Obamas Memoiren: Erinnerung an ein modernes Amerika

  • Noch nie hat der Rückblick eines früheren US-Präsidenten auf seine Amtszeit so viel Aufmerksamkeit erregt wie heute.
  • Barack Obamas Memoiren beschreiben ein Amerika, das in seiner Regierungszeit weltoffener und liberaler war denn je.
  • Schlug mit dem Trump-Sieg 2016 das Pendel zurück? Obama zeigt in seinem Buch: Der Rechtsdrall der Republikaner begann schon lange vorher.
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Was tat Barack Obama, bevor er im Wahlkampfjahr 2008 in die TV-Duelle gegen John McCain zog? Er hörte Rap – nach eigenen Worten „insbesondere zwei Songs: ‚My 1st Song’ von Jay-Z und ‚Lose Yourself’ von Eminem“.

Barack Obama, der immer ein bisschen anders war andere US-Präsidenten, hat seine Memoiren veröffentlicht. Und jetzt fallen auch die ein bisschen aus dem Rahmen.

Noch nie hat jemand, der im Oval Office regierte, einen so detailreichen, persönlichen, aber auch selbstkritischen Rückblick abgeliefert. Und noch nie war die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien so groß.

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Für den sehnsüchtigen Blick zurück auf Obama gibt es viele Erklärungen. Etwa die Kuriosität, dass die USA damals moderner waren als heute. Zum Teil liegt es auch an der angespannten Phase, in der Obamas Buch erscheint.

Ein heißer Tipp für Trump

Der Fernsehsender CBS fragte Obama zu Beginn dieser Woche, ob er seinem Nachfolger Donald Trump angesichts der aktuellen Lage einen Rat geben könne. Den hatte Obama in der Tat parat: Trump solle endlich seine Niederlage eingestehen.

Obama fügte etwas hinzu, was in den vergangenen vier Jahren in Vergessenheit geraten ist im Weißen Haus: „Der Präsident hat eine dienende Funktion, und auch die hat er nur auf Zeit.“

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Politik als Dienst an der Allgemeinheit: Dieser Grundgedanke durchzieht auch Obamas Buch – und widerlegt auf 1024 Seiten in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Ein verheißenes Land“ all jene, die sich die Macht eines US-Präsidenten als irgendetwas Schillerndes vorstellen, das zu erringen sich schon um seiner selbst willen lohnt.

„Ein verheißenes Land“: Das Buch erscheint am heutigen Dienstag weltweit in 25 Sprachen. © Quelle: Pari Dukovic/Penguin Random Hous
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Regieren bedeutet reagieren, oftmals auf Dinge, an die anfangs überhaupt niemand dachte. Für Obama, der im Januar 2009 sein Amt antrat, erwies sich die Finanzkrise als erstes großes Problem. Was als Bankenkrise begonnen hatte, fraß sich in die Realwirtschaft, immer mehr Amerikaner verloren ihre Jobs.

In aller Nüchternheit notiert Obama: „Drei Monate nach meinem Amtsantritt litten mehr Menschen Not als zu Beginn.“

Warnsystem gegen die Blasenbildung

An einem Abend im Sommer 2009, er hatte seine Töchter Malia und Sasha schon zu Bett gebracht, saß Obama vor einer Leselampe im Weißen Haus und blickte auf den Brief einer arbeitslos gewordenen Mutter. Nicola Brandon aus Virginia schrieb ihm, sie habe, als sie am Abend ihre Kinder ins Bett brachte, gegen eine in ihr aufsteigende Panik ankämpfen müssen.

Obama hatte ein Warnsystem installiert, als Vorbeugung gegen Blasenbildung. Täglich mussten Mitarbeiter ihm eine Auswahl von Briefen aus der Wählerschaft vorlegen. Seinem Team hatte er eingeschärft: „Ich will nicht nur die Lobreden von Anhängern lesen.“

Mit Macht, so lernt der Leser, kann man sich auch gegen das Abgehobensein wappnen. Man muss es nur wollen – anders als der Mann, der derzeit im Oval Office sitzt. „Diese Briefe waren wie eine Infusion aus der wahren Welt“, schreibt Obama.

Der Mann verbindet sich systematisch mit den Normalos, bis heute. Als idealen Leser für sein Buch wünscht sich Obama „einen vielleicht 25-Jährigen, der gerade anfängt, sich mit der Welt zu beschäftigen“.

Sport, Mädchen und Marcuse

Mit jungen Leuten geht Obama in den ersten Kapiteln gleichsam Ellenbogen an Ellenbogen. „In meiner Teenagerzeit sah sicher kein Mensch in mir den angehenden Staatschef, sondern eher einen lustlosen Schüler”, schreibt er. „Während der High School redeten meine Freunde und ich eigentlich nur über Sport, Mädchen, Musik und darüber, wie und wo wir uns betrinken wollten.“

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In einer zweiten Stufe steigerte sich Obama damals immerhin zu etwas, das er Pseudointellektualismus nennt – weil es sein Interesse an verschiedenen Frauen widerspiegelte: „Marx und Marcuse, damit ich ein paar Sätze mit der langbeinigen Sozialistin aus meinem Wohnheim wechseln konnte; Fanon und Gwendolyn Brooks für die zarthäutige Soziologiestudentin, die mich dann keines weiteren Blickes würdigte; Foucault und Woolf für die ätherische, meist schwarz gekleidete Bisexuelle.“

Barack und Michelle Obama bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Jahr 2017. © Quelle: Charles Rex Arbogast/AP/dpa

Noch kein früherer US-Präsident hat in seinen Memoiren solche Register gezogen. Noch keiner aber war auch so kritisch sich selbst gegenüber. In einer dritten Phase nämlich, im Studium, lebte Obama wie ein Mönch, las sehr viel, trieb Sport nach strengen Plänen der Selbstoptimierung – und zog irgendwann unzufrieden Bilanz: „Wie ernst ich damals war, wie verbissen und humorlos!“

Ihn erlöste dann Michelle Lavaughn Robinson, Anwältin in der Kanzlei Sidley & Austin in Chicago. Michelle gefiel, wie Barack als ehrenamtlicher Helfer im Workshop einer Kirchengemeinde mit sozial Benachteiligten umgegangen war: „Du hast ihnen Hoffnung gegeben.“ Die beiden hatten die Liebe ihres Lebens gefunden.

„Palin hatte nicht die leiseste Ahnung“

Obamas Buch beschreibt auch die Innenansichten der Macht. Der Leser erfährt, dass Michelle anfangs gegen die Präsidentschaftskandidatur war. Er erfährt auch, dass Obama im Weißen Haus heimlich geraucht hat. Mal geht es um eine Rede in Kairo, mal um die Militäraktion gegen Osama bin Laden. Spannendes und weniger Spannendes wechseln sich ab, wie im wahren Leben, aber auch darin liegt ja ein Stück Authentizität.

Die Memoiren beschreiben ein Amerika, das seinerzeit weltoffener und liberaler war denn je – das aber bei genauem Hinsehen schon die ersten Zeichen eines Abdriftens in den Neonationalismus zeigte. Als frühes Warnsignal sah Obama Sarah Palin, die damalige Gouverneurin von Alaska, die im Jahr 2008 Vizepräsidentschaftskandidatin von McCain wurde. Manche nannten sie den „Pitbull mit Lippenstift“.

Palin kam aus der Tea-Party-Bewegung innerhalb der Republikaner und vertrat einen betont anti-elitären Stil. Obama schreibt, sie habe von fast allen relevanten Themen „nicht die leiseste Ahnung“ gehabt – und sei dennoch bei den Republikanern begeistert gefeiert worden.

„Pitbull mit Lippenstift“: Sarah Palin im Jahr 2018.

Letzteres gab Obama zu denken. Wie konnte es sein, dass die Republikaner, die doch etwa in Bildungsdebatten jahrzehntelang die „Erosion intellektueller Standards” gegeißelt hatten, nun plötzlich eine Kandidatin wie Palin in den Himmel hoben? Düster notiert Obama: „Es war natürlich ein Vorzeichen künftiger Entwicklungen, einer umfassenderen düsteren Realität, in der Parteiloyalität und politische Opportunität alles andere auszulöschen drohten, sogar das, was einen die eigenen Sinne, Augen und Ohren, als wahr hatten erkennen lassen.“

Amerikas rechtspopulistische Rebellion gegen die Realität hatte damals schon begonnen, im Jahr 2008, parallel zur erfolgreichen Wahlkampagne und späteren Präsidentschaft Obamas.

Trumps „Elixier“ gegen den Schwarzen Mann

Zum Anführer der rechten Bewegung wurde nach und nach Trump. Schon zu Beginn von Obamas Regierungszeit fragte Trump in seinen Fernsehshows immer wieder nach Obamas Geburtsurkunde – obwohl sie in Hawaii im Geburtsregister lag. Obama schreibt über den damaligen New Yorker Baulöwen: „Vielleicht lag es daran, dass ich nicht viel fernsah, jedenfalls fiel es mir schwer, ihn allzu ernst zu nehmen.“

Erst später sah Obama, dass hinter der Sache Methode steckte. Trump, resümiert Obama, „versprach Millionen Amerikanern, die wegen eines Schwarzen Manns im Weißen Haus verschreckt waren, ein Elixier zur Behandlung ihrer ethnischen Ängste“.

Im Frühjahr 2011 blickte Obama erstmals auf Umfragedaten, die Trump als den populärsten Republikaner auswiesen. Obwohl Obama sonst viel mit seiner Frau Michelle teilte, behielt er diese Neuigkeit für sich: „Allein der Gedanke an Trump regte sie auf.“

Den Jahren nach 2011 will Obama ein weiteres Buch widmen. Er hat es noch nicht geschrieben.

Barack Obamas Buch „Ein verheißenes Land“ (Penguin Verlag, 1024 Seiten, 42 Euro) erscheint am heutigen Dienstag nicht nur in den USA, sondern zeitgleich in mehr als 40 weiteren Staaten der Erde und in 25 Sprachen.

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