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Niedrige Corona-Zahlen und eine trügerische Frage: War der Lockdown übertrieben?

  • Die Corona-Zahlen sind erfreulich niedrig. Da wird eine Frage lauter: War der Lockdown übertrieben?
  • Doch wer so denkt, unterliegt einem populären Irrtum.
  • Denn allein die Tatsache, dass man auf diesen Gedanken überhaupt kommen kann, ist ein Indiz für seine Richtigkeit.
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Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie werden bis zum 29. Juni verlängert. Darauf haben sich die Staatskanzleien der Länder und das Bundeskanzleramt am Dienstag geeinigt.  © Reuters
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Bodo Ramelow hat genug. Seit Tagen gibt es in Thüringen kaum noch neue Corona-Fälle. Aus den meisten der 23 Landkreisen und kreisfreien Städte gab es zuletzt gar keine neuen Infektionsmeldungen mehr. „Das ist keine Rechtsgrundlage", sagte der Ministerpräsident, "um bei mehr als zwei Millionen Thüringern auch noch zu Hause anzuklopfen und zu fragen, mit wem sie gerade Kaffee trinken“.

Zurück zur Normalität. So hieß das Zauberwort, mit dem Ramelow am Wochenende ein mittleres Erdbeben ausgelöst hatte. Der „Thüringer Allgemeinen“ hatte er gesagt, er wolle „den allgemeinen Lockdown“ aufheben und „auf besondere Schutzvorschriften, die für alle Menschen in Thüringen gelten, verzichten“. Ist es tatsächlich Zeit, die Einschränkung der Grundrechte zu beenden? Oder plant der Länderchef nur - wie er nach bundesweit anschwellender Kritik am Dienstag zu präzisieren versuchte - “aus dem Krisenmodus heraus” statt “weiterer Allgemeinverfügungen” lieber “einzelne Schutzvorschriften”?

Lockdown beenden? Die Debatte ist in vollem Gang

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Soll man den Lockdown beenden? Oder war er gar übertrieben? Die Debatte ist in vollem Gang. Und sie erinnert an eine Diskussion vor mehr als 40 Jahren. Auch damals war die Republik in Aufruhr. Auch damals tobte ein hysterischer Glaubenskrieg. Millionen fürchteten um ihre Freiheit, sie fühlten sich bevormundet, gefesselt, elementarer Rechte beraubt. Die Bundesregierung gab gar eine psychologische Studie in Auftrag, um die explosive Lage empirisch zu entschlüsseln. Die Interviewer wurden teils verbal angegriffen, sie stellten “starke latente Spannungen” fest, dazu “unausgetragene Konflikte, affektive Verfestigungen und die Bereitschaft zu kämpferischen Auseinandersetzungen”.

Corona? Nein. Es ist das Jahr 1975. Bonn plant die allgemeine Gurtpflicht im Auto. Mehr als 20.000 Menschen sterben damals jährlich im Straßenverkehr (2019 waren es 3059). Aber sich anschnallen für einen theoretischen Nutzen? Wird da nicht der Busen platt gedrückt? Knittert da nicht das Sakko? Und ist der lästige Riemen nicht ein Angriff auf die Freiheit? Die Sache wird zum ideologischen Grabenkrieg. Gurthasser beschimpfen Gurtbenutzer als devote Spießer und missionarische Eiferer. “Der Spiegel” druckt eine empörte Titelgeschichte: “Gefesselt ans Auto”. Gurt tragen? Ohne zu wissen, ob mir das jemals selbst nützen wird? Niemals!

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Ramelow verteidigt geplante Corona-Lockerungen
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Angesichts der deutlich unter den Befürchtungen gebliebenen Infektionszahlen wolle er in einen Regelbetrieb im Umgang mit dem Virus kommen, sagte Bodo Ramelow.  © Reuters
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Söder lehnt radikalen Kurswechsel in Corona-Politik ab
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Allein gelassenen thüringischen Landkreisen könne man mit Rat und Tat zur Seite stehen, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder.  © Reuters
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Ein Gefühl der Entmündigung

45 Jahre später. Tausende demonstrieren gegen die Einschränkung ihrer Grundrechte. Maske tragen? Wofür? Der Zorn entlädt sich gegen Polizisten, Journalisten, Politiker. Wie damals geht es um ein Gefühl der Entmündigung. Und wie damals geht es um Unsicherheit, nur in globalem Maßstab. Es zeigt sich ein vertrautes Problem von Vorsorgemaßnahmen: Wenn sie wirken, ist der Grund, warum sie ergriffen wurden, nicht mehr zu spüren. Und die Akzeptanz sinkt.

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Ende Mai 2020. Die Sonne scheint. Menschen picknicken in Parks. Das Fernsehen zeigt Bilder von leeren Intensivbetten. Corona-Pandemie? Eine Katastrophe fühlt sich anders an. Ja, in der Bundesliga werden die Bälle desinfiziert. Aber die Todeszahlen sind niedrig im Vergleich mit den USA, Großbritannien oder Italien. Kein deutscher Arzt muss wie in Kriegszeiten in Sekunden entscheiden, wer ans Atemgerät darf und wer sterben wird. Stattdessen werden Behelfskrankenhäuser jetzt unbenutzt abgebaut. Fällt die Apokalypse aus?

“Die Leute behaupten, wir hätten überreagiert”

Prompt wird die Frage, ob die Maßnahmen angemessen waren oder nicht, drängender, und das nicht nur in den Reihen eskalierender Veganköche und rechter Esoteriker. “Die Leute behaupten, wir hätten überreagiert”, sagte der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian, Drosten dem britischen “Guardian”. “Sie sehen, dass ihre Krankenhäuser nicht überrannt werden, und sie verstehen nicht, warum die Geschäfte dann geschlossen bleiben müssen. Für viele Deutsche bin ich der Böse, der die Wirtschaft lähmt.”

Reibungsfigur in einem ideologischen Konflikt: Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin. © Quelle: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

Das Land ist gespalten – allerdings nicht in zwei gleiche Hälften. Eine klare Mehrheit der Deutschen (66 Prozent) hält die Anti-Corona-Maßnahmen laut einer ZDF-Umfrage weiter für angemessen. “Die Welt bewundert uns dafür, dass wir so konsequent gehandelt haben”, sagt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Immerhin ein knappes Drittel aber hält die Regeln für übertrieben. Eine Gemeinschaftsstudie internationaler Universitäten, des Robert-Koch-Instituts (RKI) und weiterer Institutionen (“Covid-19 Snapshot Monitoring”) zeigt deutlich: Die Akzeptanz sinkt. Die Mannheimer Corona-Studie untersuchte Details: Die Zustimmung zu einer möglichen Ausgangssperre lag im März bei fast 60 Prozent. Sie ist auf weniger als 10 Prozent gesunken. Mitte März empfanden 53 Prozent der Befragten das Virus als “angsteinflößend”. Zuletzt waren es noch 35 Prozent.

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Paradox: Mit jeder neuen Freiheit wächst das Unbehagen

Die erste Phase, in der sich das Land angesichts stündlich neuer Schocknachrichten um die politische Führung scharte, scheint vorbei. Und die tiefe Wirtschaftskrise als Folge der Pandemie zeichnet sich zwar schon ab, hat aber noch nicht die Dramatik erreicht, die zu befürchten ist. Gleichzeitig steigen die Börsenkurse. Das alles ergibt einen reichen Nährboden für Unsicherheiten. Sie münden in der Frage, ob die Kollateralschäden der Krise mit Millionen Arbeitslosen und Zehntausenden zerstörter Firmen nicht viel zu hoch sein könnten. War der Lockdown unnötig? Oder ist allein die Tatsache, dass man auf diesen Gedanken überhaupt kommen kann, ein Beweis für seine Richtigkeit? Auch das ist ein Paradoxon: Mit jeder neuen kleinen Freiheit wächst bei einer lauten Minderheit das Unbehagen.

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Merkel: "Durch gemeinsames Handeln aus der tiefen globalen Rezession"
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Die Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass man nur durch gemeinsames Handeln aus der tiefen globalen Rezession wieder herauskommen kann.  © Reuters

Die Worst-Case-Szenarien waren dramatisch. Von bis zu 100.000 möglichen Toten war die Rede. Die düsteren Warnungen, die rituelle Bekanntgabe der Infektionszahlen als Fieberkurve des Landes haben die kollektive Solidarität der ersten Phase erst möglich gemacht. Denn nichts ist schwerer, als Menschen aus ihren Gewohnheiten zu reißen. “Die einzigen Menschen, die Veränderung mögen, sind Babys in nassen Windeln”, soll Mark Twain geschrieben haben. Jetzt aber wird es psychologisch viel schwieriger. Denn wer seinen Feind nicht sieht, weiß nicht, wofür er noch kämpfen soll.

Ausbleibende Schäden sind unsichtbar

Haben wir gegen Windmühlen gekämpft? Man tappt leicht in diese Gedankenfalle. Das ist das sogenannte Präventionsparadoxon: Ausbleibende Schäden sind unsichtbar. Das steht im Widerspruch zu den dramaturgischen Erwartungen eines spektakelgesättigten Publikums. Die “Bild”-Zeitung warnte schon mal: “Wenn das Infektionsgeschehen weiter glimpflich verläuft, gerät die Bundesregierung in Erklärungsnot. Die Uhr tickt.”

“Corona-Diktatur stoppen”: Teilnehmer einer Demo auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. © Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Doch das sicherste Zeichen, dass etwas passiert, ist im Falle einer Pandemie ja gerade, dass nichts passiert. Schleichende Erfolge sind immer weniger spektakulär als plötzliche Triumphe. Es gibt keinen kollektiven “Hurra, wir haben es geschafft”-Moment. Für diese Prüfung namens Corona gibt es keine Urkunde und keine Goldmedaille. Keine Instanz wird dem Land jemals bescheinigen können, alles richtig gemacht zu haben. Das lässt viel Raum für Gram und Hader. Und so versammelt sich ein Potpourri der Paradoxien zu “Hygienedemos” etwa auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart: Klimaleugner, Prepper, Wissenschaftsfeinde, “Reichsbürger”, linke Kulturpessimisten, grüne Impfgegner, vergnügte Esoteriker und Nazis, die sich den Volkszorn zunutze machen und sich als Hüter des Grundgesetzes aufspielen. Nicht alle sind rechts, nicht alle sind links. Aber fast alle eint der feste Glaube, gegenüber der maskentragenden Mehrheit einen Wissensvorsprung zu haben. Dazu kommen häufig ein getrübter Blick auf die Wirklichkeit und die emotionale Flucht in entlastende Parallelwirklichkeiten. Menschen brauchen Schuldige. Und sei es Bill Gates. Corona ist eben auch ein gesellschaftlicher Test, wer Unsicherheiten besser aushält und wer nicht.

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Frei von Corona: Montenegro hofft auf Touristen
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Der Regierungschef erklärte das Land für coronavirusfrei. Die Wirtschaft ist abhängig vom Tourismus und will nun so schnell wie möglich Reisende ins Land holen.  © Reuters

Die menschliche Seele verlangt nach Eindeutigkeit

Virologen und Politiker haben es den Bürgern aber auch nicht leicht gemacht, den Überblick zu behalten. Wie denn auch, wenn sie selbst ihn nicht hatten? Was zählt denn nun? Exponenzielle Verdoppelung? Die Zahl der Neuinfektionen? Die Reproduktionsrate? Die Zahl der Genesungen? Das Verwirrende ist: Eine Pandemie ist kein reines Matheproblem. Sie folgt Formeln nur begrenzt. Es lässt sich nicht einfach sagen: Reproduktionsrate unter eins, Verdoppelungsrate über zwei Wochen – wir haben gewonnen. Deckel drauf.

Die menschliche Seele aber verlangt nach Eindeutigkeit. Die gesamte Biochemie des Körpers ist auf klare Verhältnisse ausgerichtet. Warum wird uns in der Schiffschaukel schlecht? Weil das Gehirn die schwankenden Bewegungen als Vergiftung interpretiert – und das vermeintliche Gift loswerden möchte. Und mit den schwankenden Unklarheiten des Corona-Geschehens ist es sinnbildlich genauso. Es gibt keine Klarheit. Das versetzt die Seele in einen Tilt-Zustand. Wir sitzen emotional in der Schiffschaukel und wissen nicht, wo der Ausknopf ist. Das verstörende Symbol dieser Unsicherheit ist die Maske. Sie ist zum Hassobjekt der Skeptiker geworden, die sie mit Versklavung und – im Wortsinne – Entmündigung assoziieren.

Prävention ist uncool

Genauso war es schon 1975 bei der Gurtdebatte. Studien zeigten später, dass viele Gurtmuffel deshalb so panisch reagierten, weil sie im Gurt keinen potenziellen Lebensretter sahen, sondern ein bedrohliches Symbol für die Lebensgefährlichkeit des Autofahrens und die eigene Sterblichkeit. Ein Todessymbol.

Prävention ist uncool. Prävention heißt: Richtlinien, Empfehlungen, Verbote, Strafen. Aber ein Schaden, der nie eingetreten ist, weil er rechtzeitig verhindert wurde, ist eben trotzdem ein potenzieller Schaden. “Ich bin immer ganz neidisch auf diejenigen, die schon immer alles gewusst haben”, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Eine präventive Maßnahme, die der Gemeinschaft nützt, bringt dem Einzelnen oft wenig. Eine Leistung ohne direkte Gegenleistung jedoch widerspricht den Prinzipien der Egogesellschaft. “Man rettet quasi nur statistisch Leben”, schrieb der britische Epidemiologe Geoffrey Rose, der den Begriff des Präventivparadoxons prägte. Das sei in unserer “Kultur des Individualismus” weniger spektakulär, als heldenhaft einen einzelnen Menschen zu retten. “Sicherheit verkauft sich schlecht”, sagte der damalige Volkswagen-Chef Kurt Lotz 1970. Es ging um die Gurtpflicht.

Ein “Tanz mit dem Tiger”

Kritiker des Lockdowns führen ins Feld, dass die Reproduktionsrate laut einer im Netz weit verbreiteten Grafik des Robert-Koch-Instituts schon vor dem Kontaktverbot ab dem 23. März etwa beim Wert 1 lag. Sie argumentieren: Wenn der Lockdown so wirkungsvoll war, hätte der Wert ja noch weiter sinken müssen. Er blieb jedoch praktisch konstant. Doch Fachleute widersprechen energisch: Schon minimale Schwankungen im Zehntelbereich der R-Zahl können das deutsche Gesundheitssystem schnell an die Belastungsgrenze bringen. Die R-Zahl lässt sich nur rückwirkend ermitteln. Und der Kampf gegen Corona begann ja nicht erst mit dem Lockdown. Großveranstaltungen etwa waren schon vorher verboten, Kinos, Schwimmbäder, Bars und Museen geschlossen – auch dadurch dürfte die Zahl bereits gesunken sein.

“Vorbild Schweden – keine Schäden”: Teilnehmer einer Demonstration gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Politik am Rand der Theresienwiesen in München. © Quelle: Felix Hörhager/dpa

Und Schweden? Zeigt der Sonderweg der Skandinavier nicht, dass sich Corona auch ohne Radikalmaßnahmen bekämpfen lässt? Das kommt darauf an, welche Daten man bemüht. Im April verzeichnete Schweden die höchste Todesrate seit 20 Jahren. Die Zahl der Sterbefälle liegt gemessen an der Gesamtbevölkerung deutlich über der in Deutschland. Jede Lockerung sei ein “Tanz mit dem Tiger”, sagt Drosten, der wie Greta Thunberg zur Reibungsfigur in einem ideologischen Konflikt geworden ist.

Für die politische Kommunikation ist eine ausbleibende Katastrophe fast schwieriger als eine Katastrophe. Ohne sichtbare Schäden fehlen die Argumente. Fast scheint es, als sei die deutsche Politik Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Möglich, dass es niemals eine zweite Welle geben wird wie bei der Spanischen Grippe vor 100 Jahren. Aber: “Wenn wir alle jetzt weiter so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben”, warnte der RKI-Vizepräsident Lars Schaade. Die Frage, ob Deutschland recht gehabt hat oder einfach Glück, wird wohl unbeantwortet bleiben. Es ist noch so eine Corona-Nebenwirkung, die die Gesellschaft aushalten muss. Es ist noch nicht vorbei.




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