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Obdachlosenhilfe in Berlin: “Wir kriegen das hin – hoffentlich”

  • In Deutschland leben bis zu 680.000 Wohnungslose, davon sind etwa 40.000 permanent auf der Straße.
  • In der Corona-Krise hat die Obdachlosenhilfe riesige Probleme: Sammelunterkünfte schließen, viele ehrenamtliche Helfer müssen zu Hause bleiben, da sie zur Risikogruppe gehören.
  • Ein Report aus der Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten, in der Notbetrieb gefahren wird.
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1:58 min
Der Leiter der evangelischen Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoologischer Garten, Wilhelm Nadolny, schildert RND-Chefkorrespondenten Thoralf Cleven, wie sich die Arbeit mit Obdachlosen durch die Corona-Krise verändert. Er stellt seine Hilfseinrichtung vor, erzählt über die Reaktionen seiner Gäste auf die Reduzierung des Angebots und erfreuliche Anteilnahme. Sein Fazit: „Wir kriegen das hin.“  © RND
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Berlin. Wilhelm Nadolny steht auf der Straße, um seine Gäste willkommen zu heißen. Sie stehen Schlange in der kalten Märzsonne – Junge, Alte, Kranke, Junkies, Betrunkene, Laute, Stille. In wenigen Minuten, um 14 Uhr, beginnt die Essenausgabe in einer der bekanntesten evangelischen Stadtmissionen Deutschlands. Der 33-jährige Nadolny leitet die Bahnhofsmission Berlin Zoo.

Obdachlos in der Corona-Krise

Es gibt ein bisschen Gerangel, als sich ein alter Mann mit seinem Rollator ganz vorn einreiht. Ein junger Mann mit zotteligem Bart zupft dem Alten am Ärmel und ruft: “Nach hinten.” Hier greift Nadolny ein. “Alles okay”, sagt er und bittet den alten Mann zu einer Nebentür. “Sie bekommen hier Ihren Kaffee.” Alle entspannen sich wieder.

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Punkt 14 Uhr gehen die improvisierten Fensterklappen am Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission auf. Links gibt es ein Lunchpaket – zwei Stullen mit Wurst oder Käse, ein Stück Kuchen und Obst. Rechts wird Kaffee im Plastikbecher nach draußen gereicht. Wilhelm Nadolny nickt dem einen oder anderen aufmunternd zu.

1,50 Meter Abstand bei der Essensausgabe: Versorgung seit 14 Tagen im Freien

Die Versorgung in der Berliner Bahnhofsmission Zoo findet nunmehr seit mehr als 14 Tagen komplett im Freien statt. Vor Corona nahmen sie täglich 600 bis 700 Menschen in Anspruch. Heute schieben sich in einer Stunde 120 an der Essensausgabe vorbei. Sie sind sehr diszipliniert, niemand will Ärger. Die 1,50 Meter Abstand, die auf den aufgeklebten Zetteln in mehreren Sprachen an der Außenwand empfohlen sind – geschenkt. Social Distancing kennen sie. Und das nicht erst seit Corona.

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Obdachlose vor der Essensausgabe der Bahnhofsmission Berlin Zoo.

Doch die Pandemiekrise bringt die Nothelfer bundesweit selbst in allerhöchste Not. Gerade in der Obdachlosenhilfe müssen die Unterstützungen wegen der verordneten Kontaktbeschränkungen extrem zurückgefahren werden. Betroffen sind davon nach Informationen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) übers Jahr gesehen schätzungsweise bis zu 680.000 Menschen, 40.000 von ihnen leben permanent auf der Straße.

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Ganz schwierig sind Essensausgaben, Tagesaufenthalte oder die medizinische Versorgung. Die Tagesaufenthalte gewährleisten Hygienemöglichkeiten oder Angebote zum Wäschewaschen. Im modernen Hygienecenter der Bahnhofmission konnten bislang vier Männer gleichzeitig duschen und sich rasieren. Vorbei. Einer darf jetzt rein, dann muss desinfiziert werden, danach erst der Nächste. Angesichts dieser Zustände empfinden viele Betroffene die Aufrufe zur unermüdlichen Handhygiene und dem Nicht-ins-Gesicht-Fassen fast als zynisch.

Hilfe für Obdachlose in Cannes: Filmfestspiele stellen Festspielhaus zur Verfügung

In den Unterkünften sind Mehrbettzimmer die Regel, viele müssen daher geschlossen werden. Manche Kommunen versuchen, Ferienwohnungen anzumieten oder andere Räume. Doch das ist schwierig. Wie unorthodox Lösungen ausfallen können, zeigt ausgerechnet die französische Millionärsmetropole Cannes an der Côte d’Azur.

Die Filmfestspiele, die in diesem Jahr wegen der Pandemie ausfallen, stellten ihr Festspielhaus für bis zu 80 Menschen ohne Wohnung zur Verfügung. Es gibt Möglichkeiten zum Duschen, Schlafen und Essen. Das Einhalten von Abstandsregeln für Sozialkontakte und Hygienevorschriften im Zuge der Corona-Krise werde sichergestellt, heißt es.

Doch viele Wohnungslose benötigen noch dringender als ein Dach überm Kopf Beratung, wie sie an zustehendes Geld kommen können. “Die ohnehin äußerst schwierige Lebenssituation Wohnungsloser hat sich durch Corona noch einmal drastisch verstärkt”, sagt BAG-W-Geschäftsführerin Werena Rosenke. “Flaschen sammeln, Straßenzeitungen verkaufen, betteln – all das kann nun kaum noch zum Einkommen beitragen.”

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Inwieweit Inhalte der Milliardenpakete der Bundesregierung zur Linderung der Corona-Folgen “ganz unten” ankommen, ist ungewiss. Soziale Einrichtungen sind als Empfänger vorgesehen, versichert CDU-Sozialexperte Peter Weiß. “Außerdem haben wir den Zugang zum Arbeitslosengeld II erleichtert, damit schnell geholfen wird.” Linke-Bundeschefin Katja Kipping will das im Auge behalten. “Gegebenenfalls müssen wir da noch einmal nachbessern”, sagt sie. “Die Initiativen sollten jetzt unbedingt besonders unterstützt werden.”

Die Post wird aus dem Fenster gereicht

In der Zentralen Beratungsstelle der Caritas für Menschen in Wohnungsnot in Berlin-Mitte, wo jährlich 3000 Betroffene um Hilfe bitten, stehen sie nun vor der Tür. Viele Wohnungslose haben hier ihre Postadresse, um für das Jobcenter erreichbar zu sein. “Das versuchen wir alles aufrechtzuerhalten”, sagt Leiterin Elfriede Brüning.

Die Post wird aus dem Fenster gereicht, allgemeine Beratung erfolgt nun telefonisch oder online. “Nur wer persönliche Beratung benötigt, kommt hier zum Einzelgespräch rein.” Am Empfang ist eine Plexiglasscheibe zum Schutz der Mitarbeiter aufgestellt worden. Alles sehr provisorisch, oder? Frau Brüning lacht laut: “In der Wohnungslosenhilfe waren wir schon immer sehr kreativ.”

Eigentlich aber ist weder Brüning noch den anderen Helfern zum Lachen zumute. Das Gros der Teams besteht aus Ehrenamtlichen – und von denen sind die meisten Rentner. “Risikogruppe”, Wilhelm Nadolny von der Bahnhofsmission Berlin Zoo hebt warnend den Zeigefinger. “Die habe ich alle nach Hause geschickt.” Das waren allerdings 180 von insgesamt 213. Nun bastelt der Chef an ausgefeilten Dienstplänen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. “Ja, wir müssen uns ein bisschen umstellen”, sagt er fröhlich. Sich selbst hat er einen Zwölf-Stunden-Tag verordnet.

Obdachlose an der Bahnhofsmission Berlin Zoo.
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Wie lange Wohnungslose und ihre Helfer das alles durchhalten, ist ungewiss. Während die verbliebenen Ehrenamtler arbeiten, bis sie umfallen, gehen die Betroffenen selbst sehr unterschiedlich mit der Situation um. Der 79-jährige Franz, der aus Oberfranken stammt, reist mit dem Zug durch Deutschland, solange ihn kein Schaffner rauswirft. Er lebt nach eigenen Angaben seit elf Jahren auf der Straße und fürchtet keine Infektion. “Corona?”, fragt er verächtlich und schlürft an seinem heißen Kaffee. “Ich habe andere Probleme.”

Der Berliner Joachim (73) meidet hingegen möglichst jeden Kontakt. Er ist noch nicht lange auf der Straße, erzählt er. In Thailand würde seine Frau auf ihn warten. Leider habe man ihm gerade den Rucksack mit seinen Papieren gestohlen, aber er komme ja ohnehin jetzt nicht aus Deutschland raus. “Ich will das hier überleben.”

“Die Lage eskaliert sehr schnell”

Die aktuellen Zustände schaden auch denen, die in der Wohnungslosenhilfe arbeiten. Zumeist haben sie keine Schutzkleidung, die Desinfektionsmittel gehen zur Neige. Von nennenswerten Infektionsfällen unter Obdachlosen ist bislang wenig bekannt. “In Hamburg ist eine Einrichtung mit 300 Bewohnern wegen eines Falles unter Quarantäne gestellt worden”, berichtet Werena Rosenke von der BAG W. “Ich fürchte, wenn wir das häufiger haben, eskaliert die Lage sehr schnell.”

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In Deutschland sind inzwischen wenigstens die, denen Wohnungskündigungen drohen, vorerst vor Räumungen und anschließender Obdachlosigkeit bewahrt. Ansonsten gelten für Wohnungslose die gleichen Corona-Regeln wie für alle. In Berlin, wo schätzungsweise bis zu 6000 Menschen auf der Straße leben, plant Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) einen “Rettungsschirm für Obdachlose”. Wie Berlin hat auch Hamburg das Winternotprogramm bis Ende Mai verlängert, so bleiben zusätzliche Unterbringungs- und Schutzräume für obdachlose Menschen geöffnet.

Noch zu wenig Verständnis in Behörden

Auf Behördenseite gebe es aber noch insgesamt zu wenig Verständnis, kritisiert Rosenke. “Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sollten besser ausgestattet werden – mit Gesichtsmasken, mit Desinfektionsmitteln, mit Handseifen, mit Schutzkleidung –, um bestimmte Dienste überhaupt noch leisten zu können”, fordert die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft. “Wenn es hier zu Infektionen kommt, droht ein Katastrophenszenario, das ich mir nicht ausmalen will.”

In den USA hat der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom per Verordnung 100 Millionen Dollar für Gemeinden mit großen Obdachlosenzahlen zur Verfügung gestellt. Davon wurden unter anderem 1300 Wohnwagen gekauft. Für weitere 50 Millionen Dollar sollen Motels und Hotels in Isolationsbehausungen für Obdachlose, die mit Coronavirus infiziert sind, umgewandelt werden.

108.000 Obdachlose sind in Kalifornien registriert. 60.000, so Schätzungen, könnten sich mit Covid-19 infizieren. Newsom weiß, dass eine Infektion für viele Obdachlose, die durch Drogen- und Alkoholmissbrauch geschwächte Immunsysteme aufweisen würden, den wahrscheinlichen Tod bedeutet.

In Berlin schaut Wilhelm Nadolny auf die schier unerschöpfliche Schlange seiner Gäste. Ihn bewege sehr, dass im Moment viele Leute anriefen, die wissen wollen, wie sie am besten helfen können, erzählt er. “Gebt Obdachlosen in diesen Zeiten einen Euro mehr als sonst oder spendet Hilfsorganisationen”, rät der junge Mann dann. “Wir müssen da jetzt als Gesellschaft durch. Schauen wir mal, wie es nächste Woche aussieht.”

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