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Nordirland-Konflikt: Die Brexit-Saga zeigt nun ihre hässliche Fratze

  • Die Gewalt in Nordirland nimmt überhand – es herrscht Ausnahmezustand.
  • Schuld ist der Brexit, er entzweit die Menschen im zu Großbritannien gehörenden Nordirland.
  • Der britische Premier Boris Johnson wirft nun ausgerechnet die Unionisten unter den Bus, die ihm lange zujubelten, kommentiert Katrin Pribyl.
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Belfast. Die Furcht vor den Schatten von einst war nie wirklich weg in Nordirland. In diesem Landesteil des Königreichs, wo man seit 1998 dachte, es könnte nur besser werden nach all den Bomben, den unzähligen Toten, dem Leid während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs.

Und tatsächlich wurde mit dem Karfreitags­abkommen, das den Weg zu einem offiziellen Frieden ebnete, zunächst vieles gut: Versöhnung. Investitionen. Perspektiven. Doch dann kam der Brexit – und seitdem sprechen die Menschen wieder oft von ihrer Angst und alten Wunden, die aufreißen könnten.

Verstörende Szenen: Nordirland ist wieder im Ausnahme­zustand

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Das war nicht unbegründet, wie die letzten Tage gezeigt haben. Hunderte Randalierer, darunter viele Jugendliche, warfen Ziegelsteine auf Polizisten sowie Brandbomben und Feuerwerks­körper in Busse und auf Einsatzfahrzeuge. Die Gewalt eskalierte, Nordirland befindet sich im Ausnahmezustand. Insbesondere in Belfast an den sogenannten Friedensmauern, die das protestantisch-unionistische Wohnviertel und die katholisch-republikanische Gegend trennen, flogen Molotowcocktails.

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Krawalle in Belfast: Protestanten stecken Doppeldeckerbus in Brand
1:28 min
Schon in den vergangenen Tagen war es in Belfast zu gewaltsamen Unruhen gekommen. Der britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich „zutiefst besorgt“.  © Reuters

Es sind verstörende Szenen, die an die blutige Vergangenheit erinnern. Der Grund für die Ausschreitungen ist keineswegs nur der Brexit. Aber er spielt eine große Rolle. Mit dem EU-Austritt, der mit all seinen Dramen die Gesellschaft tief gespalten hat, wurde Nordirland zum Zankapfel der Politik auf Kosten der Menschen in dem Landesteil.

Vor allem heizt er die alten Spannungen zwischen proirischen Republikanern und probritischen Unionisten an. Denn zahlreiche Unionisten betrachten sich als Verlierer der Brexit-Saga und sehen ausgerechnet das feindliche Lager der Republikaner als Sieger. Zwar dürften die Details vielen nicht klar sein. Doch die derzeitigen Krawalle sind auch als Rebellion gegen die Grenze in der Irischen See, die de facto Nordirland vom britischen Mutterland trennt, zu verstehen. Sie enden hoffentlich in Kürze wieder.

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Die britische Regierung hat die neue Grenze verharmlost

Die allgemeine Enttäuschung bei den Unionisten wird dagegen bleiben. Dabei war das Problem seit der Entscheidung der britischen Regierung, einen harten Brexit anzustreben und damit die Zollunion sowie den gemeinsamen Binnenmarkt zu verlassen, offensichtlich. Sie machte eine Grenze unvermeidlich. Die Frage war nur, wo sie am Ende verlaufen würde. Leider wurde dieser Umstand gern, oft und auf leichtsinnige Weise von der britischen Regierung ignoriert oder verharmlost.

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Vor dem Brexit konnten sich die Unionisten als integrierter Teil des Königreichs fühlen, ohne Grenze zu Großbritannien. Republikaner durften sich als integrierter Part Irlands betrachten, ohne Grenze zur Republik. Doch seit London und Brüssel sich auf das Nordirland-Protokoll des Austrittsabkommens geeinigt haben, gibt es faktisch eine Grenze zwischen Großbritannien und der Provinz im Norden. Dies erfordert Warenkontrollen, sorgt für leere Supermarktregale – und sie nährt Sehnsüchte der Republikaner auf eine Wiedervereinigung mit Irland.

Die Unionisten dagegen wüten, fühlen sich von der britischen Regierung verraten. Tatsächlich scheinen sich Premierminister Boris Johnson und seine europaskeptischen Minister kaum um deren Befindlichkeiten zu scheren. Nicht heute, nicht in den letzten Jahren. Der Regierungschef agierte unter dem Beifall der Hardliner in den Verhandlungen mit Brüssel kompromisslos und von Ideologien getrieben. Ein harter Brexit sollte es um jeden Preis sein. Bedenken bezüglich Nordirland wischte er mit dem Hinweis auf eine neue Digitaltechnik zur Kontrolle der Waren beiseite.

Nur gibt es die bis heute nicht. Boris Johnson hat völlig verkannt, dass mit einem harten Brexit stets eine Seite das Nachsehen haben würde. Vielleicht hat es ihn auch nicht besonders interessiert. Denn nun wirft der Konservative ausgerechnet die Unionisten unter den Bus, die ihm lange zujubelten und jetzt Angst vor einer Entfremdung von Großbritannien haben. In Nordirland präsentiert sich nur 100 Tage nach dem Ende der Übergangsfrist die hässliche Fratze des Brexit.

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