Noch einmal feiern: Freiheit oder Egoismus?

  • Am Montag tritt der neue (Teil-)Lockdown in Deutschland in Kraft.
  • Das Wochenende davor will so mancher Gastwirt und so mancher Partygänger noch einmal richtig ausnutzen, ohne das Paradoxe dieses Reflexes zu bemerken.
  • Derweil scheint Jan Böhmermann unter die Corona-Verschwörer gegangen zu sein – oder etwa doch nicht?
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Für die einen ist es die letzte Chance für ein bisschen persönliche Freiheit, für die anderen der ultimative Ausdruck des Egoismus. Ab Montag greift der neue (Teil-)Lockdown, der am Donnerstag von Bund und Ländern beschlossen wurde. Erst ab Montag. Als hätte die Politik all denen, die die Corona-Krise eh nicht so ernst nehmen, noch eine letzte Möglichkeit zu einer ausufernden Party geben wollen.

Aber je stärker dieses letzte Wochenende die Zahlen in die Höhe treibt, desto länger wird der Teil-Lockdown am Ende dauern müssen. Jeder, der schon einmal eine Diät versucht hat, kennt das Problem, kommentiert meine Kollegin Rebecca Lessmann. Wenn ich mich ab morgen einschränken muss, schlage ich heute noch mal richtig zu. Doch die zusätzliche Tafel Schokolade lässt das angepeilte Ziel bloß in noch weitere Ferne rücken – die Fastenzeit wird umso länger. Das gilt auch für Partyfaster.

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Familien als Leidträger

Apropos Paradox: Zu den Leidtragenden könnten am Ende ausgerechnet die Familien gehören. Muss der Teil-Lockdown wegen zu hoher Infektions­zahlen verlängert oder müssen Maßnahmen verschärft werden, trifft das vor allem Menschen mit Kindern. Meine Kollegin Leonie Schulte hat mit fünf Müttern und Vätern über ihre größten Sorgen vor dem kommenden Lockdown gesprochen. Der einheitliche Tenor: Erneute Kita- und Schulschließungen wären eine Katastrophe.

Auch ohne Schulschließung kann die Corona-Krise berufstätige Eltern vor besondere Herausforderungen stellen. Etwa dann, wenn das eigene Kind unter Quarantäne gestellt wird. Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen ist schwierig genug – aber was, wenn das gar nicht möglich ist? Die gute Nachricht: Wenn berufstätige Eltern wegen ihrer Kinder Verdienstausfall haben, wird zumindest ein Teil davon erstattet. RND-Redakteurin Anne Grüneberg hat einmal übersichtlich aufgeschrieben, welche Ansprüche Eltern laut Infektions­schutz­gesetz haben.

Ob Lockdown oder Quarantäne: Familien werden in den kommenden Wochen wieder mehr Zeit gemeinsam verbringen. Das ist an sich schön, kann aber auch schnell anstrengend werden. Gerade wenn einem im Gespräch die Standard­fragen ausgehen. Und der absolute Klassiker „Wie war die Schule?“ ist in der Quarantäne eh verloren. Hilfe verspricht der Moderator Ralph Caspers. Sein Buch mit dem Titel „99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ bietet viel Material für spannende Gespräche. Oder hätten Sie gewusst, wie lange eigentlich das Jetzt ist? Leonie Schulte hat Caspers Anregung aufgenommen und im Interview auch eher ungewöhnliche Fragen an den Moderator gerichtet.

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Ralph Caspers spricht in einem RND-Interview über die Idee hinter seinem neuen Buch „99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“. © Quelle: Johannes Haas

Es gibt aber auch Fragen, auf die es keine gute Antwort gibt. Oder vielleicht doch? Was ist zum Beispiel, wenn mein Kind während des Lockdowns Geburtstag hat? Keine Party, keine Freunde, wie traurig – wie soll ich das meinem Kind nur beibringen? Im Interview mit meinem Kollegen David Sander erklärt die Psychologin Katharina Ohana, wie man seinem Kind am besten beibringt, dass es seinen Geburtstag nicht feiern darf. Und warum die Corona-Krise für Kinder oft weniger schlimm ist als für Erwachsene.

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Für reichlich Verwirrung in Corona-Fragen sorgte gestern Entertainer Jan Böhmermann. Zunächst tauchte auf seiner Facebook-Seite ein skurriler Post auf, in dem von einer „geheimen Elite, die die Welt regiert“, gesprochen wurde – dann gingen all seine Social-Media-Kanäle vom Netz. Ist der TV-Moderator unter die Verschwörungs­theoretiker gegangen? Ist er gehackt worden? Wer das Interview liest, welches RND-Reporter Imre Grimm mit Böhmermann führte, wird schnell zu dem Punkt kommen, dass Letzteres wahrscheinlicher ist – auch wenn eine offizielle Stellungnahme bislang ausblieb. Er wird aber auch lesen, dass dem Moderator der radikale Schnitt am Ende vielleicht sogar entgegenkommt – wollte dieser doch eh aufhören zu twittern, wie er Imre Grimm erzählt.

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Zitat des Tages

Es waren die längsten Sekunden meines Lebens – eine furchterregende Ewigkeit.

Angelos Maniatis, Bewohner der griechischen Insel Samos, über das Erdbeben in der Ägäis, das am Freitag­nachmittag mehr als ein Dutzend Tote und hunderte Verletzte forderte

Leseempfehlungen

In Japan hat jede Stadt und jede Behörde ein eigenes Maskottchen, es gibt sogar einen Wettbewerb dafür. Von dem sind derartige Marketing­gewinne zu erwarten, dass sich die Konkurrenz­situation zugespitzt hat. Und zwar so sehr, dass die Veranstalter unter dem Verdacht des Stimmenkaufs stehen – der Wettbewerb wurde gecancelt, wie RND-Japan-Korrespondent Felix Lill berichtet.

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Reisen sind mit dem am Montag beginnenden Lockdown quasi verboten. Zumindest solange sie in Deutschland stattfinden. So paradox das klingt: Der Urlaub im Ausland ist es nicht. Allerdings sind fast alle Länder in Europa Corona-Risikogebiete. Wohin eine Reise aktuell noch ohne Konsequenzen möglich wäre, hat meine Kollegin Maike Geißler aufgeschrieben.

Die Franzosen zocken gern: 8 Milliarden Euro werden jährlich in Pferdewetten investiert. Nun kann man in Paris sein Lieblingstier gleich am Hippodrom ersteigern, wie Birgit Holzer, unsere Korrespondentin aus Frankreich, berichtet. Manche werden damit reich – andere kostet die Leidenschaft ein Vermögen.

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Die Termine des Tages

  • Auch in Österreich steigt die Zahl der täglichen Neuinfektionen deutlich. Deshalb will Bundeskanzler Sebastian Kurz heute neue Corona-Maßnahmen verkünden.
  • Um 14 Uhr eröffnet der Hauptstadtflughafen BER. Mit neun Jahren Verspätung. Zwei Flugzeuge sollen um 14 Uhr landen und den Flughafen offiziell eröffnen. Eine Feier findet nicht statt.
  • Die Schriftstellerin Elke Erb wird heute in Darmstadt für ihr literarisches Lebenswerk mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland.
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Wer heute wichtig wird

Fritz Walter (Mitte, oben), Stürmer und Kapitän der deutschen Weltmeister von 1954, auf seinem wohl berühmtesten Foto. Neben ihm und ebenfalls auf Schultern getragen, Walters Lauterer Teamgefährte Horst Eckel. © Quelle: picture alliance / dpa

Eine der großen Persönlichkeiten in der Geschichte der Bundesrepublik wäre heute 100 Jahre alt geworden. Fritz Walter ist eine Legende auf dem Fußballplatz und abseits davon. DFB-Präsident Fritz Keller, nebenbei Walters Patensohn, sagt über den berühmten Patenonkel: „Seine Ausstrahlung zog die Menschen in ihren Bann, obwohl er sich wie einer von ihnen verhielt und sich als einer von ihnen verstand.“ Wie das Vermächtnis des ersten Ehren­spiel­führers der deutschen Fußball-National­mannschaft bis heute wirkt, ja, warum wir uns heute sogar ein bisschen mehr von dem zurückwünschen, was Fritz Walter ausmachte, analysiert der stellvertretende RND-Sportchef Sebastian Harfst.

Horst Eckel wiederum stand mit Fritz Walter am 4. Juli 1954 auf dem Platz im Berner Wankdorfstadion. Gemeinsam schafften die Mannschafts­kollegen vom 1. FC Kaiserslautern dort das „Wunder von Bern“, sie schlugen Ungarn mit 3:2 im Finale. Deutschland war neun Jahre nach Kriegsende Weltmeister. Eckel, der 88-jährig in seiner pfälzischen Heimat lebt, ist der letzte der elf Helden von Bern, der noch am Leben ist. Zum 100. Geburtstag erinnert er in einem Gastbeitrag an seinen Mitspieler, der zu seinem Mentor wurde und es irgendwie immer noch ist. Eckel sagt: „Noch heute denke ich jeden Tag an ihn und frage mich, wie er in bestimmten Situationen wohl reagiert hätte.“

Der Podcast des Tages

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Ihr Paul Berten

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“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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