NS-Verbrechen: Bruno D. (93) muss vor Jugendstrafkammer

  • In Hamburg steht ein 93-jähriger früherer Wachmann aus dem KZ Stutthof vor Gericht.
  • Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen.
  • Verhandelt wird nach Jugendstrafrecht – weil der Angeklagte zur Tatzeit erst 17 war.
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Hamburg. Bruno D. betritt den Gerichtssaal nicht eigenen Schrittes, er wird in einem Rollstuhl geschoben, dahinter ein Wagen mit einem Arztkoffer darauf. Er trägt ein helles Hemd, darüber ein dunkles Sakko, und als er seinen schwarzen Hut abnimmt, kommt darunter durchaus volles graues Haar zum Vorschein. Seine Stimme klingt sicher, wenn er die Frage der Richterin mit einem festen „Jawohl“ beantwortet.

Aber er ist eben 93 Jahre alt. Da kann man nie wissen. Im Saal sind vorsichtshalber drei Ärzte anwesend.

Bruno D. ist ein Greis. Und dennoch muss er sich in Hamburg vor einer Jugendstrafkammer verantworten. Weil es um Taten geht, bei denen er gerade mal 17 war. Und die 75 Jahre zurückliegen.

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Bruno D. (93) bei seiner Ankunft vor Gericht. © Quelle: Getty Images

Einer der letzten NS-Prozesse

Es ist zweifellos ein besonderer Prozess, der an diesem Donnerstag vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht begonnen hat – wegen des gewaltigen zeitlichen Abstands zwischen Tat und Prozess, aber mehr noch, weil es einer der letzten NS-Prozesse in Deutschland sein dürfte. Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem 93-Jährigen vor, weil er als SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof im heutigen Polen von August 1944 bis April 1945 ein Teil der NS-Vernichtungsmaschinerie gewesen sei. Die Menschen, an deren Tod Bruno D. mit schuld sein soll, wurden erschossen, vergast oder sie gingen an Krankheiten und den elenden Bedingungen im Lager zugrunde. D. soll von all dem gewusst – und dadurch, dass er die Menschen im Lager mit seinem Dienst an Flucht und Revolte hinderte, das Morden unterstützt haben.

Ist Bruno D., ein Bauernsohn aus der Nähe von Danzig, der seit Kriegsende jahrzehntelang unbescholten als Bäcker und Lkw-Fahrer in Hamburg lebt, tatsächlich ein NS-Täter? Und kann man ihn jetzt, im Greisenalter, für all das noch bestrafen, nachdem man jahrzehntelang die weit wichtigeren Räder des Regimes unverfolgt in Amt, Würden und oft besten Jobs beließ?

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Der Prozess in Hamburg zeigt jedenfalls deutlich die Schwierigkeit, die Verbrechen der NS-Zeit heute noch zu sühnen. Bereits im vergangenen Jahr musste ein ähnliches Verfahren in Münster, auch gegen einen Wachmann aus Stutthof, abgebrochen werden, weil es dem immer schlechter ging. In Hamburg ist die tägliche Verhandlungsdauer wegen des Gesundheitszustands von Bruno D. auf zwei Stunden begrenzt. Vor Prozessbeginn hält Richterin Anne Meier-Göring noch einige für Jugendstrafverfahren eher ungewöhnliche Vorbemerkungen für nötig: Der Angeklagte höre schlecht, erklärt sie – und falls er kollabiere und behandelt werden muss, mögen alle Zuhörer bitte ohne Aufsehen rasch den Saal verlassen.

Der Anwalt von Bruno D.: Stefan Waterkamp. © Quelle: Getty Images
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Das Pech des langen Lebens

Nicht nur biologisch, auch juristisch geht der Prozess an die Grenzen des inzwischen Möglichen. Tatsächlich hatte sich die deutsche Justiz jahrzehntelang für die kleinen Rädchen im NS-Getriebe nicht interessiert. Erst 2011, mit dem Urteil gegen John Demjanjuk, sprach sie erstmals jemanden schuldig, dem keine konkreten Tötungshandlungen nachgewiesen werden konnten.

Bruno D. hat gewissermaßen das Pech, so lange zu leben, bis sich die deutsche Justiz einer kompromissloseren Aufarbeitung der NS-Verbrechen besann. D. war als Jugendlicher wegen eines Herzfehlers zunächst untauglich, wurde dann doch eingezogen, mit seiner Wehrmachtseinheit in die SS überführt und zum Dienst in Stutthof eingeteilt. „Er hat sich den Dienst im KZ nicht ausgesucht“, betont sein Anwalt Stefan Waterkamp deshalb. „Er war kein Anhänger dieses Systems.“ Tatsächlich habe er bereits 1975 und 1982 umfangreich über seine Zeit in Stutthof ausgesagt – nur habe das niemanden interessiert. „Die Justiz hat bei der Aufarbeitung versagt“, sagt Waterkamp, „jetzt versucht sie, das Versagen wieder gutzumachen.“ Leidtragender sei sein Mandant: „Er sieht sein ganzes Leben infrage gestellt.“

Abschied vor der Gaskammer

Zehntausende andere allerdings hat der Transport nach Stutthof das Leben gekostet – so auch die Urgroßmutter von Benjamin Cohen, der für den Prozess aus New York nach Hamburg gekommen ist. Der Enddreißiger, Filmemacher, sieht sich als Vertreter seiner Großmutter, die den Prozess als eine von 33 Nebenklägern verfolgt. Sie, Judy Meisel, stand mit ihrer Mutter bereits nackt vor der Gaskammer von Stutthof, als ein SS-Mann sie offenbar in einem Anflug von Mut und Menschlichkeit aufforderte, aus der Schlange zu gehen. Es war das letzte Mal, dass sie ihre Mutter sah. „Es ist uns wichtig, dass jemand aus unserer Familie bei diesem Prozess dabei ist“, sagt Benjamin Cohen.

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Ex-KZ-Wachmann in Hamburg vor Gericht
1:36 min
Vor dem Hamburger Landgericht hat der Prozess gegen einen 93-jährigen früheren KZ-Wachmann begonnen.  © Thorsten Fuchs/dpa
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Für eine Verurteilung wird wichtig sein, ob sich Bruno D. mit einem Versetzungsantrag sanktionslos vom Dienst in Stutthof hätte befreien können – was Historiker in früheren Verfahren stets bejaht hatten. Doch in Hamburg geht es jetzt auch noch um eine andere Dimension. „Meine Mandantin hofft, dass es Antworten geben wird“, sagt Cornelius Nestler, der Anwalt von Judy Meisel, und, an Bruno D. gerichtet, „dass Sie in eine Art Dialog eintreten“. Der Angesprochene fährt sich darauf mit beiden Händen durch die grauen Haare. Sein Verteidiger signalisiert, dass er später wohl aussagen wird.

Noch ist dazu Zeit. Der Prozess ist bis Dezember terminiert.