Noch eine Corona-Konferenz, dann ist Zapfenstreich

  • Die Ära Merkel endet, wie sie begonnen hat: nüchtern, mit langen Arbeitstagen ohne Glanz.
  • Die Kanzlerin koordiniert heute ihre letzte Corona-Konferenz mit den Ministerpräsidentinnen und ‑präsidenten.
  • Dann geht es zum Großen Zapfenstreich – der coronabedingt ohne den üblichen anschließenden Empfang ausklingen wird.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Bundesregierung mag krachend in manches Schlagloch gefahren sein in der Corona-Krise. Doch die Apparate funktionieren wie immer. Unverdrossen produzieren sie den Terminplan für den nächsten Tag, auf die Minute genau. Auch für diesen 2. Dezember 2021.

Heute um 19.23 Uhr – jawohl: um 19.23 Uhr – soll die Bundeskanzlerin auf dem Paradeplatz des Bundesministeriums der Verteidigung eine kurze Rede halten zu ihrem Abschied aus dem Amt nach 16 Jahren. Sieben Minuten sind dafür eingeplant.

Punkt 19.30 Uhr beginnt dann der Große Zapfenstreich als solcher. Fackelschein wird sich spiegeln im blinkenden Blech der Bläser, das ZDF überträgt alles live ab 19.20 Uhr.

„Dieser Job kann höllisch sein“

Merkels lange, durchwachsene Amtszeit geht jetzt zu Ende mit langen, durchwachsenen Arbeitstagen. Unschöner Höhepunkt heute um 11 Uhr: wieder mal eine Videokonferenz mit den 16 Ministerpräsidentinnen und ‑präsidenten der Länder. Wieder geht es um Corona. Auch wenn die Beratungen lange hin- und hergehen sollten – jeder weiß, dass diesmal eine Grenze gesetzt ist. Spätestens gegen 18 Uhr müssen die Ergebnisse verkündet werden. Denn kurz danach ist Zapfenstreich.

Noch auf den letzten Metern – so ist das, wenn man Kanzlerin ist – muss Merkel mit Nervenproben leben.

Von Krise zu Krise: Dieses Foto zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel im April 2010, als sie während eines Besuchs in San Francisco eine Erklärung zum Tod von vier Bundeswehrsoldaten in Afghanistan abgeben musste. Zur Gruppe der Journalisten im Begleittross der Kanzlerin gehörte schon damals Kristina Dunz (stehend, Dritte von rechts), heute stellvertretende Leiterin des RND-Büros in Berlin. © Quelle: Bundesregierung/Bergmann/picture-alliance/dpa

„Dieser Job kann höllisch sein“, sagt Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin unseres Berliner Büros. Dunz hat Merkel länger als viele andere aus der Nähe beobachtet, sie war bei mehr als 50 Auslandsreisen dabei. Dass die Kanzlerin sich dabei oft ganz anders zeigte, als sie öffentlich erschien, viel menschlicher und nahbarer, beschreibt Dunz heute in ihrem großen Feature „Macht und Panzer einer Kanzlerin“.

Die eigenwillige Musikauswahl der Kanzlerin für den Zapfenstreich übrigens hat die Musiker der Bundeswehr in Zeitdruck gebracht. „Die Wünsche kamen spät und haben mich überrascht“, sagte der Dirigent des Stabmusikkorps, Oberstleutnant Reinhard Kiauka, der Berliner Tageszeitung „taz“.

Wie bläst man Songs von Nina Hagen?

Keine Mühe haben die Bläser mit dem Kirchenlied „Großer Gott, wir loben Dich“. Schwieriger wird es mit „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef. Das Lied hatten die Soldaten nicht im Notenarchiv, konnten es aber inzwischen auftreiben. Der Song „Du hast den Farbfilm vergessen“, mit dem die Punksängerin Nina Hagen 1974 in der DDR einen Hit landete, musste indessen binnen zwei Tagen erstmals „für Blasorchester“ arrangiert werden.

Doch wer eigentlich soll sich blitzschnell einer neuen Lage anpassen, wenn nicht die Bundeswehr?

8. März 2012: Kanzlerin Angela Merkel nimmt teil am Großen Zapfenstreich für den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, der sich nur knapp zwei Jahre im Amt hatte halten können. © Quelle: Hannibal Hanschke/dpa

Das eigentliche Problem beim Zapfenstreich für Merkel liegt darin, dass die sonst übliche anschließende Zusammenkunft der geehrten Person mit langjährigen Wegbegleitern coronabedingt gestrichen wurde. Statt noch das Glas erheben zu können im Kreis von Vertrauten, wird Merkel nach Hause chauffiert in ihre Wohnung am Berliner Kupfergraben. Und wenn sie Pech hat, wird ein Referent sie heute Abend noch schnell auf den neuesten Stand bringen zu dieser oder jener Krise, etwa zum russischen Truppenaufmarsch nahe der Ukraine.

Manche haben Mitleid, andere sehen es als selbst gewähltes Schicksal. Die protestantische Pastorentochter jedenfalls ist auch in ihren allerletzten Amtstagen als Pflichtmensch unterwegs – mit dem viele nicht tauschen wollen.

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Zitat des Tages

Wir hoffen das Beste – und bereiten uns vor auf das Schlimmste.

Ursula von der Leyen, EU-Kommissions­präsidentin, über die Omikron-Virusvariante

Leseempfehlungen

Die Omikron-Variante überrascht mit ihrer Vielzahl von Veränderungen auch Experten wie den Virologen Jörg Timm. „Auf einmal hat das Virus einen großen Sprung gemacht“, erklärt der Corona-Experte im RND-Interview. Seine Gefährlichkeit müsse man aber erst noch genauer untersuchen, noch fehlten dazu harte Daten.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben gezeigt: Corona könnte uns länger begleiten, als uns lieb ist. In vielen Filmen und Serien allerdings hat die Pandemie bis heute nicht stattgefunden – obwohl sie teils mitten im Lockdown gedreht wurden. Wann wird sich das ändern?

Aus unserem Netzwerk: Impfrebell Stöcker steckt auf

Winfried Stöcker (74), ein Professor aus Lübeck, hat am vergangenen Wochenende Menschen mit einem selbst entwickelten Vakzin geimpft. Die Polizei hat die illegale Aktion am Lübecker Flughafen gestoppt. Bisher verteidigte der Mediziner sein Vorgehen, nun rudert er zurück und empfiehlt andere – zugelassene – Impfstoffe. Die „Lübecker Nachrichten“ berichten über den kuriosen Fall.

Termine des Tages

Papst Franziskus bricht am Donnerstag (11 Uhr) zu seiner Reise nach Zypern und Griechenland auf. In den beiden Ländern des östlichen Mittelmeers stehen für das Oberhaupt der katholischen Kirche die Ökumene und Dialoge mit orthodoxen Geistlichen auf dem Programm, vor allem aber auch Fragen der Migration. Für Franziskus sind Flüchtlinge eine Herzens­angelegenheit.

Der Bundesgerichtshof überprüft am Donnerstag (10 Uhr) die Verurteilung des mutmaßlichen NSU-Helfers André E. Das Oberlandesgericht München hatte ihn 2018 wegen Unterstützung einer Terrorvereinigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Dagegen haben sowohl er als auch die Bundesanwaltschaft Revision eingelegt. E. will den Freispruch, die Ankläger hatten eine viel höhere Strafe gefordert.

US-Verteidigungs­minister Llyod Austin und Generalstabschef Mark Milley beraten heute in Seoul mit der Führung Südkoreas über Fragen der militärischen Koordination im Fall eines nordkoreanischen Angriffs. Die USA haben 28.500 Soldaten in Südkorea stationiert.

Wer heute wichtig wird

Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, macht in der Airbus-Krise mobil: Um 8.30 Uhr beginnen heute Warnstreiks in Hamburg-Finkenwerder für den Erhalt von Jobs in Norddeutschland. Airbus will eine bisherige Konzerntochter verkaufen, Premium Aerotec. Die Firma produziert bisher Flugzeugteile für Airbus in Nordenham, Varel und Bremen. © Quelle: Markus Scholz/dpa

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Matthias Koch

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