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  • Niederlande: Proteste gegen Corona-Regeln – Rettungssanitäter attackiert, Politik ratlos

Randale wegen Corona-Maßnahmen in Niederlanden: „Hat nichts mehr mit Demonstrieren zu tun“

  • Wegen der Proteste gegen die Corona-Regeln liegen die Nerven in den Niederlanden blank.
  • Sogar Rettungssanitäter werden von Demonstranten angegriffen.
  • Die Politik wirkt ratlos.
Helmut Hetzel
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Den Haag. Die Proteste gegen die geplante Verschärfung der Corona-Regeln in den Niederlanden gehen weiter. Nach den schweren gewalttätigen Ausschreitungen in Rotterdam und in der Regierungsmetropole Den Haag protestierten Menschen am vergangenen Samstag und Sonntag am dritten Tag in Folge auch in Amsterdam, in Eindhoven, in Urk, in Katwijk, in Roermond, in Enschede, in Tilburg und in Rosendaal gegen die geplante Einführung der 2G-Regelung – Zutritt nur noch für Geimpfte oder Genesene.

Besonders heftig war die Randale im Haager Stadtteil Schilderwijk. Auch hier brannten Autos. Es explodierten Feuerwerkskörper. Es flogen Steine und Flaschen. Ziele: Polizisten und Feuerwehrleute. Aber auch Sanitäter und Ärzte, die Verletzten helfen wollten.

Steine beschädigen Rettungswagen

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Steine zertrümmerten in der „Schilderwijk“ die Scheiben eines Rettungswagens. Glücklicherweise wurden der darin transportierte Patient und der Fahrer des Sanitätswagens nicht verletzt. Die Polizei nahm landesweit mehr als 50 Personen fest.

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„Es reicht uns. Das kann nicht so weitergehen“, sagt Jan Hoefnagel, Vorsitzender der Sanitätervereinigung „Verpleegkundigen & Verzorgenden Nederland.“ „Wegen der Pandemie haben wir nicht mehr die Kapazitäten, den Menschen sofort helfen zu können, wenn sie Hilfe brauchen.“

Jan Struijs, der Vorsitzende des niederländischen Polizeiverbandes „Nederlandse Politiebond NPB“, ist empört: „Wir sind an der Grenze. Von unseren Polizisten wird das Äußerste abverlangt. Die Demonstranten werden immer gewalttätiger und brutaler.“ In Rotterdam schossen zwei Polizisten sogar gezielt auf Hooligans unter den Demonstranten und verletzten diese, allerdings nicht lebensgefährlich, wie es offiziell heißt.

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Politik wirkt ratlos

Die Politik wirkt ratlos. Am Montagmittag meldete sich Premierminister Mark Rutte zu Wort und sagte: „Bleibt so weit wie möglich zuhause. Lasst euch testen, wenn ihr Symptome habt. Haltet euch an die Basisregeln.“ Er drohte, dass schärfere Corona-Regeln kommen werden, falls die Zahl der Infektionen in den kommenden Tagen nicht sinken sollte. In den Niederlanden gilt ein „Lockdown light“. So muss beispielweise die Gastronomie um 20.00 Uhr schließen.

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Zur Randale äußerte sich Justizminister Ferdinand Grapperhaus. Er verurteilte die gewalttätigen Demonstration in Rotterdam, Den Haag und anderswo scharf. Er nannte sie „schlicht kriminelles Verhalten. Das hat nichts mehr mit Demonstrieren zu tun“, so Grapperhaus. Er kündigte ein härteres Vorgehen der Polizeispezialtruppe „Mobiele Eenheid ME“ an. Aber hilft das, die Gewaltwelle, die derzeit durch die Niederlande schwappt, einzudämmen? Kann das die Antwort der Politik gegenüber den Randalierenden sein?

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Gewaltsame Proteste gegen Corona-Beschränkungen
1:43 min
In Belgien und den Niederlanden kam es am Wochenende zu Ausschreitungen.  © Reuters

Viele Niederländer fragen sich: Warum richtet sich Premierminister Mark Rutte in einer TV-Ansprache nicht an die Nation? Oder noch besser: König Willem-Alexander sollte in einer TV-Ansprache die Corona-Rowdies zum Gewaltverzicht aufrufen.

Regierung ist gelähmt

Aber Mark Rutte und die von ihm geführte christlich-liberale Regierung sind gelähmt. Rutte und sein Kabinett regieren nur noch geschäftsführend. Die Regierung hat ihre Autorität weitgehend verloren. Die politische Lage in den Niederlanden ist seit den Wahlen vom 17. März noch komplizierter geworden, als sie es ohnehin schon war. 18 Parteien sind nun im 150 Abgeordnete zählenden Haager Parlament vertreten.

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Bisher ist es Rutte und der von ihm geführten rechtsliberalen VVD, die die Wahl vom März klar gewonnen hat, nicht gelungen, mit mindestens drei weiteren Koalitionspartnern eine neue Regierung zu bilden. Dieses politische Vakuum ist Wasser auf die Mühlen der Impfgegner, Querdenker und Verschwörungstheoretiker. Es ist einer der Gründe dafür, dass die Corona-Kritiker, die Impfgegner, die Fußball-Hooligans nun auf die Straße gehen und ihrer Wut gegen die geplanten neuen Corona-Regeln, die am 3. Dezember verkündet werden sollen, freien Lauf lassen.

Die große Mehrheit der Niederländer verurteilt die Gewaltorgien auf den Straßen, wie sie sich in Rotterdam und in Den Haag ereignet haben. Viele Niederländer nennen die Corona-Randalierer „Abschaum“ und „Idioten.“ Viele sind wütend darüber, dass diese Rowdies Schäden in Millionenhöhe anrichten. „Hände weg von meinem Eigentum“, sagt eine empörte Rotterdamerin im NOS-TV. „Niemand hat das Recht, mein Auto anzuzünden.“

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Corona-Krawalle: Proteste in den Niederlanden und Deutschland
2:08 min
In mehreren europäischen Ländern sind auch am Samstag Menschen auf die Straße gegangen, um gegen eine mögliche Impfpflicht zu demonstrieren.  © Reuters

Öl ins lodernde Feuer gießt der Rechtspopulist Thierry Baudet, der Chef des „Forums für Demokratie“ (FvD). Baudet hat sich in die Schar der Verschwörungstheoretiker und Querdenker eingereiht. Der 38‑jährige Baudet, ein promovierter Jurist, Doktorarbeit zum Thema: „Die Bedeutung des Nationalstaates“, ruft regelmäßig zum Widerstand gegen die von der Regierung erlassenen Corona-Maßnahmen auf. Und: Baudet und das von ihm geführte Forum FvD fallen auch immer wieder durch antisemitische Aussagen ihrer Mitglieder auf.

Jüdische Organisationen kritisieren Vergleiche

Heftige Kritik seitens jüdischer Organisationen in den Niederlanden trifft die regelmäßige Bezeichnung der nicht Geimpften als „die Juden unserer Zeit“, die Baudet nicht scheut.

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„Die Hinterbänkler des Forums, meist gepamperte junge Millennials, wollen nur noch ihre Taschen füllen, Häuser und Autos kaufen. Ihre Rhetorik ist zynisch und nihilistisch. Ich nenne das: Meta-Faschismus. Sie wollen mit ihrem extremistischen Kurs einfach nur Geld verdienen“, schreibt Sander Schimmelpenninck in der Zeitung „de Volkskrant“ über Baudet und dessen Forum FvD. Das Forum trägt mit seinen nationalistischen Parolen und Corona-Sprüchen mit zur zunehmenden Polarisierung und Spaltung der niederländischen Gesellschaft bei – in Impfgegner und Impfbefürworter.

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