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Wer hat die Pipelines beschädigt?

Wer Interesse an einer Sabotage der Nord-Stream-Pipelines haben könnte

Die Europäische Union hält Sabotage als Ursache für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 für wahrscheinlich und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht.

Die Europäische Union hält Sabotage als Ursache für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 für wahrscheinlich und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht.

Drei Lecks in den Nord-Stream-Pipelines, tonnenweise ausströmendes Gas, eine brodelnde Ostsee vor der dänischen Insel Bornholm. Was nach einer Szene in einem neuen Actionfilm der Bond-Reihe klingt, ist seit Montag Realität. Schwedische und dänische Seismologen stellten Unterwasserexplosionen fest, weltweit gibt es kaum noch einen Experten oder politisch Verantwortlichen, der der Theorie einer gezielten Sabotage widerspricht.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Ein Anschlag also auf Energieinfrastruktur mitten in Europa. Die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen drohte bereits mit einer „stärkstmöglichen Reaktion“ der Bündnispartner, neue Sanktionen stehen im Raum. Zwar will sich außerhalb der Ukraine noch niemand wirklich darauf festlegen, dass der Sabotageakt aus Moskau befohlen wurde. Doch scheint man sich hinter verschlossenen Türen sicher zu sein: Russland ist schuld an dem Gasaustritt aus drei von vier Strängen der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2, die sich fast parallel durch die Ostsee ziehen.

Worin aber könnte das russische Interesse liegen, ein einstiges Prestigeprojekt Nord Stream 2 und die noch bis vor wenigen Wochen zum Gasexport genutzte Pipeline Nord Stream 1 mutmaßlich unwiederbringlich zu zerstören? Welche anderen Mächte könnten ansonsten an der Zerstörung dieser sensiblen Energieinfrastruktur interessiert sein? Die USA, radikale Klimaaktivisten oder die Ukraine?

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Experte für maritime Sicherheit geht von Sabotage an Nord Stream-Pipelines aus

„Wenn man sich die Komplexität anguckt, dann muss man schon davon ausgehen, dass es sich hier um einen staatlichen Akteur handelt“, sagt Experte Peters.

Pipeline liegt zu tief für Hobbytaucher

Fakt ist, die Pipelines liegen teils über 80 Meter tief am Boden der Ostsee. Es gilt daher als ausgeschlossen, dass gut ausgebildete Hobbytaucher es schaffen könnten, so tief zu tauchen, geschweige denn in der Tiefe mögliche Sprengsätze anzubringen, die solche Schäden anrichten, wie sie jetzt zu beobachten sind. Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer hatte in der Vergangenheit zwar scherzhaft in einem viel kritisierten Telegram-Video gesagt, „natürlich denken wir darüber nach, wie man die längste Rohölpipeline der Welt in die Luft jagen könnte“ – gemeint war die Eaco-Pipeline, die aktuell in Ostafrika geplant wird. Dass Klimaaktivisten für die Nord-Stream-Lecks verantwortlich sind, gilt aber als unmöglich. Sicherheitsbehörden weltweit glauben fest an einen staatlichen Akteur. Für einen solchen Anschlag brauche man militärische Fähigkeiten, heißt es.

Ukraine würde westliche Verbündete verlieren

Theoretisch kommt da die Ukraine infrage. Doch das Land hat derzeit andere Sorgen, als eine Pipeline zwischen Russland und Deutschland zu zerstören, durch die in absehbarer Zeit eh kein Gas mehr importiert worden wäre. Darüber hinaus würde man die Beziehungen zu Deutschland, der EU und der gesamten Nato dadurch stark gefährden und das in einer Phase, in der Kiew auf volle Unterstützung seiner westlichen Partner angewiesen ist – und darauf hofft, so schnell wie möglich Mitglied der EU zu werden. Mit dem vorübergehenden Ausschalten der Nord-Stream-Pipelines aber wären Lieferungen von Gas aus Russland nach Deutschland und Mitteleuropa nur noch über die durch Polen laufende Verbindung Jamal und das ukrainische Pipelinenetz umsetzbar.

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Abschreckung und Bedrohung von Russland

Russland gilt als weiterer möglicher Urheber, allerdings würde sich das Regime dadurch einer Handlungsoption berauben, was eigentlich wenig Sinn ergibt. Bis zuletzt gab es auch in Deutschland Politiker, die Gaslieferungen durch Nord Stream 2 forderten. Diese Option fällt jetzt vorerst weg. Zumindest teilweise: einer der beiden Stränge der neuen Ostsee-Pipeline ist weiter intakt. Ein Zufall? Die 561. Marinebrigade des russischen Militärgeheimdiensts GRU ist in der Exklave Kaliningrad stationiert, direkt an der Ostseeküste in dem Ort Parusnoye.

Manch einer spekuliert auch über eine False-Flag-Aktion, also dass der Kreml den Anschlag veranlasst habe, um ihn Kiew oder den USA in die Schuhe zu schieben. Wieder andere glauben, die zerstörten Pipelines seien nur ein weiterer Baustein in Wladimir Putins Plan, möglichst viel Chaos in Europa zu stiften und die Preise ein letztes Mal in die Höhe zu treiben. Um bis zu 10 Prozent stiegen die Großhandelspreise für Erdgas am Dienstag zeitweise, am Nachmittag aber sanken die Kurse wieder.

Aus sicherheitspolitischer Perspektive diene ein solcher Sabotageakt allerdings der Abschreckung und Bedrohung, meint CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter: „Es ist deshalb wahrscheinlich, dass Russland auf diese Weise versucht, einerseits Verunsicherung in der europäischen Bevölkerung zu schüren und anderseits auf staatlicher Ebene ein weiteres Mal auf die Bedrohungsmöglichkeit durch den Angriff auf kritische Infrastruktur hinweist.“

USA haben Ziele bereits vorher erreicht

Der norwegische Militärwissenschaftler und Marineoffizier Tor Ivar Strömmen glaubt, dass Russland die USA für den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verantwortlich machen wird. „Die USA haben seit langem Druck auf Europa ausgeübt und besonders auf Deutschland bezüglich ihrer energetischen Abhängigkeit von Russland“, sagte Strömmen der Nachrichtenagentur AFP. Europa und der Westen solle so gespalten werden. Spekulationen, dass die USA hinter der Sabotage stecken könnten, gibt es vor allem in den sozialen Medien. Die USA wollten nur ihr eigenes Gas verkaufen und hätten schon immer versucht, Nord Stream 2 zu verhindern. Auch der polnische EU-Abgeordnete Radoslaw Tomasz Sikorski heizt die Gerüchte mit einem Tweet an: „Thank you, USA“ (Danke, USA), schreibt er bei Twitter. Richtig ist: Die USA sind zu einem wichtigen Energieakteur geworden und liefern LNG in immer größeren Mengen nach Europa. Europa hat von den USA geliefertes LNG verwendet, um seine Lagertanks für den anstehenden Winter zu füllen.

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Ist das Interesse der USA damit nicht bereits erfüllt? Russisches Gas lief zuletzt keines mehr durch die Nord-Stream-Pipelines nach Europa, wieso also dann die Infrastruktur zerstören? Und dann noch vor der Küste von aktuellen oder künftigen Nato-Partnern und gegen das Interesse der EU? Hinzu kommt, dass der US-Geheimdienst CIA die Bundesregierung schon vor längerer Zeit vor möglichen Attacken auf Energieinfrastruktur gewarnt hatte.

Dass die Sabotage aus Washington befohlen wurde, ist für Strömmen eine Theorie, die sich leicht in den Kreisen verkaufen lasse, die in Europa wegen der aktuellen Lage verärgert seien. „In Wirklichkeit geht es bei all dem um die Nutzung von Energie als Waffe“, sagte Strömmen weiter.

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Ist die Sabotage der Pipelines ein kriegerischer Angriff, der einer entsprechenden Antwort bedarf?

Dänemark und Schweden betonen, dass sie nicht angegriffen worden seien. Zu den Vorfällen sei es in internationalen Gewässern in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen beider Staaten vor der Ostseeinsel Bornholm gekommen. Die Frage eines Angriffs auf schwedischem oder dänischem Territorium stellt sich aus Sicht beider Regierungen also nicht. Deutschland ist in diesem Sinne – ungeachtet der langfristigen Folgen – noch weniger betroffen.

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