• Startseite
  • Politik
  • OB-Wahl in Hoyerswerda: Wie eine Architektin die AfD besiegen will

Wahlen in Hoyerswerda: Wie eine Architektin die Tristesse in der Stadt überwinden will

  • Neue Hoffnung für Hoyerswerda: Eine parteilose Architektin will die Tristesse in der früheren sozialistischen Planstadt überwinden – und die AfD in ihrer Hochburg besiegen.
  • Am Sonntag könnte Dorit Baumeister zur ersten Oberbürgermeisterin der Stadt gewählt werden.
  • Ein Stadtrundgang.
|
Anzeige
Anzeige

Hoyerswerda. “Hoywoy, dir sind wir treu/du blasse Blume auf Sand./Heiß, laut, staubig und verbaut/du schönste Stadt hier im Land” (Gerhard Gundermann, Hoywoy)

Ganz oben über Hoywoy, wie jeder die sächsische Stadt Hoyerswerda nennt, steht Dorit Baumeister, die Arme über der weißen ärmellosen Bluse verschränkt, die Sonnenbrille in die Haare geschoben, und sagt: “Wenn ich nicht gewählt werde, dann war’s das.”

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Von unten, elf Stockwerke weit, schallt die Schlagermusik des Rummels auf die Dachterrasse des Lausitz-Towers. Am Horizont ragen die Kühltürme der Braunkohlekraftwerke Schwarze Pumpe und Boxberg aus dem Wald. Um einen Kreisverkehr fährt ein Kombi mit Anhänger, hinter dem eine riesige Deutschland-Fahne im Fahrtwind flattert. Es ist das Wahlkampfmobil des AfD-Kandidaten. In Hoyerswerda ist Bürgermeisterwahlkampf. Am Sonntag geht die Abstimmung in ihre entscheidende zweite Runde.

Die AfD ist fast schon chancenlos, und das liegt auch an Dorit Baumeister, 57, Architektin, parteilos. “Stadt im Aufbruch” hat sie ihre Kampagne betitelt. Sie wird von Linken, Grünen und einem Bürgerbündnis unterstützt. Mit 27,8 Prozent landete die Quereinsteigerin auf dem zweiten Platz, nur 600 Stimmen hinter dem Erstplatzierten Torsten Ruban-Zeh von der SPD. Der AfD-Kandidat Marco Gbureck landete mit 18,5 Prozent auf dem dritten Rang.

In den Plattenbauten der Neustadt aufgewachsen

In Sachsen gibt es keine Stichwahl, alle Kandidierenden dürfen zur zweiten Runde erneut antreten, die einfache Mehrheit genügt. Die führende SPD zeigt sich in der Defensive: Ruban-Zeh nennt Baumeisters Wahlkampfslogan “Männerwirtschaft war gestern” spalterisch. “Wer in dieser Hinsicht versucht zu polarisieren, gehört nicht an die Spitze von Hoyerswerda!”, schreibt er auf Facebook.

Anzeige

So einen Wahlkampf, so eine Kandidatin hat man hier noch nicht erlebt. Baumeister ist in den Plattenbauten der Neustadt aufgewachsen. 1968 kam die Familie nach Hoyerswerda. Ihr Vater, ebenfalls Architekt, war Teil des Aufbaus der sozialistischen Planstadt.

Die Tochter zog weg, nach Cottbus und Ost-Berlin, 1990 nach Regensburg, zwei Jahre später war sie wieder da: Ihr Vater machte sich mit einem Architekturbüro selbstständig, sie stieg ein. Sie ist eine von hier, eine aus dem Osten, und dennoch forsch und selbstbewusst wie kaum jemand in dieser geschundenen Stadt. Eine, die nicht von Niedergang redet, sondern von Träumen, von Zukunft, von Aufbruch.

Anzeige

Die Bilder vom September 1991 gingen durch die Welt

Die Republik hätte es vermutlich mit einem Schulterzucken hingenommen, wenn die AfD das Rathaus in Hoyerswerda erobert hätte. 30 Prozent stimmten bei der Landtagswahl 2019 für die Rechtspartei, bei der Kommunalwahl wurde sie stärkste Kraft. Mit Karsten Hilse stellt die Hoywoy-AfD einen der radikalsten Abgeordneten im Bundestag, der eng mit Leugnern des menschengemachten Klimawandels zusammenarbeitet.

Und überhaupt, Hoyerswerda, was will man da erwarten? Die Bilder vom September 1991 gingen durch die Welt, als ein randalierender, brandschatzender Mob hier Asylbewerber und ausländische Vertragsarbeiter aus ihren Plattenbauten prügelte. Verabschiedet von einer pöbelnden, applaudierenden Menge wurden sie in Bussen aus der Stadt gebracht. Vor 29 Jahren wurde Hoyerswerda “national befreite Zone”.

Die Hoyerswerdaer verließen in den Folgejahren zu Zehntausenden ebenfalls ihre Stadt. Die “sozialistische Planstadt” sollte einmal bis auf 100.000 Einwohner anwachsen, mehr als 70.000 wohnten hier in den 1980er-Jahren. Weniger als 30.000 sind es heute noch. Die Stadtverwaltung reagierte jahrelang mit Realitätsverleugnung. Zu sehr war die Stadt auf Wachstum getrimmt. Ihre Verantwortlichen brauchten lange, um die Schrumpfung zu planen.

Voller Hoffnung für eine Stadt, die Gefahr läuft, die Hoffnung aufzugeben

Allzu lange, sagt Dorit Baumeister. Seit 20 Jahren schon kritisiert sie die Stadtspitze für ihre Ideenlosigkeit. Und sie nimmt für sich in Anspruch, entscheidend zu einem neuen Gemeinschaftsgefühl in der Stadt beigetragen zu haben, durch eine Reihe von Kunstprojekten, die sie kuratiert hat.

“Superumbau” hieß das erste, 2003 war das schon. Die schrumpfende Stadt begann, sich offensiv mit dem Rückbau auseinanderzusetzen. Das von Künstlern gestaltete Bauschild vor einem Abrissblock ging weltweit durch die Zeitungen: “Hier entsteht 1 Wiese”, stand darauf.

Jetzt will sie selber ran. Ehrgeizig. Forsch, wenn es sein muss. Und voller Hoffnung für eine Stadt, die schon lange Gefahr läuft, die Hoffnung aufzugeben.

Ein Wahlplakat des Kandidaten der AfD zur Bürgermeisterwahl wird mit einer Deutschland-Fahne auf einem Anhänger durch die Neustadt gefahren. © Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/d
Anzeige

Hoyerswerda könnte überraschen, 29 Jahre nach den Ausschreitungen und so kurz vor dem 30-jährigen Jubiläum der deutschen Einheit, die ihnen hier nicht nur Gutes gebracht hat.

“Herzlich willkommen zum ARD-Brennpunkt live aus Hoyerswerda, der Stadt, die weitgehend bis vor sechs Tagen den deutschen Bürgern unbekannt war. Es war eine verzeihliche Bildungslücke, nicht zu wissen, wo Hoyerswerda liegt und was diese Stadt ist.” (Wilhelm von Sternburg, ARD-Brennpunkt nach den ausländerfeindlichen Pogromen vom September 1991)

“Wäre es möglich, dass allen, die nicht wissen, wovon sie reden, die Zunge herausgeschnitten wird, würde sich eine erholsame Ruhe ausbreiten.” (Gerhard Gundermann, Liedermacher aus Hoyerswerda, im November 1991 beim Livekonzert in Dresden über die Debatte nach den Ausschreitungen)

Grit Maroske lehnt an einer Hauswand, dunkle Sonnenbrille, schwarzes T-Shirt, freundliches Gesicht. Sie hat schon viele Besucher durch Hoyerswerda geführt, Journalisten ebenso wie Gundermann-Fans. Sie hat den Verein Hoyerswerda hilft mit Herz gegründet, der Flüchtlinge unterstützt. Und sie unterstützt auch Dorit Baumeisters Kandidatur.

Über die Spätfolgen von 1991 sagt sie: “Das hängt unserer Stadt bis heute nach. Menschen hatte Angst, herzukommen. Und danach passierte auch lange nichts, was man diesen Bildern entgegenstellen konnte.” Die Ausschreitungen, das sei der Beginn der Verteilungskämpfe gewesen. Und danach folgten Abriss und Niedergang.

Eine Führung durch Hoyerswerda-Neustadt

Dennoch ist Maroske auf eine trotzige Weise stolz auf ihre Stadt. An einem sonnigen Septembersonntag lässt sie sich durch die Neustadt von Hoyerswerda führen. Von Dorit Baumeister. Die bietet hier nämlich schon seit 20 Jahren Architekturrundgänge an. Sonst kommen meist Architekturfreaks aus dem Westen und dem Ausland auf der Suche nach den steingewordenen Utopien der Moderne. Jetzt, eine Woche vor der Wahl, finden sich ausschließlich Hoyerswerdaer ein.

Das sei kein Wahlkampftermin, betont Baumeister. Und dennoch ist es der richtige Ort, mehr über die Kandidatin zu erfahren – und ihr spezielles Hoywoy-Selbstbewusstsein. Sie beginnt ihre Führung mit der großen weiten Welt, mit dem Schweizer Stararchitekten Le Corbusier, mit der “Charta von Athen”, mit der Stadt der Moderne. Hoyerswerda-Neustadt, die Pilotstadt der Moderne, sei die direkte Folge dieser Ideen. Und selbst in Brasiliens Hauptstadt Brasília habe sie sich an Hoyerswerda erinnert gefühlt.

Dorit Baumeister bei ihrer Stadtführung. © Quelle: Jan Sternberg

Zehn Wohnkomplexe, WK abgekürzt, sollte Hoyerswerda-Neustadt bekommen, berechnet nach dem Arbeitskräftebedarf für das nahe gelegene Kombinat Schwarze Pumpe. Dort wurden aus Braunkohle Strom, Gas und Briketts für die DDR gewonnen. Männer und Frauen waren gleichermaßen im Schichtsystem eingespannt, die Wohnkomplexe auf schnelle, bequeme Versorgung ausgerichtet: Kaufhalle, Wäscherei, Kneipe, Kinderkrippe, Kindergarten, Schule. Zwischen den Bauten war es karg, weder Baum noch Strauch, aber auch keine Zäune bis zur Wende.

Nun steht Baumeister vor einem grünen Metallzaun mitten im WK 1, neben einem Laternenpfahl mit einem Aufkleber: “Dynamo-Dresden-Fans – Good Night Left Side”. Den rechten Sticker ignoriert sie, zum Zaun will sie etwas sagen. Der sei ein Symbol des Westens – die Mauer fiel, die Zäune kamen. “Da haben wir uns wohl jemandem angepasst”, kommentiert sie knapp.

Ein kurzes Stück weiter, zwischen sanierten Häusern, steht ein zugewucherter, verfallender Flachbau. Die Kneipe Glückauf, eine Legende, weil hier die berühmteste Neustadt-Bewohnerin trank, flirtete, Hof hielt: die Schriftstellerin Brigitte Reimann. In ihrem Roman “Franziska Linkerhand” steht alles, was man über die Planstadt wissen muss.

Die Titelheldin, eine junge Architektin, scheitert am Sozialismus Hoyerswerdaer Prägung, dem die Visionen zugunsten des immer schnelleren Wachstums abhandenkamen. Wieder eine Architektin als Hauptfigur, wie kann es in einer Planstadt auch anders sein?

Die Kneipe jedenfalls verfällt, auch weil die Häuser drum herum in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden, samt Wegerecht. Baumeister will auch hier wieder Leben sehen. Sie lässt sich nicht entmutigen durch die Realitäten des Kapitalismus. “Es wäre schön, wenn das wachgeküsst würde”, sagt sie und zieht weiter.

Altersschnitt in Hoyerswerda liegt jetzt bei über 54 Jahren

Weiter in den WK 9, auf einen zugewucherten Platz zwischen verfallenden Kaufhallen-Flachbauten. Hier nebenan wohnte Dorit Baumeister mit ihrer Familie, als hier noch das Leben tobte. Mannshohes Unkraut wiegt sich im Wind. Baumeister erzählt von der “Deindustrialisierung nach der politischen Wende”, wie sie es nennt, von Wegzug und Strukturwandel, von Überalterung.

Der Altersschnitt in Hoyerswerda liegt jetzt bei über 54 Jahren, in den 1980er-Jahren waren die Bewohner durchschnittlich 36 Jahre alt. Am Rande der Führung stehen Jasmin, 21, und Rico, 23, eng aneinandergeschmiegt. Sie kennen die Stadt nur im Abbau und bleiben trotzdem hier. “Wenn man irgendwo erzählt, dass man aus Hoyerswerda kommt, gibt es nur zwei Reaktionen”, erzählt Jasmin, die im nahe gelegenen Bautzen studiert. “Rentnerstadt ist das Erste, was allen einfällt. 1991 ist das Zweite.”

Jasmin und Rico aus Hoyerswerda: Sie wollen bleiben. © Quelle: Jan Sternberg

Sie kennen ein anderes Hoyerswerda, eines in Bewegung. Jasmin hat Dorit Baumeister schon als Schülerin getroffen, für ein Tanzprojekt, aus dem der Dokumentarfilm “Wenn wir erst tanzen” entstand – unter der Leitung von Dorit Baumeisters Bruder Dirk Lienig, Choreograf und Regisseur. Die Grundidee leuchtet sofort ein: Was hilft besser gegen den Stillstand als tanzen?

“Nur eins war seltsam hier/Gleich hinter dem Ortseingangsschild/war es plötzlich ganze vier Grad wärmer/Und der Wind so mild” (Gerhard Gundermann, Hoywoy II)

Oben auf den Lausitz-Tower wabert jetzt Discopop vom Neustadt-Rummel. Dorit Baumeister ist bei der Zukunft angekommen, beim Kohleausstieg und den damit verbundenen Fördermitteln. Deswegen – und weil in Hoyerswerdas Altstadt auch der Computerpionier Konrad Zuse aufwuchs – soll die Dresdner Universität einen IT-Campus in die Lausitz auslagern.

Das ist beschlossene Sache, bisher ist als Standort ein Bergbaufolgesee am Rand Hoyerswerdas vorgesehen. Baumeister hat eine andere Vision. “Der Campus muss in die Neustadt, der muss mit voller städtebaulicher Wucht hier reingepflanzt werden. Da müssen Stararchitekten ran!”

Die Zukunft, sie ist in der Planstadt Hoyerswerda nicht auszurotten.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen