Japan, das Vorbild in der Pandemie?

  • Das Olympialand ist bisher vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen.
  • Das hängt auch mit der Einstellung der Menschen zusammen: „Einfach durchhalten“ lautet dort die Devise.
  • Doch diese Haltung hat auch ihren Preis.
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Tokio. „Gaman suru shika nai“ – diesen Satz hat man zuletzt häufig gehört in Japan. „Man muss sich nur zusammenreißen“, heißt er übersetzt, oder: „Einfach durchhalten.“ Im vergangenen Frühjahr, als Japans Regierung für die größten Metropolregionen des Landes erstmals den Ausnahmezustand ausrief und so einen soften Lockdown erwirkte, wurde er schnell zur Devise. Am Feierabend nicht mehr in ein Izakaya und in solch einer Kneipe mit Zigarette in der Hand Sake trinken. Die Karaokebar möglichst meiden. Und wenn es die Situation am Arbeitsplatz zulässt, von zu Hause aus arbeiten.

Vor allem aber: Immer eine Maske tragen. Wer heute durch die Straßen von Tokio geht, sieht selbst unter freiem Himmel kaum eine Person, deren Mund und Nase nicht bedeckt sind. Zwar sind es häufig nur Stoffmasken. Da aber zur Begrüßung meist ohnehin keine Hände geschüttelt werden und man in Unterhaltungen etwas mehr Abstand hält als in westlichen Kulturen, scheint auch dies schon zu wirken. Wichtiger für die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen aber ist, dass die Gesellschaft Anfang vergangenen Jahres schnell den Ernst der Lage verstand. Es gab zum Beispiel keine Demos von Maskengegnern.

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Olympia in Tokio: Ein niederländischer Ruderer fährt mit seinem Fahrrad die Strecke entlang – mit Mundschutz. © Quelle: Jae C. Hong/AP/dpa

Seit 100 Jahren Mundschutz

Dass das Maskentragen eine gute Idee ist, um Infektionen vorzubeugen, weiß man in Japan seit 100 Jahren. Und man könnte es auch im Westen längst wissen. In Japan begann man damit, als Ende des Ersten Weltkriegs die Spanische Grippe um sich griff. Gelernt hatten die Gesundheitsämter dies aus San Francisco, wo sich das Maskentragen als wirksames Mittel gegen die Grippe herausgestellt hatte. Zu einem typischen Hilfsmittel der Infektionsprävention wurden Gesichtsmasken aber nicht in den USA, sondern in Japan.

Ärzte, so ist es jedenfalls übermittelt, hatten damals wenig Mühe, die Leute zum Maskentragen zu bewegen. Das Argument: Das eigene Verhalten ist nicht nur wichtig für die eigene Gesundheit, sondern auch für die der anderen. In Japan beeindruckt so ein Appell offenbar mehr als in westlichen Gesellschaften. Bis heute zeichnet sich die Kultur des ostasiatischen Landes auch dadurch aus, dass sich das Individuum zurücknimmt, die eigenen Interessen nicht gleich in den Vordergrund stellt. Im Straßenverkehr wird kaum gehupt, in U-Bahnen ist man aus Rücksicht leise. Kinder lernen, nicht gleich loszuschreien, wenn ihnen etwas nicht passt.

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Vor zehn Jahren, als in Nordostjapan ein Erdbeben der Stärke neun gemessen wurde, kurz darauf ein Tsunami mit rund 20 Meter hohen Wellen über die Küste hereinbrach und auch noch ein Atomkraftwerk havarierte, bewahrte dieses Verhalten vor sozialem Chaos. „Gaman suru shika nai“ war auch damals die Devise. Hunderttausende hatten ihr Zuhause verloren, 20.000 waren gestorben, aber Plündereien oder Aufstände brachen nicht aus. Obwohl die Regierung schon damals keine gute Figur abgab.

An Olympia hielt Japan schon 2020 lange fest

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Zu Beginn der Pandemie reagierte die Politik in Japan kaum klüger auf die entstehenden Probleme als die Regierungen westlicher Länder. Als Japan Anfang 2020 als eines der ersten Länder der Welt vom Coronavirus stärker betroffen war, nahm die Regierung in Tokio das Thema zunächst auf die leichte Schulter. Der Bevölkerung signalisierte man, die Sache im Griff zu haben, indem man eine direkt dem Büro des Premierministers untergeordnete Taskforce einrichtete. Viel mehr geschah erst mal nicht.

An den ursprünglichen Plänen für die Olympischen Spiele, die eigentlich im Juli 2020 starten sollten, hielt man so lange fest, bis die nationalen olympischen Komitees von Kanada und Australien verkündeten, im Sommer keine Athleten nach Japan zu schicken. Dann behauptete die Regierung in Tokio plötzlich, die Entscheidung zur Verschiebung um ein Jahr aus eigenem Antrieb getroffen zu haben, weil Sicherheit ja das Wichtigste sei. Dass Sicherheit hier wirklich oberste Priorität hat, ist aber schwer zu glauben. Bis vor Kurzem wollten die Organisatoren die Wettkämpfe, die am 23. Juli begannen und bis zum 8. August dauern, noch vor gefüllten Rängen austragen. Athleten, die Kontaktpersonen einer infizierten Person waren, sollen von der 14-tägigen Quarantänepflicht ausgenommen werden.

Schilder weisen bei den Olympischen Spielen auf Verhaltensweisen während der Corona-Lage hin. © Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Taiwan und Südkorea griffen durch

In den Nachbarländern Taiwan und Südkorea, die ebenfalls nur relativ milde von der Pandemie betroffen sind, trägt ein von Anfang an beherztes Durchgreifen der Regier­ung einen entscheidenden Teil zum Erfolg bei. Auch Japan sieht erfolgreich aus: Bei seinen rund 126,5 Millionen Einwohnern wird bis heute keine Million Infizierte gezählt. Aber dies ist eher trotz der Regierung gelungen.

Viele Regulierungen ergeben wenig Sinn, andere Maßnahmen fehlen gar komplett. So wird noch immer relativ wenig getestet. In Cafés sind die kaum durchlüfteten Raucherräume weiterhin zugänglich. Auch Restaurants ohne Außenbereich können weiterhin öffnen. Man verlässt sich eben auf eine disziplinierte Bevölkerung, die die Ansagen nicht nur abnickt, sondern auf keinen Fall überschreitet. Und in großen Teilen funktioniert das.

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Dabei ist latente Selbstlosigkeit keine Eigenschaft, die man sich unbedingt in jedem Bereich des sozialen Lebens wünschen würde. Dass die Regierung die Krise dieser Tage kaum im Griff hat, wissen die Menschen. Schon im Frühjahr 2020 ergab eine internationale Umfrage, dass die Menschen in Japan sich von denen anderer Länder deutlich unterschieden, weil sie mit ihren Volksvertretern besonders unzufrieden waren.

Zivilisationsniveau der Gesellschaft

Aber in politische Bewegungen oder Entscheidungen übersetzt sich diese Stimmung kaum. Die Wahlbeteiligung ist seit Jahren rückläufig, in den vergangenen zehn Jahren ist sie bei nationalen Wahlen von knapp 70 auf unter 50 Prozent gesunken. Im Jahr 2019 zeigte eine Umfrage außerdem, dass nur knapp 8 Prozent der Menschen glauben, das Parlament vertrete wirklich ihre Interessen. Heute dürfte dieser Wert noch schlechter ausfallen.

Beruhigend ist vielleicht: Eine Gesellschaft, in der man im täglichen Miteinander auf seine Mitmenschen achtet und in der man bei der Aufforderung, eine Maske zu tragen, nicht gleich seine Grundrechte verletzt sieht, kann auch ohne effektive Regierung funktionieren. Wobei dies in Japan zu einer nicht wenig verbreiteten kulturellen Überheblichkeit führt – paradoxerweise seitens der Regierung. Finanzminister und Vizepremier Taro Aso prahlte vor einigen Monaten, der Grund für die geringen Infektionszahlen in Japan sei das Zivilisationsniveau der Gesellschaft.

Viele nannten die Aussage rassistisch, was sich kaum von der Hand weisen lässt. Immerhin aber scheint Aso eingesehen zu haben, dass der Politik des Kabinetts, dem er angehört, in der Pandemie wenig zu verdanken ist.

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