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Raketenbeschuss ohne Ende – Netanjahu kündigt Fortsetzung der Angriffe auf Hamas an

  • Die Militäroperation im Gazastreifen werde mit „voller Kraft“ fortgesetzt, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Fernsehansprache.
  • Die radikalislamische Organisation Hamas müsse einen hohen Preis für die Raketenangriffe auf Israel zahlen.
  • Kritik wegen des Luftangriffs auf ein Hochhaus mit Medienbüros im Gazastreifen hat er zurückgewiesen: „Wir tun unser Bestes, um zivile Opfer zu vermeiden.“
2:08 min
Im Nahen Osten gehen die Kämpfe zwischen militante Palästinensern und dem israelischen Militär mit unverminderter Härte den achten Tag infolge weiter. Die israelische Luftwaffe flog erneut Angriffe auf den Gazastreifen und die radikal-islamische Hamas feuerte weitere Raketen auf israelisches Territorium.  © Reuters
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Jerusalem. Israel wird nach den Worten von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seine Angriffe auf Hamas-Strukturen im Gazastreifen trotz internationaler Bemühungen um eine Waffenruhe fortsetzen.

In einer Fernsehansprache am Sonntagabend erklärte Netanjahu, die Militäroperation werde mit „voller Kraft“ weitergehen, weil die radikalislamische Organisation für die von ihr zu verantwortenden Raketenangriffe auf Israel „einen hohen Preis“ zahlen müsse. Das werde einige Zeit dauern.

Auch in der Nacht auf Montag griff Israels Militär nach eigenen Angaben großflächig Ziele in dem Küstengebiet an. So beschoss die Armee Häuser von neun hochrangigen Hamas-Kommandeuren. Einige seien auch als Waffenlager genutzt worden, hieß es. Aus Gaza flogen Raketen auf angrenzende Gebiete in Israel.

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Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben erneut das Tunnelsystem der islamistischen Hamas im Gazastreifen angegriffen. 54 Kampfflugzeuge hätten rund 35 Ziele im Laufe der Nacht beschossen, teilte die Armee am Montagmorgen mit.

Tunnelnetz angegriffen

Dabei seien etwa 15 Kilometer des sogenannten Metro-Systems attackiert worden. Es handelte sich demnach um die dritte Angriffswelle, die gegen das Tunnelnetz gerichtet war.

Nach Angaben der Armee hatte die Hamas das System über Jahre aufgebaut. Es dient unter anderem dem Schutz von Kämpfern und deren schneller Verlegung. Die „Metro“ liegt zu großen Teilen unter der Stadt Gaza im Norden des Gazastreifens. Ein Sprecher bezeichnete sie als „Stadt unter der Stadt“.

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Die seit dem 10. Mai andauernden Gefechte mit Raketensalven seitens der Palästinenser und Luftangriffen der Israelis sind die schwersten seit dem Gaza-Krieg 2014. Allein am Sonntag kamen nach Angaben palästinensischer Rettungsdienste mindestens 42 Menschen in der dicht besiedelten Innenstadt ums Leben, als israelische Luftangriffe kurz nach Mitternacht drei Gebäude zerstörten.

Die Zahl der Toten auf palästinensischer Seite stieg damit auf mindestens 200, darunter 55 Kinder und 33 Frauen. 1230 Menschen wurden verletzt. In Israel wurden von Raketen militanter Palästinensergruppen acht Menschen getötet, darunter ein fünfjähriger Junge.

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Nahostkonflikt: Kein Anzeichen für Ende der Gewalt
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Im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern gibt es kein Anzeichen für ein Ende der Gewalt.  © Reuters

Angesichts der zunehmenden Gewalt mit vielen Toten beriet sich US-Außenminister Antony Blinken am Sonntag mit seinem saudischen Amtskollegen Faisal bin Farhan al-Saud. Nach Angaben des US-Außenministeriums ging es dabei vor allem um die fortlaufenden Bemühungen, die Spannungen in Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen abzubauen und die Gewalt zu beenden.

Die Versuche internationaler Vermittler, eine Waffenruhe zu erzielen, blieben bislang erfolglos. UN-Generalsekretär António Guterres warnte bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York vor unkontrollierbaren Folgen des Konflikts für den gesamten Nahen Osten.

Das israelische Militär hat erklärt, es nehme Ziele in dem von zwei Millionen Menschen bewohnten Küstenstreifen ins Visier, die zur „terroristischen Infrastruktur“ der Hamas gehörten. Bei einem Luftangriff mit vorheriger Warnung wurde am Samstag ein Hochhaus eingeebnet, in dem sich Büros der Nachrichtenagentur AP und anderer Medien befanden. Durch die Vorwarnung konnte das Gebäude rechtzeitig geräumt werden, so dass es keine Toten und Verletzten gab.

Netanjahu weist Kritik zurück

Netanjahu hat Kritik wegen des Luftangriffs das Hochhaus mit Medienbüros im Gazastreifen zurückgewiesen. In dem Gebäude sei „ein Geheimdienstbüro der palästinensischen Terrororganisation“ Hamas untergebracht gewesen, das Angriffe auf israelische Zivilisten organisiert habe, sagte Netanjahu dem US-Sender CBS am Sonntag.

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Es sei also „ein völlig legitimes Ziel“ gewesen. Anwesende in dem Gebäude seien von Israel vorgewarnt worden. Netanjahu warf der Hamas vor, Zivilisten im Gazastreifen als „menschliche Schutzschilde“ zu missbrauchen. „Wir tun unser Bestes, um zivile Opfer zu vermeiden.“ Das Gebäude war am Samstagnachmittag zerstört worden.

Netanjahu wies Vorwürfe zurück, wonach Israel bei den Angriffen im Gazastreifen Kinder nicht schütze. „Das ist einfach falsch“, sagte er. „Der Grund, warum wir diese Opfer haben, ist, weil die Hamas uns kriminellerweise aus zivilen Vierteln angreift, aus Schulen, aus Häusern, aus Bürogebäuden.“

Israel versuche, „mit großer Präzision“ gegen Hamas zurückzuschlagen. „Leider gibt es gelegentlich zivile Opfer, die wir bedauern.“ Netanjahu sagte, wenn die internationale Gemeinschaft Israel angreife, ermutige sie damit die Hamas und trage zur Eskalation des Konflikts bei.

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Weitere Kritik: Politische Interessen

Netanjahu verwahrte sich auch gegen Vorwürfe, dass er den Konflikt dazu nutze, um trotz Ermittlungen gegen seine Person im Amt zu bleiben. „Das ist absurd“, sagte der Ministerpräsident. Er würde die Sicherheit der Bürger niemals politischen Interessen unterordnen.

Eine neue Dimension waren Angriffe auf Häuser von Mitgliedern der politischen Führung der Hamas. Bis Samstag hatte Israel gezielt militärische Kader der Organisation angegriffen.

In der Nacht zu Sonntag griff das Militär die Häuser der Hamas-Politfunktionäre Jehijeh Sinwar und Chalil al-Hajeh an, wobei es als unwahrscheinlich galt, dass diese daheim waren. Sinwar gilt als der ranghöchste Hamas-Vertreter im Gazastreifen. Militärsprecher Hidai Silberman sagte im Armeeradio, auch das Haus von Sinwars Bruder sei zerstört worden.

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Israel bombardiert Haus von Hamas-Chef
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Der Fernsehsender der militanten Hamas meldete, israelische Kampfflugzeuge hätten das Haus des Chefs des politischen und militärischen Hamas-Flügels bombardiert  © Reuters

Ein ägyptischer Diplomat sagte, wenn Israel die politischen Führer der Hamas ins Visier nehme, erschwere das die Waffenstillstandsbemühungen. Falls es die Möglichkeiten der Hamas für Raketenangriffe auf Israel zerstören wolle, müsste es eine Bodenoffensive starten, die die ganze Region in Flammen setzen könnte.

Offenbar hat Israel seine Angriffe verstärkt, um der militant islamistischen Hamas so viele Verluste wie möglich zuzufügen, während internationale Vermittlungsversuche verstärkt werden. Ein ranghoher US-Diplomat ist in der Region, um zu versuchen, die Lage zu deeskalieren. Eine Sitzung des Weltsicherheitsrats war für Sonntag New Yorker Zeit angesetzt.

Die gewaltsame Konfrontation hatte im April mit Protesten von Palästinensern gegen die Taktik der israelischen Polizei im muslimischen Fastenmonat Ramadan und der drohenden Zwangsräumung palästinensischer Familien aus Häusern in einem Ostjerusalemer Viertel begonnen. Ein Brennpunkt der Zusammenstöße war die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, der sowohl Muslimen wie Juden heilig ist.

Am Montag vor einer Woche erklärte sich die in Gaza regierende Hamas zur Verteidigerin Jerusalems und begann, Raketen auf die Stadt abzufeuern. Bislang wurden nach israelischen Angaben fast 2900 Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel geschossen.

Von den palästinensischen Raketen sind nach israelischen Angaben 450 abgestürzt oder vom Kurs abgekommen. Die Raketenabwehr fing etwa 1150 ab. Das ist deutlich weniger als die von Israel zu Beginn des Schlagabtausches genannte Abfangquote von 90 Prozent. Auf eine Bitte um Stellungnahme reagierten die Streitkräfte zunächst nicht.

US-Präsident Joe Biden mahnte in einem Telefonat mit Netanjahu den Schutz von Journalisten an und telefonierte auch erstmals seit seinem Amtsantritt mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Die Gewalt im Nahen Osten müsse verringert werden, sagte Biden nach Angaben der amtlichen palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa. Intensive diplomatische Bemühungen der USA dazu seien im Gange.

RND/AP/dpa

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