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Amy Gutmann – Joe Bidens Vertraute am Brandenburger Tor

Die jüdisch-deutsche Geschichte als Mahnung: Amy Gutmann bei ihrer Anhörung im Senat im Dezember 2021.

Washington. Es ist schon eine Weile her, dass in der wuchtigen amerikanischen Vertretung unweit des Brandenburger Tors ein echter Botschafter residierte. Der letzte Amtsinhaber Richard Grenell agierte eher wie Donald Trumps Statthalter in einer Kolonie. Als der Ex-Fox-News-Moderator im Juni 2020 Berlin verließ, hielt sich der Abschiedsschmerz auf beiden Seiten in engen Grenzen. Seither ist der Topposten bei einer der wichtigsten diplomatischen Missionen der USA verwaist.

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Das dürfte sich bald ändern. Nach einer monatelangen Hängepartie mit zahlreichen republikanischen Blockaden und Querschüssen hat der Senat am Mittwochabend (Ortszeit) das Berufungsverfahren für Joe Bidens Kandidatin Amy Gutmann abgeschlossen. Sieben Republikaner stimmten mit den Demokraten dafür. Damit ist der Weg frei für die Bestätigung der 72‑Jährigen. Die endgültige Abstimmung in der Parlamentskammer wird in den nächsten Tagen erwartet.

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Mit Gutmann kommt eine Vertraute des amerikanischen Präsidenten nach Deutschland, die sich in Herkunft, Habitus und Weltbild stark von ihrem Vorgänger Grenell unterscheidet. Die derzeitige Präsidentin der Eliteuniversität von Pennsylvania hat deutsch-jüdische Wurzeln, wurde als Politikwissenschaftlerin mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und hat schon vor zehn Jahren ein Buch mit dem vielsagenden Titel: „Der Geist des Kompromisses – warum er zum Regieren nötig ist und Wahlkämpfe ihn untergraben“ geschrieben.

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„Sie hat meinen Verstand gerettet“, sagt Biden über seine Kandidatin

Das deckt sich auffällig mit den Überzeugungen des Präsidenten, der angetreten ist, das zerrissene Amerika zu einen und die beschädigten Beziehungen zu den Verbündeten wiederzubeleben. Biden, der privat wenige Kilometer jenseits der Landesgrenze von Pennsylvania in Wilmington (Delaware) lebt, und Gutmann kennen sich seit Langem.

Die Uniprofessorin habe ihm während der schwierigen Zeit nach dem Tod seines Sohnes Beau im Jahr 2015 beigestanden und „meinen Verstand gerettet“, hat Biden einmal gesagt. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Vizepräsident der USA berief Gutmann den Politiker auf eine Ehrenprofessur, mit der dieser insgesamt 900.000 Dollar verdiente.

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Im Senat gab es vereinzelt Kritik an dieser persönlichen Verbindung. Doch ist die Berufung von Parteifreunden und Spendern auf Botschafterposten in den USA nicht ungewöhnlich, sondern eher die Regel. Gutmanns Bestätigung verzögerte sich nach ihrer Berufung im Sommer 2021 aus ganz anderen Gründen.

Zunächst blockierte der republikanische Krawallsenator Ted Cruz diese und andere Personalien als öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die Ostseepipeline Nord Stream 2. Dann skandalisierte Jim Risch, der führende Außenpolitiker der Republikaner, dass die Penn-Universität 86 Millionen Dollar an Schenkungen und Aufträgen aus China erhielt. Risch machte aber zugleich klar, dass er Gutmann als Botschafterin unterstützen werde: „Sie ist sicherlich qualifiziert. Sie blickt auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück.“

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Ein akademischer Lebenslauf ohne Makel

Der akademische Lebenslauf der Diplomatin ist in der Tat makellos: Nach einem Studium an der London School of Economics promovierte sie 1976 an der Topuniversität Harvard. 2004 wurde sie als Präsidentin an die Universität von Philadelphia berufen, die ebenfalls zur Spitzenriege der US‑Hochschulen gehört. Gutmann beschäftigte sich vor allem mit den Schnittstellen zwischen politischer Theorie und Praxis. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben und wurde 2018 vom Magazin „Fortune“ als eine der 50 größten Führungspersönlichkeiten der Welt genannt.

Zu ihrem neuen Einsatzort hat Gutmann eine sehr persönliche Beziehung: Ihr Vater Kurt musste als orthodoxer Jude 1934 aus dem mittelfränkischen Feuchtwangen fliehen. Weil ihm die USA das Asyl verweigerten, ging er zunächst nach Indien und baute dort eine Metallfabrik auf. Bei einer Reise nach New York nach dem Krieg lernte er dort seine künftige Frau Beatrice kennen. Er zog nach Brooklyn, wo ein Jahr später Amy Gutmann geboren wurde.

Ihr 1966 verstorbener Vater sei „ein Vorbild an Courage und Integrität“ gewesen, sagt die Politikwissenschaftlerin heute. Die Lehren aus dem Nationalsozialismus beschäftigten Gutmann auch bei ihrer Arbeit: 2012 holte sie eines der weltgrößten Holocaustarchive an die Universität nach Philadelphia. Bei ihrer Anhörung im Senat im vorigen Dezember erklärte sie: „Mein Vater hat mir beigebracht, was es heißt, als Amerikaner Führungsverantwortung zu tragen: Niemals vergessen, und immer aufstehen gegen Antisemitismus, Rassismus und alle Formen von Hass, Fanatismus und Diskriminierung.“

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