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  • Niedrige Corona-Zahlen in China: Erfolg durch zweifelhafte Methoden - Überwachung, Zwangstest, Freiheitsberaubung

Triumph über Corona: Wie haben die Chinesen das geschafft?

  • Von der Corona-Pandemie ist im Alltag der Volksrepublik kaum noch was zu spüren.
  • Die kommunistische Regierung hat das Virus offenbar in den Griff bekommen.
  • Rigorose Überwachung, Zwangstests, Freiheitsberaubung – im Westen sind die Methoden der Virsubekämpfung schwer vorstellbar.
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Rund um die Welt steigen die Corona-Zahlen. In einem Land nicht: China.

Das Land, in dem Covid-19 im Januar dieses Jahres seinen Anfang nahm, betrachtet die Corona-Pandemie bereits als Stoff fürs Museum: Im August eröffnete eine Ausstellung im Pekinger Nationalmuseum, einem kommunistischen Prachtbau mit einer Fläche von fast 30 Fußballfeldern, über den Sieg gegen das Virus.

Im Stile des Sozialistischen Realismus geben Dutzende Ölgemälde dem Volke vor, wie es seiner Helden im Kampf gegen Covid-19 gedenken soll – von den Soldaten der Volksbefreiungsarmee bis hin zum erschöpften Krankenhauspersonal. Die mit überschwänglichem Pathos aufgeladenen Porträts wirken, als würden sie einer weit entfernten Vergangenheit angehören.

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Chronologie des Coronavirus
2:47 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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Gegenüber dem Museum im Pekinger Stadtzentrum prangt wie eh und je das Konterfei Mao Zedongs, Soldaten in Uniform bewachen den Platz des Himmlischen Friedens, Touristen in neonfarbenen Winterjacken warten vor dem Eingang der Verbotenen Stadt. Eine unspektakuläre Alltagsszene, die im Corona-Jahr jedoch bemerkenswert scheint: Bis auf die Masken der Passanten erinnert nichts mehr an eine globale Gesundheitskatastrophe.

De facto ist China virusfrei

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Ein Blick auf die Statistik untermauert den neuen Normalzustand: Seit über zwei Monaten haben die Gesundheitsbehörden in Peking keine lokale Infektion mehr registriert. Auch landesweit zählt die Regierung nur mehr wenige Fälle im zweistelligen Bereich pro Tag, wobei das absolute Gros unter „importierten Fälle“ aus dem Ausland verbucht wird. De facto ist China, ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen, derzeit fast virusfrei.

Aus deutscher Sicht mag dies geradezu surreal erscheinen: Ausgerechnet im Ground Zero von Corona, das ja zu allererst in der chinesischen Stadt Wuhan gewütet hat, soll der Lungenerreger nun ausradiert sein?

Tatsächlich ist die Kommunistische Partei für ihre unzuverlässigen Statistiken berüchtigt. Die alljährlichen Wirtschaftszahlen beispielsweise werden von ausländischen Ökonomen nur als grober Gradmesser gewertet. Und auch bei früheren Pandemien, etwa der HIV-Gesundheitskrise, hat China lange Jahre die eigenen Infektionszahlen auf geradezu absurde Weise heruntergespielt. Wieso also sollte man der Regierung jetzt trauen?

© Quelle: dpa
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Zu Beginn der Pandemie haben die Behörden tatsächlich Virusproben zerstört, alarmierte Wissenschaftler in Wuhan mit einem Maulkorb versehen und die Statistiken systematisch frisiert. In den kommenden Jahren werden wohl Experten untersuchen, welche epidemiologischen Schäden ein transparentes Vorgehen der Regierung hätte abwenden können. Doch mittlerweile hegen nur mehr die wenigsten Beobachter, auch aus Europa, Zweifel an den offiziellen Corona-Zahlen. Zwar wird niemand leugnen, dass das autoritäre politische System es begünstigt, schlechte Nachrichten zu verschweigen. Allerdings wagt es längst kein Parteikader mehr, ein Infektionsgeschehen im eigenen Zuständigkeitsbereich zu verheimlichen.

Die Kontrolle funktioniert

Denn Präsident Xi Jinping hat den Kampf gegen des Virus schon früh zur Chefsache erklärt – auch, um vor der Bevölkerung und der internationalen Staatengemeinschaft einen Propagandasieg zu erringen.

Die Lockdowns, welche in Europa im Frühjahr verhängt wurden und nun wieder als Drohkulisse erscheinen, hatten wenig mit den Maßnahmen zu tun, die in der Volksrepublik ergriffen wurden. Hier greift ein System, das nicht nur auf staatlicher – digitaler – Kontrolle fußt, sondern auch auf sozialer Kontrolle durch Blockwarts in den Nachbarschaften. Wer gegen die Regeln verstößt, wird bloßgestellt.

Bewohner ganzer Provinzen wurden über Wochen wortwörtlich in ihre Wohnungen weggesperrt und von Nachbarschaftskomitees mit Lebensmitteln versorgt. Auch in Gegenden, die nur marginal von der Pandemie betroffen waren, schränkten die Behörden die Bewegungsfreiheit tiefgreifend ein. Wer auch nur in die nächstgelegene Stadt reiste, musste in eine 14-tägige Quarantäne – in einem staatlich zugewiesenen Zimmer, welches rund um die Uhr überwacht wurde.

Mit der Härte des unterdrückerischen Staates

Diese harte Strategie, die nur in einem auch sonst unterdrückerischen Staat funktioniert, hat in der westlichen Welt zu Beginn der Pandemie für Stirnrunzeln, wenn nicht offene Kritik gesorgt. Doch China hat sie so lange durchgezogen, bis die Wachstumskurve nahezu auf null gedrosselt werden konnte.

Viele Städte, allen voran Shanghai, sind schon nach wenigen Monaten in ein neues Normal zurückgekehrt. „Masken tragen wir schon lange nicht mehr. Auch die Clubs zum Feiern waren nur kurz geschlossen“, sagt etwa eine Endzwanzigerin im ehemaligen Kolonialviertel Shanghais beim Feierabendbier. Ein Blick auf die Trottoirs, wo sich junge Menschen bei Zigaretten und Cocktails dicht an dicht unterhalten, bestätigt, wie wenig Abstandsregeln noch eingehalten werden.

Ungefähr eine Handvoll lokaler Infektionscluster haben die Behörden seit dem Sommer noch vermeldet, zuletzt haben sich zwölf Personen in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao angesteckt. Stets ging die Lokalregierung rigoros und nach dem gleichen Muster vor: Sämtliche neun Millionen Einwohner wurden innerhalb weniger Tage zwangsgetestet, zudem wurden die betroffenen Wohngebiete abgeriegelt. Stadtweite Lockdowns konnten auf diesem Wege verhindert werden – ohne dass sich das Virus weiter ausgebreitet hätte.

Container für die Welt: Die Wirtschaft, vor allem der Export, zieht wieder an. © Quelle: Chinatopix/AP

Dementsprechend robust konnte auch die Wirtschaft im Land wieder hochfahren. Nach einem historischen Einbruch im ersten Quartal von fast 7 Prozent wird die Volksrepublik bis Jahresende als einzige große Ökonomie ein Plus erzielen können. Davon profitieren auch deutsche Unternehmen, allen voran heimische Autobauer: Am Wochenende gab Volkswagen bekannt, dass es innerhalb der ersten drei Quartale seinen Marktanteil im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,5 Prozent leicht ausgebaut hat. China wird inmitten der global eingebrochenen Nachfrage für europäische Unternehmen zu einem Lichtblick in Corona-Zeiten.

Auch deshalb vertrauen die Chinesen ihrer Führung wieder mehr, trotz der massiven Kontrolle jedes Einzelnen. Das liegt auch an dem Eindruck, dass die Zulassung eines lmpfstoffs unmittelbar bevorsteht. Auf einem viel geteilten Handyvideo meldet sich etwa der Universitätsstudent Zhu Aobing zu Wort: „Ich bin Nummer neun der ersten Freiwilligengruppe. Bereits am 19. März habe ich einen Impfstoff injiziert bekommen“, sagt der junge Chinese aus Wuhan, dem einstigen Epizentrum der Pandemie. Zhu trägt eine schwarze Hornbrille, Kurzhaarfrisur und einen dunklen Kapuzenpulli. In stoischem Tonfall fügt er hinzu: „Nach sechs Monaten unter Beobachtung mache ich nun den letzten Bluttest. Mir geht es körperlich gut, ich habe weder Fieber noch Erkältung.“

Impfstoff made in China

In den Kommentarspalten hagelt es euphorischen Beifall. Ein Nutzer schreibt etwa: „Wer Zweifel an dem Impfstoff hat, der soll halt abwarten, bis er im Ausland erprobt wurde. Aber ich denke, wenn China nicht wirklich etwas Erfolgreiches erschaffen hätte, dann würde es nicht solche Behauptungen aufstellen.“

Die Behauptungen der Regierung klingen in der Tat vielversprechend. Wu Guizhen, leitende Beamtin am chinesischen Zentrum für Seuchenprävention, kündigte bereits im September an, dass entweder im November oder Dezember eine Covid-Impfung bereitstehen werde. Dabei handelt es sich um zwei Kandidaten von Sinopharm aus Shanghai, welche derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Peru und Argentinien getestet werden. Rein quantitativ steht China damit zweifelsohne an der Speerspitze der globalen Impfstoffentwicklung. Von den weltweit rund einem Dutzend Kandidaten, die für groß angelegte Feldstudien zugelassen wurden, sind vier im Reich der Mitte entwickelt worden.

Zurück im Alltagsnormal: Einkaufen auf Märkten und beim Schnellimbiss ist in den allermeisten Städten wieder uneingeschränkt möglich – ohne Maske. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Doch offenbar will die Staatsführung nicht bis zur offiziellen Marktzulassung warten. Seit Juli hat sie drei Impfstoffe zur sogenannten Notfallanwendung genehmigt. Zunächst wurde vor allem medizinisches Personal geimpft, später folgten die Manager der staatlichen Unternehmen, die oft auf Geschäftsreisen unterwegs sind. Doch auch Journalisten und Mitglieder der omnipräsenten Nachbarschaftskomitees gehören zu den Versuchskaninchen.

Auch wenn etwa Sinopharm behauptet, dass sich bislang keiner unter den Zehntausenden Probanden in China mit dem Coronavirus infiziert hätte, macht es die entsprechenden Daten der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich. Von der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird Chinas Impfstoffwettrennen dementsprechend mit großer Skepsis beäugt. De facto gilt hier die gleiche Vorsicht wie auch sonst im Umgang mit China: Es kann nicht unabhängig überprüft werden, wie sicher und effizient die Impfstoffe aus China tatsächlich sind.

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