Nordzypern: Wie ein Interview wütende Reaktionen auslöst

  • Der Präsident des türkischen Nordzypern warnt im Gespräch mit dem „Guardian“ davor, dass die Türkei den Inselnorden annektieren könnte.
  • Das Interview sorgte nicht nur auf der geteilten Insel für Besorgnis.
  • Wütende Reaktionen gibt es aus Ankara – Akinci wird als „Verräter“ und „Terrorunterstützer“ bezeichnet.
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Nikosia. Pulverfass Mittelmeer: Syrien und Libyen brennen, der Gasstreit zwischen der Türkei, Zypern und Griechenland eskaliert, droht auch Zypern eine neue Krise? Mustafa Akinci, Präsident des türkischen Nordzypern, hat in einem Aufsehen erregenden Interview mit dem britischen „Guardian“ davor gewarnt, dass die Türkei den Inselnorden annektieren könnte.

Das Interview sorgte seit dem Wochenende nicht nur auf der geteilten Insel für Besorgnis. In Ankara löste es wütende Reaktionen aus. Akinci wurde als „Verräter“ und sogar „Terrorunterstützer“ bezeichnet und zum Rücktritt aufgefordert. Trifft Akincis Warnung zu, entstünde ein neuer gefährlicher Konfliktherd im östlichen Mittelmeerraum.

Norden erklärte sich 1983 als „Türkische Republik Nordzypern“ unabhängig

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Der Streit zwischen Mustafa Akinci und Ankara hat seine Wurzeln im Zypern-Problem. Die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seit einem griechischen Putsch und einer darauffolgenden Invasion der Türkei 1974 in ein griechisches und ein türkisches Territorium geteilt, dessen „Green Line“ genannte Trennlinie von den Vereinten Nationen überwacht wird.

Zwar wurde ganz Zypern de jure 2004 in die EU aufgenommen, doch kann die griechische Republik Zypern ihre Rechtshoheit nur im Süden ausüben. Der Norden erklärte sich 1983 als „Türkische Republik Nordzypern“ (TRNZ) unabhängig, wird aber international nur von der Türkei anerkannt, die dort mindestens 30.000 Soldaten stationiert hat.

Falls es nicht bald zu einer Wiedervereinigung komme, werde „der Norden immer abhängiger von Ankara und schließlich de facto als türkische Provinz einverleibt“, sagte Mustafa Akinci im Interview mit dem „Guardian“ aus Anlass der dort im April anstehenden Präsidentschaftswahlen und erinnerte an die syrische Provinz Hatay, die die Türkei 1939 nach einer umstrittenen Volksabstimmung annektierte.

Die türkischen Zyprioten wollten weder eine Minderheit unter den Zyperngriechen sein, „noch Sklaven der Herrschenden in der Türkei“, sondern wünschten sich „Unabhängigkeit und Freiheit“. Die Mittelmeerinsel stehe vor einer dauerhaften Teilung, wenn nicht schnell eine Einigung über eine „gerechte“ föderale Lösung erzielt werde. „Wir müssen uns beeilen. Nach all diesen Jahren sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt“, sagte der 72-jährige Sozialdemokrat. Ähnliche Bedenken hatte er früher schon geäußert, noch nie aber in solch scharfer Form.

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Akinci setzte sich stets für wiedervereinigtes Zypern ein

Der seit fünf Jahren amtierende Präsident setzte sich stets für ein wiedervereinigtes Zypern in einer binationalen und bikommunalen politischen Föderation ein. Doch war er massiven Angriffen von Wiedervereinigungsgegnern beider Inselteile ausgesetzt. Während ihn türkische Nationalisten beschuldigten, respektlos und „zu unabhängig“ zu sein, wurde er im Süden nicht selten als „Ankaras Marionette“ bezeichnet.

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Bei den bisher letzten Wiedervereinigungsgesprächen 2017 im schweizerischen Crans-Montana war Akinci zu weitgehenden Zugeständnissen bereit; die Verhandlungen scheiterten vor allem an der kompromisslosen Haltung der Zyperngriechen.

In der Türkei rief das Interview einen Aufschrei der Empörung bei der islamischen AKP-Regierung und ihrem ultrarechten Koalitionspartner MHP hervor. Außenminister Mevlüt Cavusoglu nannte Akinci am Montag einen „Terrorismusunterstützer“ und „Feind der Türkei“, der die gegenseitige Freundschaft untergrabe. Fahrettin Altun, Kommunikationschef des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, schnaubte: „Die türkische Nation wird Mustafa Akinci seinen Platz zuweisen, indem sie diese Unverschämtheit an der Wahlurne bestraft.“

Der MHP-Chef Devlet Bahceli forderte Akincis sofortigen Rücktritt und gab den Annexionsbefürchtungen indirekt weitere Nahrung mit dem Satz: „Zypern ist türkisch und bleibt türkisch.“ Ohnehin gilt Akincis Verhältnis zur türkischen Führung als angespannt. Im Oktober hatte er die türkische Militärinvasion in Nordsyrien kritisiert, woraufhin ihn Erdogan barsch zurechtwies: „Kenne deine Grenzen!“

Akinci hebt im Interview die besondere Identität der Zyperntürken hervor

Die südzyprische Regierung will kein Öl ins Feuer gießen und ließ jetzt nur erklären, dass sich niemand in den Wahlprozess im Norden einmischen solle. Doch hat das Interview den schwelenden Konflikt zwischen vielen Zyperntürken und ihrer Schutzmacht mit beispielloser Schärfe auf die Tagesordnung gesetzt.

Im „Guardian“-Interview hob Akinci die besondere Identität der Zyperntürken hervor, die auf Säkularismus, Demokratie und Pluralität beruhe. Am Montag nannte sein Büro in einer schriftlichen Erklärung die MHP-Drohungen „faschistisch und rassistisch“ und wiederholte ausdrücklich die Warnung, „von der Türkei annektiert zu werden“.

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Hubert Faustmann, Büroleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Nikosia, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), er halte eine Annexion des Nordens durch die Türkei in naher Zukunft für sehr unwahrscheinlich, doch sei „die Dominanz der Türkei in der Politik und Gesellschaft des Nordens“ ebenso eine Tatsache wie „die graduelle Umwandlung des Nordens in eine de facto türkische Provinz“.

Mustafa Akincis Hauptgegner im Präsidentschaftswahlkampf ist der Ministerpräsident und Pro-Ankara-Populist Ersin Tatar, der eine strikte Zwei-Staaten-Lösung für Zypern befürwortet. Es sei klar, dass die türkische Regierung Akinci durch einen loyalen Gefolgsmann ersetzen wolle, kommentierte die englischsprachige Cyprus Mail in Nikosia. Doch werde man im Inselsüden darüber gar nicht so unglücklich sein. „Wenn Akinci aus dem Weg ist, können beide Seiten über die endgültige Scheidung verhandeln.“

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