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Folteropfer aus Tibet: „Der DOSB interessiert sich nicht für Menschenrechte“

Dhondup Wangchen setzt sich seit vielen Jahren für die Menschenrechte im Tibet ein. Der 47-Jährige Exil-Tibeter saß ab 2008 sechs Jahre in chinesischer Haft, weil er vor den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking einen Dokumentarfilm über das Leben in Tibet drehte. 2017 konnte er aus China zu seiner Familie in die USA flüchten.

Berlin.Dhondup Wangchen setzt sich seit vielen Jahren für die Menschenrechte im Tibet ein. Dadurch geriet der 47-jährige Exil-Tibeter schnell in den Fokus der chinesischen Machthaber.

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Als er vor den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking einen Dokumentarfilm über das Leben in Tibet drehte, verhafteten ihn die Behörden. Das Filmmaterial war allerdings schon außer Landes geschmuggelt worden. Wangchen sah die geschnittene Version von „Leaving fear behind“ in einem chinesischen Gefängnis. 2009 wurde er wegen „Anstiftung zum Separatismus“ zu sechs Jahren Haft verurteilt und währenddessen auch gefoltert. Nach seiner Flucht aus China sah er 2017 erstmals seine Familie in den USA wieder.

Der Menschenrechtsaktivist appelliert derzeit auf einer Reise durch Europa an Sportfunktionäre und Politiker, keine Sportler zu den in acht Wochen beginnenden Winterspielen nach Peking zu schicken. Mittwoch traf Wangchen in Berlin Politiker und Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB).

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Herr Wangchen, Sie haben in Deutschland Gespräche im Außenministerium und beim DOSB geführt. Worum ging es Ihnen dabei?

Mir ging es darum, meine Geschichte zu erzählen und für einen Olympiaboykott zu werben. Als China 2008 die Olympischen Sommerspiele erhielt, waren viele Tibeter und Menschenrechtsaktivisten sehr schockiert und traurig. Wir hatten immer gedacht: Olympische Spiele stehen für Frieden und Menschenrechte. Zu einem Land wie China passt das nicht.

Die Kommunistische Partei Chinas hat meine Heimat Tibet vor vielen Jahrzehnten annektiert und unterdrückt sie seitdem mit harter Hand. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Welt auf die Verbrechen der chinesischen Regierung hinzuweisen. Als ich erfuhr, dass die Spiele erneut in China ausgerichtet werden sollen, war ich noch enttäuschter als 2008.

Wir haben schon einmal erlebt, was die Spiele anrichten. Das darf nicht noch einmal geschehen. Deshalb habe ich an den DOSB und das Auswärtige Amt appelliert, die Spiele zu boykottieren und klar Stellung zu Menschenrechtsverbrechen in China zu beziehen.

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Wie haben Ihre Gesprächspartner reagiert?

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Ich habe mit Vertretern des Auswärtigen Amtes, Bundestagsabgeordneten und dem DOSB gesprochen. Das Auswärtige Amt hat betont, dass es die Situation in Tibet weiter gegenüber der chinesischen Regierung ansprechen wird.

Ob es einen diplomatischen Boykott der deutschen Seite geben wird, ist noch unklar – allerdings stehen die Chancen dafür wohl gut. Auch die Bundestagsabgeordneten aus verschiedenen Parteien, die ich getroffen habe, befürworten einen solchen Boykott. Auch sie sagen: Deutschland muss ein Zeichen setzen gegenüber dem diktatorischen China.

Der tibetische Menschenrechtler Dhondup Wangchen warb im Bundesaußenministerium für einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking.

Der tibetische Menschenrechtler Dhondup Wangchen warb im Bundesaußenministerium für einen Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking.

Sieht das der DOSB auch so?

Das Treffen mit dem DOSB war leider sehr enttäuschend. Mein Eindruck war: Der DOSB interessiert sich quasi nicht für Menschenrechte. Es geht nur darum, Geld mit den Spielen zu verdienen. Nur eine gute Nachricht gab es in dem Gespräch: Der DOSB wird den Sportlern immerhin Infomaterial über die Menschenrechtsverletzungen zur Verfügung stellen.

Ob Tibet in den Unterlagen vorkommen wird, konnte man mir nicht sagen. Ebenfalls sehr enttäuschend ist, dass sich der DOSB nicht zu den Menschenrechtsverletzungen öffentlich positionieren will. Als Grund wurde mir genannt, dass man nicht genug Expertise besitze. Ich denke: Wer einmal den Fernseher anmacht oder Zeitung liest, weiß, was in Tibet, Ostturkestan und Hongkong passiert. Die Begründung des DOSB ist eine faule Ausrede.

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Heute vor 70 Jahren verständigten sich die Vereinten Nationen auf allgemeingültige Rechte für alle Menschen auf der Welt.

Hilft es den Unterdrückten, wenn Sportler oder Diplomaten Olympische Spiele wie die im Februar 2022 in Peking boykottieren?

Ein Boykott setzt ein klares Zeichen für Menschenrechte. Die Menschen in einem freien Land wie Deutschland sollten ihre Freiheit nutzen. Egal, ob Politiker, Sponsoren, Sportverbände oder Sportler: Sie sollten dem Regime in Peking zeigen, wie sie zu Menschenrechtsverbrechen stehen, und nicht wegschauen. Ansonsten macht man sich mitschuldig. Der chinesischen Regierung muss klargemacht werden, dass ihre menschenverachtende Politik von der Welt nicht akzeptiert wird.

Der deutsche Versicherungskonzern Allianz ist Hauptsponsor des IOC. Sollte er sich zurückziehen?

Der deutsche Allianz-Konzern ist vollkommen verantwortungslos, wenn er die Spiele in Peking finanziell unterstützt. Anstatt die chinesischen Propaganda-Spiele sollte der Konzern lieber die Tibeterinnen und Tibeter unterstützen. Wir brauchen eine Versicherung vor der Willkür des chinesischen Regimes. Die einzig richtige Konsequenz muss daher sein, den Sponsorenvertrag mit dem IOC für die Spiele in Peking zu kündigen.

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Viele Sportfunktionäre, aber auch Sportler vermeiden klare politische Positionierungen. Wie empfinden Sie das?

Ich kann es nur schwer nachvollziehen. Geld scheint wichtiger als Moral, Profit wichtiger als Menschenrechte. Sportfunktionären wie IOC-Präsident Thomas Bach ist nicht bewusst, welches Glück sie haben, in einer funktionierenden Demokratie zu leben. Sie müssen nicht fürchten, von einem Tag auf den anderen in einem Geheimgefängnis zu verschwinden. Sie leben in Freiheit, in demokratischen Gesellschaften.

Und trotzdem ducken sie sich weg, wenn wir von ihnen diese Kleinigkeit fordern: sich für Menschenrechte zu positionieren. Das macht mich sehr traurig. Ein Thomas Bach würde nicht ins Gefängnis kommen, wenn er Xi Jinping kritisieren würde. Die Menschen in China und Tibet sitzen dafür jahrelang im Knast und müssen Folter oder gar Tod erleiden. Es ist beschämend, dass nicht mehr Sportler und Sportfunktionäre öffentlich Position beziehen.

Das IOC spricht davon, in Peking ein Fest der Menschlichkeit zu feiern. Wie klingt das in Ihren Ohren?

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Das ist purer Hohn. Wie kann das IOC in Peking ein Fest feiern, während im besetzten Tibet weiter Menschen gefoltert und getötet werden. Ich selbst wurde von chinesischen Polizisten an Händen und Füßen gefesselt, mir wurde tagelang Schlaf entzogen, ich musste Zwangsarbeit leisten.

All das passiert nach wie vor in Tibet, in Ostturkestan und in China. Wenn das IOC 2022 tatsächlich ein Fest der Menschlichkeit feiern will, muss es die einzig richtige Konsequenz ergreifen: Es muss die Spiele aus China in ein anderes Land verlegen. Ich bin mir sicher: Es würde sich ein demokratisches Land finden, das diese Spiele ausrichtet.

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