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Oberster Elternvertreter: “Die Politik hat die Schulen alleingelassen”

  • In den meisten Bundesländern hat die Schule wieder begonnen – Zeit für eine erste Bilanz.
  • Im RND-Interview gibt der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, den Kultusministern nur eine Vier minus als Note für ihre Arbeit.
  • Er fürchtet, das Chaos werde riesig sein, falls es erneut zu großflächigen Schulschließungen kommt.
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Herr Wassmuth, in den meisten Bundesländern hat die Schule nach den Sommerferien wieder begonnen. Welche Note würden Sie der Politik aus Elternsicht für die Vorbereitung vergeben?

Eine Vier minus – eine bessere Note haben die Politiker für die Vorbereitung des Schuljahres nicht verdient. Diese Bewertung ist noch sehr freundlich angelegt. Die Kultusminister erinnern an Schüler, die vor einer wichtigen Klassenarbeit nicht oder nur das Allernötigste lernen – in der Hoffnung, sie werden schon irgendwie durchkommen. Für Politiker, die Verantwortung für Gesundheit Hunderttausender tragen, ist das zu wenig.

Stephan Wassmuth ist Vorsitzender des Bundeselternrats.
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Was hätte man besser machen müssen?

Es fängt mit den ganz einfachen Dingen an. Jedes Kind weiß mittlerweile, dass Aerosole in der Corona-Pandemie entscheidend für die Verbreitung des Virus sind. Wir müssen lüften, lüften, lüften! Das geht aber gar nicht in allen Klassenräumen. Da hätte man schon in den Ferien umbauen oder technische Lösungen mit Luftfilteranlagen suchen müssen. Doch die Politik hat die Schulen alleingelassen. Das Versagen reicht aber weit über solche rein praktischen Fragen hinaus.

Was meinen Sie damit genau?

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Die Kultusminister haben darauf gesetzt, dass die Infektionszahlen gering bleiben und man weitgehend problemlos in den Normalmodus zurückkehren kann. Wie sie darauf gekommen sind, dass dies gerade nach der Urlaubszeit so sein würde, ist ihr Geheimnis. Es war absehbar, dass Reisende das Virus wieder stärker ins Land bringen. Den Kultusministern hat es an der Energie gefehlt, echte Verbesserungen auf den Weg zu bringen. Damit meine ich vor allem das Lernen in kleineren Gruppen.

Fehlt es dazu nicht an Lehrern – und auch an den Räumlichkeiten?

Ich hätte es klug gefunden, in großem Umfang Lehramtsstudenten in die Schulen zu holen. Für die Studenten ist ein solcher Einsatz eine tolle Chance, praktische Erfahrungen zu sammeln. Die Lehrer hätten auf diese Weise eine große Hilfe. Wer für Lerngruppen Räume sucht, der kann auch welche finden. In Zeiten der Wirtschaftskrise stehen ganze Messehallen leer.

Was halten Sie von einer Maskenpflicht auch im Unterricht, wie sie in Nordrhein-Westfalen praktiziert wird?

Dort, wo in den Klassenräumen Abstände nicht eingehalten werden, ist eine Maskenpflicht im Unterricht aus gesundheitlicher Sicht richtig – trotz der Kopfschmerzen, die nach stundenlangem Maskentragen bei vielen auftreten. Auch hier gilt: Gute Vorbereitung ist das A und O. Der Staat muss in großer Zahl wirksame Masken zur Verfügung stellen, auch zum Wechseln im Lauf eines Tages.

Sind die Schulen diesmal besser vorbereitet, falls Schließungen in großem Maß wieder notwendig sein sollten?

Nein. Die Sommerferien hätten zwingend genutzt werden müssen, um die Lehrer in Sachen digitalem Unterrichten fortzubilden. Das ist so nicht passiert. Für Schüler und Eltern bleibt es ein Lotteriespiel: Einige haben das Glück, dass die Schulleitung sich schon seit Jahren um das Thema kümmert. An vielen Schulen funktioniert wenig bis gar nichts. Das Chaos wird im Fall von großflächigen Schulschließungen auch beim nächsten Mal riesig sein.

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