Nord Stream 2: Die Röhre, die nichts als Ärger macht

  • Beim Streit um die Gaspipeline von Russland nach Deutschland hat sich die Bundesregierung verzockt.
  • Die Röhren zwischen Greifswald und Wyborg bringen nichts als Ärger, kommentiert Andreas Niesmann.
  • Sie wären besser nie gebaut worden.
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Berlin. Drei Dinge vorweg. Erstens ist es Deutschlands gutes Recht, souverän zu entscheiden, aus welchen Ländern es seine Energie bezieht. Zweitens ist es sinnvoll, dabei auf Russland zu setzten – wegen geografischer Nähe und weil funktionierende Handelsbeziehungen in spannungsreichen Zeit ein deeskalierendes Potenzial in sich tragen. Drittens ist die Gaspipeline Nord Stream 2 ein ökonomisch sinnvolles Projekt, schon allein deshalb, weil sie sich selbst trägt.

Und trotzdem wäre diese Röhre besser nie gebaut worden. Der politische Schaden, den sie angerichtet hat, überschreitet ihren wirtschaftlichen Nutzen bei Weitem.

Der Nutzen ist vor allem billiges Gas. Es geht nicht primär um Versorgungssicherheit, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Es geht vor allem um den Preis. Zwar stimmt es, dass die Niederlande wegen zunehmender Erdbeben in der Region Groningen mittelfristig als Lieferant ausfallen. Alternativen hätte es reichlich gegeben: Norwegen wäre gern als Lieferant eingesprungen, man hätte die inzwischen gestoppte Nabucco-Pipeline nach Aserbaidschan bauen können, die schon heute große Zahl der Flüssiggasterminals an europäischen Küsten wird auch dank zweier deutscher Projekte steigen, und dann bestünde sogar noch die Möglichkeit, die Inlandsproduktion mittels Fracking anzukurbeln.

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Sanktionen zu Nord Stream 2 – EU-Handelskommissar warnt USA
1:25 min
Ab 2020 soll russisches Gas durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 nach Deutschland fließen. Für die USA ein Ding der Unmöglichkeit, sie drohen Sanktionen an.  © Andreas Niesmann/dpa

Die letzte Option wäre mutmaßlich sogar preislich konkurrenzfähig zu russischem Gas gewesen. Alle anderen sind es nicht. Niemand liefert so billig Gas wie Russlands Präsident Wladimir Putin, und deshalb hat sich die Bundesregierung trotz massiver internationaler Kritik entschieden, den beiden Röhren von Nord Stream 1 auf dem Grund der Ostsee zwei weitere von Nord Stream 2 hinzufügen. Wirtschaftlich war die Entscheidung klug. Politisch war sie fatal.

Die nun vom US-Repräsentantenhaus beschlossenen Wirtschaftssanktionen sind dabei noch das geringste Problem. Die Pipeline ist fast fertig, 2100 Kilometer sind bereits verlegt, nur 300 fehlen noch. Einreisesperren gegen Mitarbeiter jener Firmen, die die Verlegeschiffe betreiben, werden das Projekt kaum stoppen.

Selbst im Kalten Krieg hat Russland immer geliefert

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Auch ist die Argumentation der Amerikaner, dass sich Deutschland in eine Abhängigkeit von Russland begeben würde, an den Haaren herbeigezogen. Erstens hat Russland seine Lieferverträge mit Deutschland selbst in kältesten Zeiten des Kalten Krieges zuverlässig erfüllt. Zweitens bestünde ja die Möglichkeit, auf Flüssiggas auszuweichen, wenn der Herr im Kreml doch auf die Idee kommen sollte, Gas als politisches Druckmittel gegen den Westen einzusetzen. Wer nur auf Flüssiggas setzt, kann übrigens nicht mal eben zu einem Pipeline-Lieferanten wechseln.

Und Deutschland kuscht mitnichten vor Russland. Der Streit zwischen Berlin und Moskau um einen in Deutschland erschossenen Georgier schaukelt sich gerade hoch. Die Bundesregierung vermutet staatliche russische Stellen hinter dem Mord, beide Länder haben bereits Angehörige der jeweils anderen Botschaft ausgewiesen. Diplomatisch droht eine Eiszeit, das sibirische Gas aber strömt wie eh und je von Wyborg nach Greifswald.

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In Wahrheit verfolgen die USA handfeste wirtschaftliche Interessen. Ihnen geht es darum, Absatzmärkte für ihr – wesentlich teureres und wesentlich umweltschädlicheres – Fracking-Gas zu erschließen. Der Trump-Administration ist dazu jedes Mittel recht.

Dass auch die oppositionellen Demokraten im US-Kongress mitgestimmt haben, hat allerdings noch einen anderen Grund: Polen und Balten haben massiv in Washington für Sanktionen gegen Nord Stream 2 geworben. Misstrauen gegenüber Russland spielt dabei eine Rolle, allerdings verfolgen auch die Osteuropäer eigene wirtschaftliche Interessen. Sie setzten auf ein baltisches Pipeline-Projekt, das norwegisches Gas über Dänemark nach Polen, Estland, Lettland und Litauen bringen soll.

Deutschland hat sich im Geflecht der unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlich europäischen Interessen verheddert. Es ist einen Handel zulasten der Ukraine eingegangen, hat weite Teile Osteuropas gegen sich aufgebracht. In Energiefragen ist die EU von einer einheitlichen Politik weiter entfernt denn je. Die Bundesregierung ist dafür mitverantwortlich. Ihr Egotrip bei den Gaslieferungen hat die Europäer noch tiefer gespalten.

Das ist der eigentliche Preis, den Deutschland für Nord Stream 2 bezahlt hat. Er ist eindeutig zu hoch.


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