlich größer“, sagt Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Universität Bremen. Vor allem deshalb sehen er und andere Suchtexperten große Gefahren in einem Schritt, den Deutschland am 1. Juli gehen will: Dann soll hier das Onlineglücksspiel weitgehend legalisiert werden. Von einem „Dammbruch“ spricht Hayer deshalb. Spielsuchtexpertin Füchtenschnieder hält die deutsche Gesellschaft für komplett unvorbereitet auf diese Veränderung: „Das ist, als würde man in jedes Haus zusätzlich zur Wasser- noch eine Whiskyleitung legen.“

Oder ist, wie die Lobby der Anbieter argumentiert, die Legalisierung der effektivste Weg, zusammen mit Konzessionen auch Mindeststandards durchzusetzen, die die Spieler schützen? Geht die größte Gefahr von einem ungehemmten, unregulierten Markt im Netz aus?

Leyla A. ist gelernte Kauffrau, sie ist Mutter, verheiratet. Auf die Glücksspielseite, die ihr zum Verhängnis wird, stößt sie, so schildert sie es, durch einen Freund ihres ältesten Sohnes, der es auf dem Handy spielt. Sie war früher mal mit einer Freundin im Casino. Eine verstörende Erfahrung, erinnert sie sich. Das heimliche Spiel auf dem Smartphone aber ist nun doch verlockend, als leichter Weg zu etwas Geld, als Ablenkung von den eigenen psychischen Problemen, als Flucht – und der Rest ist auch ihr ein Rätsel. „Ich weiß nicht genau, wie ich da reingeraten bin. Mir war auch niemals klar, dass das verboten ist.“

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Wer spielen will, spielt überall

Genau das ist auch nicht leicht zu verstehen. Tatsächlich ist Onlineglücksspiel fast überall in Deutschland bislang illegal. In den Werbeblöcken mancher TV-Sender werben Anbieter dennoch mit grellbunten Clips für ihre Glücksspiele. Den Hinweis, dass das Spiel nur in Schleswig-Holstein erlaubt ist, rattert ein Sprecher vorab rasend schnell herunter – es wirkt eher wie Satire auf eine Warnung denn wie ein ernstzunehmender Hinweis.

Das nördlichste Bundesland hatte das Onlineglücksspiel im Alleingang 2012 erlaubt. Die Digitalisierung jedoch nimmt wenig Rücksicht auf den deutschen Föderalismus. Wer spielen will, spielt überall; und wer diese Spiele anbieten will, tut dies von überall.

Ein Hinweis im Kleingedruckten

Das virtuelle Casino, in dem sich Leyla A. ruinierte, heißt Vulkan Vegas. Erreichbar ist es auch mit der Endung „.de“. Betreiber ist ein Unternehmen namens Brivio Limited aus Zypern. Der Hinweis, dass das Spiel in Deutschland verboten sein könnte, steht in Punkt 4.2. der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. „Internetglücksspiele mögen in einigen Ländern nicht legal sein“, heißt es da. Wer jedoch die Hotline anruft, erfährt etwas anderes. „Es gibt keine Probleme von Deutschland für Sie“, antwortet da eine Frau, die sich als Sabine vorstellt, mit starkem osteuropäischen Akzent.

Der vage Hinweis im Kleingedruckten reicht jedoch nicht aus. Wegen des Verbots in Deutschland gelten die Zahlungen als nichtig, argumentiert die Bielefelder Juristin Iris Ober. Die Anwältin hat im Auftrag des Fachverbandes Glücksspielsucht schon zahlreiche Spieler vertreten, auch Leyla A. zählt jetzt zu ihren Mandanten. Die Chance, das Geld wieder einzuklagen, habe sich zuletzt deutlich verbessert, sagt Iris Ober. So hat zum Beispiel erst vor Kurzem das Landgericht Gießen ein Onlinecasino dazu verurteilt, einem Spieler 12.000 Euro zurückzuzahlen. „Ein Problem ist oft jedoch, festzustellen, wer überhaupt der richtige Beklagte ist“, erklärt Ober. Oft sind die Unternehmen in zahlreiche Untergesellschaften aufgeteilt, ein schwer zu durchschauendes Geflecht. Oder ein Unternehmen hat wie etwa Vulkan Vegas eine Lizenz von den Niederländischen Antillen – wo EU-Recht nur mit Einschränkungen gilt. Und genau das soll nun legal werden?

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Millioneneinnahmen für den Staat

Der neue Glücksspielstaatsvertrag soll Onlineglücksspiele in Deutschland erlauben. Dem Staat wird das Millioneneinnahmen bescheren. Zugleich jedoch müssen Anbieter dann bestimmte Regeln einhalten, die Menschen wie Leyla A. schützen sollen. Dazu gehören vor allem eine Obergrenze von 1000 Euro pro Monat, die jeder Spieler einsetzen darf, eine Datei, die überwacht, wer wo spielt, sowie eine Fünfminutenpause zwischen verschiedenen Angeboten. Alles überwachen soll eine neue Bundesbehörde in Halle an der Saale.

Doch Suchtexperten sehen nur kleine Fortschritte und äußern scharfe Kritik. So sei die Obergrenze für Vielspieler wahrscheinlich eine Hilfe, räumt Suchtexpertin Füchtenschnieder ein. Für Einsteiger sei es dagegen ein fatales Signal, 1000 Euro monatlich zu einem akzeptablem Verlust zu erklären.

Obendrein ist fraglich, wann die Limit- und Aktivitätsdatei überhaupt einsatzbereit ist – und ob dies je gelingt. Damit beides funktioniert, müsse bei jedem Einloggen in Echtzeit geprüft werden, ob ein Spieler zeitgleich bei mehreren Anbietern angemeldet ist und wie viel er oder sie in diesem Monat insgesamt bei allen Anbietern eingezahlt hat, betont Professor Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim. Das aber sei „technisch enorm anspruchsvoll“.

Eine neue Behörde soll den Markt überwachen

Zudem bezweifeln viele Experten, dass die Überwachung dieses Marktes in Deutschland pünktlich gelingt. Kontrollieren soll die Regeln jene neue Behörde in Halle, die bislang praktisch nur auf dem Papier existiert. 110 Mitarbeiter soll sie einmal haben, im internationalen Vergleich wenige. Als zahnlosen Tiger hat sie der renommierte Dresdener Suchtforscher Gerhard Bühringer kürzlich auf einem Symposium kritisiert: „Zu spät, zu schwach, zu wenig Kompetenz.“

Auf der anderen Seite sind den Anbietern einige der jetzt geplanten Regeln schon zu streng. „Das Problem des unregulierten Marktes im Onlineglücksspiel wird derzeit immer größer“, räumt auch Dirk Quermann ein, Präsident des Deutschen Online Casinoverbandes, der Branchengrößen wie „bet-at-home.com“ oder „Online Casino Deutschland“ vertritt und selbst auf eine wirksame Regulierung drängt.

Der Verband streitet dafür, dass Spieler ihr Limit selbst festlegen sollten. Die Befürchtung: Die 1000-Euro-Regel könnte das Spiel unattraktiv machen – und die Spieler in die Arme ungeregelter Anbieter mit Sitz im Ausland treiben.

Weiter zur Konkurrenz ohne Grenzen

Genau dafür ist auch der Fall von Leyla A. ein Beispiel: Sie hat zunächst in Onlinecasinos gespielt, die die Höchstgrenze bereits umsetzen – und ist dann, als ihr das nicht mehr reichte, zur ungeregelten Konkurrenz weitergezogen, wo mit der Verlockung des großen Geldes auch der noch größere Ruin droht.

Für Leyla A. kommen diese Regeln ohnehin zu spät. Die Enddreißigerin sitzt beim Videogespräch im Wohnzimmer ihres Hauses, das die Spuren einer halbfertigen Renovierung trägt: Neben einigen fertigen Steckdosen liegen Kabel blank in der Wand, draußen ist die Auffahrt nur zur Hälfte gepflastert, vor einigen Fenstern fehlen Rollläden. Als sie die Rechnungen nicht mehr zahlen konnte, seien die Handwerker verschwunden, erzählt sie. Doch jetzt geht es für sie und ihre Familie um weit Grundlegenderes: darum, ob sie überhaupt in ihrem Haus wohnen bleiben kann.

Klagen gegen die Anbieter

Vulkan Vegas hat die Forderung der Anwältin von Leyla A. in einer Mail abgelehnt. „Die Kundin erwähnte ihre Sucht nicht“, heißt es da etwa. Zudem bestreitet das Casino, die Summe überhaupt erhalten zu haben. „Wir für unseren Teil haben unser Bestes gegeben.“ Unterzeichnet ist die Mail mit „Freundliche Grüße, Elsa“. Auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) reagiert das Unternehmen nicht. Die Anwältin von Leyla A. will den Fall jetzt vor Gericht bringen. Doch es ist ungewiss, ob die Familie etwas von ihrem Geld wiedersieht – und ob es rechtzeitig käme, bevor sie ihr Zuhause verliert. A. selbst wirkt im Gespräch ruhelos, getrieben, voller Schuldgefühle und Vorwürfe gegen sich selbst. „Ich habe meine ganze Familie runtergezogen“, sagt sie. Oder: „Selbst der Tod wäre jetzt keine Lösung. Weil ich dann alle mit meinem Problem allein ließe.“

Dass sie trotzdem zu einem Gespräch mit einem Journalisten bereit ist, hat, so sagt sie, vor allem einen Grund: „Ich will vor diesen Spielen warnen. Ich will sagen, wie gefährlich sie sind.“

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