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  • Österreich: Nobel-Skiort Lech am Arlberg verhängt ab sofort Baustopp

Geisterhäuser im Skiresort: Im Dorf der kalten Betten

  • Weil die Reichen der Welt ihr Geld anlegen wollen, wird das österreichische Lech langsam aufgekauft – von Investoren, die weder dort leben noch Gewerbe treiben.
  • Nun leistet die Gemeinde Widerstand.
  • Ein Vorbild?
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München. Lech am Arlberg. Morgens, mittags, abends, nachts – egal wann Annette Moosbrugger aus dem Fenster schaut, sieht sie diese Häuser mit ihrer dunklen Holzverkleidung und sonst nichts und niemanden. „Da ist es immer leer”, sagt die Zimmervermieterin, „und die Fensterläden sind zu.”

Fünf neu gebaute Geisterhäuser stehen in Lech, dem weltbekannten Skiort im österreichischen Vorarlberg. Direkt vor der Nase von Frau Moosbrugger. Kein Schriftzug ist dran, kein Name an der Klingel, kein Fahrrad oder Auto in der Einfahrt. Und bei Dunkelheit brennt nicht das kleinste Licht.

Solche Häuser gibt es mehr und mehr, nicht nur in Lech am Arlberg, sondern in vielen Orten der Alpen, in Österreich, der Schweiz, Bayern, auf Sylt oder in Heidelberg. Orte, deren Schönheit und Begehrtheit den Einheimischen immer mehr zum Nachteil gereicht. Weil sie sich ihr Zuhause nicht mehr leisten können.

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Investoren kaufen Grund und Boden

„Investoren haben Lech entdeckt, um hier Grund und Boden zu kaufen”, sagt der Bürgermeister Stefan Jochum. „Betongold” nennen sie das. Österreich steht für Werthaltigkeit, die Immobilienpreise steigen noch viel drastischer als in Deutschland, also kaufen sich die Superreichen aus der ganzen Welt ein. Allein, um ihr Geld anzulegen.

Von oben wirkt Lech mit seinen knapp 1600 Einwohnern wie ein Idyll. Früher war es ein typisches Bergbauerndorf. Seit den 1960er-Jahren entwickelte es sich zum Skiort mit mondänem Ruf und Promitreffpunkt. Die niederländische Königsfamilie macht hier seit Jahrzehnten Winterferien. Auch Lady Diana verbrachte fünf Skiurlaube in Lech. Dennoch gilt der Ort mit seinen fantastischen Pisten als familiärer und nicht so sehr von Prominenz und High Society dominiert wie etwa Kitzbühel oder St. Moritz.

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Doch inzwischen wird zu viel Geld auch hier zum Problem. „Es geht um ein gutes Investment mit Wertsteigerungen”, meint Jochum. Nur: In den Häusern lebt niemand. „Als Feriendomizile bucht die auch keiner”, so Jochum. „Das sind kalte Betten.” Von denen das Dorf nichts hat. Und deshalb geht der Ort nun dagegen vor.

Ab sofort gilt ein Baustopp

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Kürzlich hat die Gemeindevertretung einstimmig beschlossen, sogenannte Investorenmodelle für zwei Jahre zu verbieten. Ab sofort gilt ein Baustopp. „Die Infrastruktur des Ortes ist in Gefahr”, sagt Gemeinderätin Brigitte Finner. „Wir werden sonst zum Geisterdorf. Junge Leute ziehen aus Lech weg, weil sie sich das Wohnen nicht mehr leisten können.” Viele in Lech meinen, man müsse jetzt die Familien schützen, damit sie nicht vom Geld verdrängt werden.

2003 kostete ein Quadratmeter Baugrund noch 800 Euro, jetzt sind es 6000 bis 7000 Euro – und es darf nur die Hälfte der Fläche bebaut werden. Alle in Lech eingereichten Projekte sollen nun geprüft werden, ob sie den Zielen „Wirtschaften, Arbeiten, Wohnen” entsprechen. Totes Immobilienkapital macht das nicht. Mit dem Investorenstopp will der Ort auch Vorreiter sein und hofft, dass andere, ähnlich geplagte Gemeinden folgen.

Gastronom spricht von großem Ausverkauf

„Erst kamen die Investoren und dann der große Ausverkauf”, sagt der Gastronom Stefan Muxel. Bisher lief das System aus seiner Sicht der Dinge so: Sogenannte Immobilienentwickler kaufen frei werdende Häuser – etwa Hotels, deren Besitzer in Rente gehen – zu horrenden Preisen auf. Dann entstehen Luxuswohnungen oder Chalets im alpenländischen Stil. Nur: Immobilien rein als ruhende Wertanlage oder als persönliches Feriendomizil zu kaufen ist nicht erlaubt. Denn das macht das Dorfleben kaputt.

Bauarbeiten in Lech am Arlberg. © Quelle: picture alliance / Roland Mühlanger / picturedesk.com

Und so bedienen sich die „Reichsten der Reichen”, wie Muxel sie nennt, eines Tricks: Sie treten offiziell als Hotelbetreiber oder Vermieter von Ferienwohnungen auf. Sie bieten ihre Objekte auf Homepages und Reiseportalen zu absurd überhöhten Mietpreisen als Urlaubsdomizile an – für mehrere Tausend oder gar zehntausend Euro pro Nacht. Die Folge: Der Nachweis der Gewerblichkeit ist erbracht, aber niemand bucht, der Besitzer behält sein Haus alleine und leer.

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Stefan Muxel sitzt auf der sonnendurchfluteten Terrasse seines Hotelrestaurants in Oberlech, 1750 Meter hoch am Berg; er trinkt eine Limonade mit Minze. Jetzt im Sommer ist einiger Betrieb bei ihm. „Das ist für mich Luxus”, sagt er und zeigt auf das Grün und die Berge. „Jedes Eck der Landschaft sieht anders aus.” Er ist nicht nur Gastronom und einer von fünf Gemeindevorständen, Muxel nennt sich auch Bergbauer: „Ich habe neun Kühe, Tiroler Grauvieh mit Hörnern.”

Gemeindevorstand: Nicht nur die Investoren sind Schuld

An der Misere, so meint er, sind nicht nur die Investoren schuld: „Die Einheimischen machen mit, die verkaufen ja.”

Den neuen Bauten kann er gar nichts Positives abgewinnen. Die fünf leeren Häuser, die den Namen „Chalech” tragen, bezeichnet er als „das Allerschlimmste, ganz billig gebaute Hütten”. Ständig würden „tolle Konzepte präsentiert, und nichts davon kommt”. „Abgewirtschaftete Häuser” würden für zehn Millionen Euro verkauft, „unglaublich, einfach unglaublich”.

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Etwas anders sieht Stefan Jagschitz die Sache. „Wenn jemand sein ganzes Leben hart im Betrieb gearbeitet hat – warum soll er mit einem Verkauf nicht auch einen guten Gewinn machen?”

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Verwalter: Luxus-Chalet wird gewinnbringend vermietet

Jagschitz ist Geschäftsführer und Verwalter des Luxus-Chalets „Überhaus”. Er sagt, dass es immer wieder gewinnbringend vermietet wird. Jagschitz führt durch das Chalet mit 685 Quadratmetern voll Holz und edlen Möbeln. Es hat fünf Schlafzimmer, Bar, großes Wohnzimmer, Sauna, beheizten Außenpool, Gym und einen Kinosaal mit zwölf Plätzen.

Wer es bucht, bekommt Koch, Haushaltspersonal, Fahrer und Skilehrer zur Seite gestellt. Wochenpreis je nach Datum: 47.000 bis 148.500 Euro. In der nächsten Wintersaison sind ausweislich der Homepage bereits neun der 20 angebotenen Wochen gebucht.

Jagschitz meint: Wenn sich in der heutigen Zeit etwa ein junges Paar hoch verschulde, um eine kleine Pension aufzubauen, dann „widerspricht das jeglicher Logik”. Man könne den Lauf der Dinge nicht anhalten, Lech nicht in eine „Blase des Wunschdenkens“ packen.

Russischer Oligarch finanziert Hotelkomplex

Dass hier einträgliche Hotellerie auf Spitzenniveau möglich ist, die zur Belebung des Ortes beiträgt, zeigt auch Axel Pfefferkorn mit seinem Aurelio. Vor 15 Jahren hat er den Hotel-Chalet-Restaurant-Komplex aufgebaut, finanziert von dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Dieser will, so sagt Pfefferkorn, ordentliche Zahlen sehen und lässt ihm freie Hand. 45 Mitarbeiter beschäftigt der gebürtige Lecher fast übers ganze Jahr. Das Restaurant ist für alle geöffnet, am Sonntag werden Hendl vom Grill verkauft. Pfefferkorn sagt: „Ich möchte weiterhin jedem Lecher in die Augen schauen können.”

Doch es gibt eben auch vermehrt jene Objekte, über die alle sagen, dass sie „tot” sind. Die „Chalech”-Häuser zählen dazu, eines von ihnen wird für zwölf Personen im Internet für 50.000 bis 80.000 Euro pro Winterwoche angeboten. In einem anderen soll das Penthouse mit 210 Quadratmetern knapp 30.000 Euro kosten.

Gibt es viele Leute, die das zahlen können und wollen? Ja, meint der Vermarkter der Objekte. Die Auslastung vor Corona sei gut gewesen, und der kommende Winter werde wohl auch ordentlich werden. Nur eben jetzt nicht, in dieser ganzen Zeit.

Axel Pfefferkorn vom Aurelio sagt hingegen: „Manche Nobelchalets sind einfach Fakes.”

Im Fall des Hotels Brunnenhof, das von Investoren gekauft, saniert und parzelliert wieder verkauft wurde, reagieren die Zuständigen auf eine Anfrage. Das Haus steht nun schon längere Zeit leer und gilt in Lech als großes Ärgernis. Marc de Vocht vom Immobilienentwickler Moutain Residences in den Niederlanden ist dafür ebenso verantwortlich wie der Innsbrucker Rechtsanwalt Harald Vill. Sie sehen sich zu Unrecht in der Kritik, ein größerer Brand und dann Corona habe zu Verzögerungen geführt. In der Wintersaison lege man los, es gebe schon viele Buchungen.

Rechtsanwalt: „Das ist verfassungswidrig”

Vill ist sicher: „Die Bausperre in Lech ist verfassungs- und EU-rechtswidrig.” Das werde sich so nicht halten lassen. Wenn die Gemeinde gegen ein neues Projekt von ihm vorgeht, werde er klagen.

Machen Investoren ihre Arbeit richtig, sei das ein „Segen für die Tourismusindustrie“, meint de Vocht. Bei Hotels gebe es ein „großes Nachfolgeproblem“: Eltern hätten die Betriebe groß gemacht, die Kinder wollten nicht übernehmen. Gemeinden würden auf sie zukommen und fragen, ob sie investieren möchten. Die Hotellerie vor Ort sei „häufig am Ende“. Und was ist mit den Geisterhäusern? „Es gibt auch schwarze Schafe.“

Im Dorf kennt jeder jeden. „Früher wurde in Lech nichts verkauft, das war Grundsatz”, erinnert sich die Vermieterin Annette Moosbrugger. Allein in diesem Jahr aber wechselten zwölf Anwesen die Besitzer. Wer hat da an wen was gegeben? Das weiß man nicht so genau. Doch das Geld treibt auch die Familien auseinander. Eine Frau erzählt, dass die Schwester heimlich ein geerbtes Haus an einen Investor verkauft habe. Die Folge: „Wir haben kein Verhältnis mehr miteinander.”

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