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Westsahara: Sahrauis fordern Land von Marokko zurück – ein neuer Krieg droht

  • Seit Jahrzehnten fordern die Sahrauis in der Westsahara den von Marokko besetzten Teil ihres Landes zurück.
  • Es ist ein Konflikt, um den die Welt sich eigentlich schon gar nicht mehr kümmern wollte.
  • Doch gerade in dieser Ignoranz lag der Fehler: Inzwischen droht ein neuer Krieg. Unser Autor war zu Gast bei den Sahrauis.
York Schaefer
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Darak Abdelfatah kniet im steinigen Wüstensand, die flirrende Mittagshitze umweht ihre blau-weiße Melfa, das traditionelle Kleid der Frauen der Westsahara. Es ist ein Moment der inneren Stille für die 27-jährige Freiheitskämpferin aus dem Volk der Sahrauis.

Ihr Blick richtet sich auf einen etwa 100 Meter entfernten und drei Meter hohen Sandwall mit militärischen Unterständen und Geschützbunkern. Die Gedanken der jungen Frau schweifen über das Bollwerk hinaus – in die Westsahara, ein Land am Atlantik südlich von Marokko, das sie selbst noch nie von innen gesehen hat und von dem sie trotzdem wie so viele ihrer sahrauischen Landsleute immer noch als zukünftige Heimat träumt.

Heimat? Ein lebloses Niemandsland

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Ein 2700 Kilometer langer Wall trennt seit bald 40 Jahren das Gebiet der Westsahara in zwei Teile: den seit 1975 nach Abzug der Kolonialmacht Spanien von Marokko besetzten Westen am Atlantik mit seinen Städten, reichen Fischgründen und Rohstoffvorkommen sowie den von der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario gehaltenen, schmalen und weitgehend unbewohnten Wüstenstreifen im Osten. Etwa 50 Kilometer davon entfernt, im Südwesten Algeriens, liegen die Flüchtlingslager, in die die Sahrauis während des Krieges zwischen Marokko und der Polisario geflohen sind.

Darak Abdelfatah gehört der Jugendorganisation der Polisario an, sie kam in einem der Lager zur Welt und ist dort aufgewachsen. Heimat? Das heißt für sie und die etwa 176.000 Menschen dort ein Leben in einem unwirtlichen Niemandsland aus Sand, Hitze und Perspektivlosigkeit.

Hammada du Draa wird die Wüste hier genannt, was im Arabischen leblos oder erstarrt bedeutet. Es ist eine Bezeichnung, die man symbolisch lesen kann für den jahrzehntelangen Stillstand beim Kampf der Sahrauis für ihr Recht auf Selbstbestimmung.

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Der Rest der Welt hat eigentlich kein Interesse mehr an diesem Konflikt. Nach 16 Jahren Krieg vermittelten die UN zwar 1991 einen Waffenstillstand und versprachen den Sahrauis ein Referendum über den völkerrechtlichen Status der Westsahara: Soll das Land ein eigenständiger Staat sein? Oder ein Teil von Marokko, vielleicht mit gewissen Autonomieregelungen?

Am 13. November 2020 fielen wieder Schüsse

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Die Abstimmung hat bis heute nicht stattgefunden. Zu stark sind die hegemonialen und wirtschaftlichen Interessen Marokkos – und auch die der Europäischen Union. In den Kalkulationen der regionalen Mächte geht es nicht um die Heimat für ein entwurzeltes Wüstenvolk und um seine Identität. Es geht um Phosphat, Fisch und den energetischen Wert der Wüstensonne.

In mehrere Schritten hat Marokko seine Macht entlang der Küste ausgedehnt. Die Sahrauis sind zurückgedrängt in den Raum zwischen den besetzten Gebieten und Mauretanien. © Quelle: Wikipedia

Am 13. November des vergangenen Jahres attackierten marokkanische Soldaten in der entmilitarisierten Pufferzone zwischen den besetzten Gebieten und Mauretanien sahrauische Zivilisten, die dort eine illegal von Marokko ausgebaute Handelsstraße blockiert hatten. Die Polisario erklärte daraufhin den Waffenstillstand für beendet.

Die Idee eines erneuten Waffengangs schwelt schon lange vor allem unter den jüngeren Sahrauis, die nur institutionalisiertes Elend und die Abhängigkeit von internationaler Hilfe kennen.

Khatri Addouh, Jahrgang 1954 und bis vor Kurzem Präsident des Sahrauischen Nationalrates, glaubt nicht mehr an die Vermittlung der UN. Er redet recht unverblümt vom „Kampf auf juristischer, politischer und militärischer Ebene“. Die Polisario müsse sich Vorwürfe der Jugend gefallen lassen, zu viel Zeit mit Verhandlungen verloren zu haben, sagt der Politiker beim Gespräch in einem kargen Verwaltungsgebäude im Lager Rabouni. „Wir kennen das Leid des Krieges. Trotzdem haben wir das Recht, zu den Waffen zu greifen“, betont Addouh.

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Er hat die Hoffnung auf eine politische Lösung verloren: Khatri Addouh, bis vor Kurzem Präsident des Sahrauischen Nationalrats. © Quelle: Polisario

So wie es die Sahrauis jetzt getan haben. Wohl weniger, um den militärisch aussichtslosen Kampf gegen Marokko zu gewinnen, als mit dem Ziel, wieder internationale Aufmerksamkeit zu bekommen für ihren vergessenen Kampf um Selbstbestimmung.

In den sahrauischen Camps auf algerischem Boden ziehen sich hügelige Sandpisten durch die Siedlungen aus schlichten Lehmhäusern. Einige Familien des ehemaligen Nomadenvolkes haben daneben ihre traditionellen Zelte aufgebaut. Am Rand der Lager, die inzwischen durch befestigte Straßen miteinander verbunden sind, führt der Blick in eine schattenlose Ödnis aus Sand und Geröll, unterbrochen von Ziegengehegen aus rostigem Draht, Autowracks und vermüllten Flächen.

90 Prozent können lesen und schreiben

Trotz dieser trostlosen Situation ist das Leben in den insgesamt fünf Lagern recht gut organisiert. Es gibt eine basisdemokratische Selbstverwaltung, die Verfassung der 1976 in den befreiten Gebieten der Westsahara gegründeten Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) garantiert freie Wahlen und Gewaltenteilung. Seit Gründung der Lager, in denen heute jeweils zwischen 30.000 und 45.000 Menschen leben, standen vor allem Bildung und Gesundheitsversorgung im Mittelpunkt. Organisiert wurde das Leben hauptsächlich von den Frauen, die Männer waren im Krieg gegen Marokko.

Bildung ist das Gut, auf das die Sahrauis bis heute setzen. Weit über 90 Prozent der Menschen können laut Polisario lesen und schreiben. Nach der Grundschule in den Camps gehen viele Kinder auf Internate in Algerien, das mit seinem Engagement für die Sahrauis auch einen Gegenpol zum starken Einfluss Marokkos im Nordwesten Afrikas setzen will. Algerien unterstützte die Polisario während des Krieges mit Waffen und militärischer Ausbildung. Heute hilft es den Sahrauis mit Schulplätzen und Universitätsstipendien sowie Lieferungen von Lebensmitteln, Gas und Medikamenten.

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An algerischen Universitäten sind aktuell an die 3000 sahrauische Studierende eingeschrieben. Zwischen 500 und 600 sollen es in Europa sein, vor allem in Spanien. Dort lebt mit etwa 10.000 Menschen auch die weitaus größte sahrauische Community außerhalb der Flüchtlingslager.

Starke Frauen, die bleiben wollen

Auch Darak Abdelfatah hat in Algerien studiert, zurzeit macht sie ihren Doktor in politischer Kommunikation an der panafrikanischen Universität in der algerischen Stadt Tlemcen. Wie viele ihrer jungen Landsleute ist sie nach der Ausbildung in die Lager zurückgekehrt. In Algerien zu bleiben oder nach Europa zu gehen, ist für sie keine Lösung. Im Gegenteil: „Das hielte ich für schlechtes Benehmen“, sagt die hagere Aktivistin mit rigidem Kadergeist. „In Europa wäre ich nur ein Flüchtling.“

Abdelfatah will auch Vorbild sein für die sahrauische Gesellschaft. Natürlich sei es der Traum vieler ihrer Landsleute zu emigrieren, sagt sie. „Aber das kann nicht die Lösung sein. Wer kämpft dann für unsere Sache?“

Der politische Kampf im Exil und das unentgeltliche gesellschaftliche Engagement in Institutionen des Staates sind für Sahrauis wie sie zur Sinngebung für ein Leben im Wartestand geworden. So wie auch die Lager trotz der widrigen Lebensumstände längst Orte der sozialen und politischen Zugehörigkeit sind. Es gibt Sahrauis mit spanischer Aufenthaltsgenehmigung oder Staatsangehörigkeit, die in die Lager zurückgekehrt sind, viele pendeln zwischen Spanien und den Flüchtlingscamps. Allein aus Spanien sollen sich mit Beginn der Angriffe auf die Mauer bis zu 2000 Sahrauis auf den Weg gemacht haben, um zu kämpfen.

Die sahrauische Gesellschaft bewegt sich zwischen einem auf Dauer angelegten Leben im Lager und dem für die Polisario unverrückbaren Ziel der Befreiung und der Rückkehr in die Heimat. Der sahrauische Agraringenieur Taleb Brahim zum Beispiel nutzt seine Kenntnisse für eine zumindest kleine Verbesserung der Lebenssituation. Er hat eine Hydrokultur entwickelt, bei der Pflanzen wie Tomaten oder Paprika in einem Wasserbehälter wurzeln und dafür keine Erde benötigen. Einige Hundert Familien lassen sich so versorgen. Trotzdem sieht Brahim seine Initiative nicht als Lösung für ein dauerhaftes Leben in den Camps. „Die Menschen werden ihre Gärten nicht mitnehmen, sondern die Idee, das Wissen. Die Lager sind nicht unsere Heimat“, betont der 50-Jährige.

Der Zusammenhalt droht zu bröckeln

In vielen öffentlichen Gebäuden hängt ein Porträtfoto von Al-Wali Mustafa Sayyid, dem 1976 zu Beginn des Krieges gegen Marokko gefallenen Mitbegründer der Polisario – bis heute ein Volksheld für die Sahrauis: ein jung gestorbener Märtyrer, fester Blick, volles schwarzes Haar, Typus klassischer Freiheitskämpfer à la Che Guevara. Aber eben auch ein Symbol für die seit Jahrzehnten unveränderte Rhetorik des Befreiungskampfes der Polisario.

Allerdings gibt es auch moderatere Töne unter den Flüchtlingen, von denen zwei Drittel unter 25 Jahre alt sind und in den Camps geboren wurden. „Der Krieg hat uns keine Lösung gebracht“, sagte Abida Mohamed Buzeid bei einem früheren Besuch in den Lagern. Die 33-Jährige hat in Algier Biochemie studiert, spricht vier Sprachen und könnte wie auch Darak Abdelfatah im Ausland arbeiten. Stattdessen ist sie schon vor vielen Jahren in die Lager zurückgekehrt und hat inzwischen selbst eine Tochter. Heute arbeitet Buzeid für das Außenministerium der DARS.

„Der Krieg hat uns keine Lösung gebracht“: Abida Mohamed Buzeid arbeitet im Außenministerium der "Demokratischen Arabischen Republik Sahara" (DARS) – die nur von rund 50 der gegenwärtig 193 in den Vereinten Nationen repräsentierten Staaten anerkannt wird. © Quelle: York Schaefer

Dass es tatsächlich zu einem neuen Krieg der Polisario gegen Marokko kommen würde, galt lange Zeit als sehr unwahrscheinlich. Algerien gewährt den Sahrauis einen Autonomiestatus auf seinem Staatsgebiet. Das politisch unsichere Land dürfte kaum Interesse an einer weiteren Destabilisierung der Region haben, die in den vergangenen Jahren immer wieder unter den Attacken von islamistischen Terrormilizen zu leiden hatte. Auch junge Sahrauis aus den Flüchtlingslagern hatten sich in der Vergangenheit vereinzelt islamistischen Gruppen angeschlossen. Mit dem Gedankengut bekannt gemacht wurden sie in dortigen Koranschulen.

Der Zusammenhalt in der sahrauischen Gesellschaft droht durch das jahrzehntelange, zermürbende Warten zu bröckeln, besonders unter den jüngeren Leuten. „Wir beobachten eine mangelnde Motivation, sich zu bilden“, sagt Mariem Sadik, die Bürgermeisterin im Lager Ausserd. Eine Entwicklung, die nicht verwundert, betrachtet man die fast 80 Prozent der gut ausgebildeten jungen Sahrauis, die keine Arbeit haben oder nur einen Hungerlohn verdienen. „Die jungen Leute fragen sich, warum sie zur Schule oder zur Uni gehen sollen, um dann als Bauarbeiter oder Taxifahrer zu arbeiten“, gibt Sadik zu bedenken.

Bis heute sind die Bewohner der Flüchtlingslager von Hilfe abhängig, während Marokko und internationale Unternehmen in den besetzten Gebieten ihre natürlichen Ressourcen wie Phosphat und Fisch ausbeuten. Während es in den Achtzigerjahren nur sehr wenige Geschäfte für Waren des täglichen Bedarfs in den Camps gab, hat sich dort mittlerweile eine überschaubare Privatwirtschaft mit kleinen Lebensmittelgeschäften, Kamelfleischereien, Friseuren, Restaurants und Autowerkstätten etabliert. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie war der Taxiservice zwischen den Lagern und in die nahe gelegene algerische Stadt Tindouf ein florierendes Geschäft. Inzwischen gibt es sogar einen Pizzabringdienst, den eine junge Sahraui betreibt. An den Tankstellen unter freiem Himmel wird der Sprit aus aufgebockten Metallfässern abgezapft.

Nur 12 Prozent können sich selbst ernähren

Eine wirklich autarke Wirtschaft aber gibt es in den Flüchtlingscamps nach wie vor nicht. Die Versorgung mit Lebensmitteln läuft über das World Food Program, Gelder kommen von internationalen NGOs, der EU und UN-Institutionen sowie im privaten Sektor durch Geldtransfers vor allem aus der spanischen Diaspora. Gut zwei Drittel der Bewohner sind auf Hilfe angewiesen. Überall in den Lagern stehen leere oder umfunktionierte Container, teilweise aufgetürmt wie riesige Mahnmale an die Abhängigkeit von internationaler Hilfe.

Nur 12 Prozent der sahrauischen Flüchtlinge haben laut dem World Food Program genug Geld, um sich ausreichend zu ernähren. Und die finanzielle Hilfe wird ständig weniger. Mit den aktuell noch 77 Millionen US-Dollar pro Jahr kann laut dem Sahrauischen Roten Halbmond kaum die Hälfte der Bedürfnisse der Bevölkerung gedeckt werden.

Rückfahrt im ruckelnden Geländewagen von der Mauer, die Darak Abdelfatah von ihrer Heimat trennt: Die Aktivistin ist im Stress, es müssen frühere Rückflüge für Dutzende ausländische Besucher noch in derselben Nacht organisiert werden. Das Coronavirus bedroht auch die Lager der Sahrauis. Die junge Aktivistin wirft einen Blick in die Zukunft, der sich einige Monate später als wahr erweisen wird: „Wenn unser Recht auf Selbstbestimmung weiter ignoriert wird, bin ich nicht sicher, ob wir den Weg des friedlichen Widerstandes weitergehen können. Ich denke, wenn in den nächsten Jahren nichts passiert, sind wir mit unserer Geduld am Ende.“ Abdelfatahs Stimme wird eindringlicher, sie übertönt das dröhnende Fahrgeräusch.

Einige Tage später wurden die Grenzen nach Algerien und Mauretanien wegen des Coronavirus geschlossen und Bewegungen zwischen den Flüchtlingslagern untersagt. Die Sahrauis begaben sich in die innere Isolation. Das Gefühl, von der Welt verlassen zu sein, kennen sie schon lange.

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