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Nationalpreis für Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch

  • Die 94-jährige Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch erhält den Deutschen Nationalpreis für ihren Kampf gegen Antisemitismus.
  • Kurz nach Kriegsende zog sie nach London, wo sie bis heute lebt. Mit ihren Kindern sprach sie jahrzehntelang nicht über das Grauen.
  • Im Interview mit Lasker-Wallfisch und ihrer Tochter Maya geht es darum, wie die Geschichte weitergegeben werden kann.
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Berlin. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Zunahme von Antisemitismus in Deutschland verurteilt. „Mit dem wiederauflebenden Antisemitismus werden wir uns niemals abfinden“, sagte Steinmeier am Dienstag bei der Verleihung des Nationalpreises an die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch in Berlin.

„Eine historische Schuld kann nicht beglichen oder aufgerechnet werden, sie muss leiten in der Gegenwart“, sagte Steinmeier. Es gehe nicht darum, die Geschichte zu bewältigen, um zu einem „unverkrampften“ Verhältnis zur eigenen Nation zurückkehren zu können. „Verkrampft ist ein Verhältnis zur eigenen Nation, das die eigene Geschichte umschreiben muss zu einer makellosen Kette von Leistungen und Errungenschaften“, mahnte Steinmeier: „Wer glaubt, er brauche eine bereinigte Geschichtsschreibung als Ausweis der Größe der eigenen Nation, der ist ein Nationalist, aber kein Patriot.“

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Das Staatsoberhaupt dürfte damit auf die AfD angespielt haben. Die AfD hatte in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 von einer „Verengung“ der Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen und gefordert, sie mit „positiv identitätsstiftenden“ Aspekten „aufzubrechen“.

Antisemitische Straftaten hatten in den vergangenen Jahren in Deutschland konstant zugenommen. Die Preisträgerin Anita Lasker-Wallfisch äußerte sich nahezu resigniert. Der moderne, neue Antisemitismus sei leider noch immer der alte, sagte Lasker-Wallfisch. Nach dem Überleben des NS-Konzentrationslagers hätte sie nie geglaubt, dass Antisemitismus in diesen Jahren wieder in den Schlagzeilen stehe. „Im Kampf gegen Antisemitismus fühlt man sich wie eine Ameise, die den Mount Everest besteigen will - einfach machtlos“, sagte die 94-Jährige vor mehreren hundert Gästen der Preisverleihung.

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler (l) und der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begrüßen in der Französischen Friedrichstadtkirche Anita Lasker-Wallfisch beim Festakt zur Verleihung des Nationalpreises 2019. © Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

2018 hielt Lasker-Wallfisch die Holocaust-Gedenkrede im Bundestag. Zuvor hatte RND-Reporter Jan Sternberg sie und ihre Tochter Maya Wallfisch-Jacobs in London besucht. Wir dokumentieren das Gespräch über Heimat, Generationen und Erinnerung aus aktuellem Anlass.

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„Fragen waren verboten“: Maya Jacobs-Wallfisch im Gespräch mit ihrer Mutter in London.

Woher kommt dieser neue Antisemitismus in Deutschland, was glauben Sie?

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Anita Lasker-Wallfisch: Er war nie weg. Es gab immer Antisemitismus, das ist wie ein Virus. Nun trauen sich die Leute wieder raus.

Nach dem Krieg haben Sie alles Deutsche gehasst – und sogar, dass Sie als „deutsche Jüdin“ galten.

Anita: Ja, das hat alles verkompliziert. Wir waren Überlebende, und gleichzeitig waren wir feindliche Ausländer. Das war so irre. Deutsche zu sein war nach dem Krieg nicht besonders beliebt, um es vorsichtig auszudrücken.

Über Auschwitz schreiben Sie: „Keiner, der nicht dort war, kann sich vorstellen, wie groß unser Elend war.“

Anita: Das ist immer noch so.

„Jetzt lernen schon Grundschüler, was der Holocaust war. Ich finde das verrückt. Warum sollten fröhliche Kinder solche Geschichten in die Köpfe eingepflanzt bekommen?“: Anita Lasker-Wallfisch will junge Menschen schützen.
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Haben Sie deswegen Ihren Kindern so lange nichts davon erzählt?

Anita: Wir hatten einfach keine Zeit dafür. Und ich habe den Sinn darin nicht gesehen. Jetzt lernen schon Grundschüler, was der Holocaust war. Ich finde das verrückt. Warum sollten fröhliche Kinder solche Geschichten in die Köpfe eingepflanzt bekommen?

Maya Wallfisch-Jacobs: Aber ich wusste lange nicht, wo ich in dieser Welt hingehöre, weil ich keine Vergangenheit hatte. Keine Familiengeschichte, über die ihr gesprochen hättet. Man wird in dieses Leben geworfen und gehört nirgendwo hin. Keine Geschichte, keine Verwandten. Nichts Schönes, nichts Hässliches, nichts Schlimmes. Ganz viele Hinweise, dass du anders bist. Aber keine Erklärung dafür.

Was wussten Sie denn als Kind von Ihrer Mutter?

Maya: Dass sie anders war, weil sie ihre Telefonnummer auf ihrem Unterarm tätowiert hatte. So habe ich es jedenfalls gedacht. Dass sie sich anders kleidete als die meisten. Und dass sie einen komischen Akzent hatte. Mehr wusste ich nicht. Ich konnte nichts erklären. Meine Mutter hat die Deutschen und alles Deutsche lange gehasst. Ich wusste nichts damit anzufangen. Ich wusste nicht, warum du plötzlich außer dir warst, wenn auf der Straße ein BMW vorbeifuhr oder wenn jemand deutsch sprach. Ich wusste, dass da irgendwas war. Aber ich wusste auch, dass ich auf keinen Fall fragen durfte, was. Es war eine sehr schräge Normalität. Ein Status des Nichtwissens. Es gab Fotos meiner Großeltern, aber wir kannten ihre Namen nicht. Wir wussten nicht, wer diese Leute waren. Wir haben nie gefragt. Es war (spricht deutsch) verboten.

Vor einigen Jahren sind Sie das erste Mal nach dem Krieg wieder in Ihre Heimatstadt gefahren. Sie stammen aus Breslau, seit 1945 ist es polnisch und heißt Wroclaw. Wie war es für Sie?

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Anita: Diese Stadt hat nichts mehr mit mir zu tun. Ich habe keine sentimentalen Erinnerungen. Es ist eine fremde Stadt mit einem fremden Namen. Ich hatte große Mühe, irgendetwas wiederzuerkennen.

Maya: Meine Mutter wird nie sentimental, das müssen Sie wissen. Ich habe sie auf dieser Reise begleitet. Wir haben den Zug von Berlin genommen, und als wir am Bahnhof ausstiegen, bin ich zusammengebrochen. Das war nun also die Stadt, in der meiner Mutter schlimmste Dinge angetan wurden. Es war aber auch die Stadt, aus der meine Mutter und mein Vater stammten. In der sie aufgewachsen sind. Mir wurde dort bewusst: Wir haben nicht nur die furchtbaren Dinge nicht erfahren, wir haben auch keine Erinnerungen an die schönen Dinge bekommen. Es gab nur diese Leere. Meine Mutter konnte nicht von meinen wundervollen Großeltern berichten, weil man über die Vergangenheit nicht sprach.

Sie leben seit 1946 in Großbritannien. Fühlen Sie sich als Britin?

Anita: Wie müsste ich mich dann fühlen? Ich weiß es nicht. Wenn England gegen Deutschland im Fußball spielt, möchte ich, dass England gewinnt. In Deutschland fragen mich die Leute oft: Wo ist Ihre Heimat? Das können nur Deutsche fragen. Meine Heimat ist, wo ich lebe.

Maya: Viele Leute haben eine Heimat. Aber du hast deine Heimat verloren.

Anita: Briten sprechen von ihrem Zuhause, Deutsche von ihrer Heimat. Das ist ein Unterschied. Sehr deutscher Begriff.

Aber hat der Brexit nicht auch etwas mit der Suche nach Heimat zu tun?

Anita: Fangen Sie bloß nicht mit dem Brexit an! Das sind dumme, idiotische Leute – und hoffentlich bricht das alles noch in sich zusammen! Okay, ich kenne auch einigermaßen intelligente Leute, die für den Brexit gestimmt haben. Aber auch die sagen Dinge wie: Dann gibt es nicht mehr so viele Schwarze in Kilburn! Nie hat jemand vor dem Referendum erklärt, worum es wirklich geht.

Viele deutsch-jüdische Flüchtlinge und ihre Nachkommen beantragen jetzt wieder den deutschen Pass …

Anita: Sehr viele.

Maya: Ich werde das machen. Mein Neffe Simon hat ihn bereits.

Anita: Es sind wirklich praktische Gründe. Er ist Berufsmusiker, er reist viel, er will nicht jedes Mal ein Visum beantragen müssen. Ich werde keinen deutschen Pass beantragen.

Maya: Wie findest du es, dass wir das tun?

Anita: Das ist eure Sache. So lange ihr nicht sentimental werdet und euch wieder deutsch fühlen wollt … Ich hoffe immer noch, dass es keinen Brexit geben wird. Ich bin Optimistin!

Steven Spielbergs Shoah Foundation hat von Ihnen Aufnahmen gemacht – mit Spezialkameras. Daraus wird ein Hologramm für den Einsatz im Unterricht erstellt. Sie werden also noch in vielen Jahren als Hologramm weiterleben und Fragen von Schülern beantworten. Wie finden Sie das?

Anita: Das ist völlig irre.

Wie lief das ab?

Anita: Sie setzen dich in einen Käfig mit Hunderten Kameras. Ich musste immer in derselben Position bleiben. Ich wurde alles gefragt, was irgendjemand jemals fragen könnte. Fünf Stunden lang. Ein bisschen verrückt, wirklich.

Maya: Wir waren in dem Studio, in dem die ganzen Science-Fiction-Filme produziert wurden, um uns herum hingen Filmposter.

Aber so irre das wirkt, es ist zumindest eine Antwort auf die Frage, wie die Berichte der Zeitzeugen weiterleben können und wie sich folgende Generationen an den Holocaust erinnern werden.

Anita: Wenn sie sich denn erinnern.

Zweifeln Sie daran?

Anita: Ich befürchte, dass der Holocaust bald mit allen anderen Völkermorden der Geschichte zusammengeworfen wird. Es gab viele furchtbare Völkermorde in der Geschichte. Sie alle sind unterschiedlich. Der Holocaust aber war einzig. Kein anderes Volk als die Deutschen hat bisher den Völkermord industriell betrieben und Menschen recycelt. Wir Menschen werden uns immer gegenseitig umbringen. Aber der Holocaust war etwas Eigenes.

Und Sie wollten davon weglaufen. Ihre Schwester und Sie sind mit gefälschten Papieren in den Zug nach Paris gestiegen – und wurden sofort von der Gestapo verhaftet.

Anita: Wir waren sehr freche Mädchen. Wir fanden, wenn die Nazis uns schon umbringen wollen, können wir auch versuchen, zu entkommen. Dann würden wir wenigstens für etwas umgebracht und nicht einfach so.

Sie haben 1996 diese und andere Erinnerungen in dem Band „Ihr sollt die Wahrheit erben“ niedergeschrieben. Erst da wusste auch ihre Familie Bescheid.

Maya: Wenn du weißt, was passiert ist, kannst du dich daran abarbeiten. Du kannst Fragen stellen, ein Gespräch führen. Das ist besser als gar nichts.

Was gab es denn vorher?

Maya: Als ich 13 und alleine zu Hause war, habe ich nach Zigaretten gesucht. Ich habe keine gefunden. Was ich gefunden habe, waren Fotos. Sie stammten, wie ich jetzt weiß, aus Bergen-Belsen nach der Befreiung. Es gab ein Bild einer Frau, die aussah wie meine Mutter. Im Hintergrund lagen Leichen. Es war klar, dass ich etwas Schlimmes gefunden habe. Ich habe dann die Bilder zurückgelegt und jahrelang nicht darüber geredet. Ich habe noch nicht einmal Worte dafür gefunden, was es sein könnte. Es war ein Vakuum der Stille. Erst viele Jahre später haben wir darüber geredet.

Es gab in Auschwitz ein Orchester, in dem gefangene Frauen und Mädchen spielten. Sie haben einmal als Cellistin Schumanns „Träumerei“ für den KZ-Arzt Josef Mengele gespielt …

Anita: … und bedauere, dass ich das überhaupt einmal erwähnt habe. Ich habe es nur geschrieben, um zu zeigen, dass jemand wie Mengele ein gebildeter Mann war. Ich wollte mich nicht in den Vordergrund stellen. Das war nicht selten, dass irgendjemand kam und wollte, dass wir spielen.

Maya: Was hätten sie sonst machen sollen?

Hören Sie hier: BBC-Radioaufnahme mit Anita Lasker 1945, kurz nach der Befreiung in Bergen-Belsen

Sie haben kurz nach der Befreiung 1945 in Bergen-Belsen noch einmal Schumanns „Träumerei“ gespielt …

Anita: Interpretieren Sie da bloß nicht so viel rein! Aber das war ein tolles Konzert. Wir wurden eingeladen in ein italienisches Kriegsgefangenenlager. Ich habe sehr tolle italienische Musiker kennengelernt, mit dem Cellisten habe ich noch lange Kontakt gehalten. Er hat sich bedankt für die Socken, die ich ihm damals organisiert hatte. Die Briten haben sich um uns sehr gut gekümmert, wir hatten mehr Möglichkeiten als die Italiener.

Maya: Was mir gerade einfällt: Gibt es eigentlich jüdische Abgeordnete im Bundestag?

Anita: Warum fragst du? Das deutsche Judentum ist zerstört, das gibt es nicht mehr.

Maya: Aber sein Vermächtnis lebt fort.

Anita: Wo?

Maya: In deinen Kindern!

Anita: Aber sie sind nicht in Deutschland! Ich kann mir keinen Juden im Bundestag vorstellen. Vielleicht jemand ganz Junges. Vielleicht passiert das wieder. Ist es überhaupt wichtig? Es ist wichtig, dass jemand ein (spricht deutsch) Mensch ist. Diese Etiketten sind doch unwichtig. Was ist an mir schon jüdisch? Wir waren überhaupt nicht religiös. Ein gläubiger Jude hätte uns nicht als seinesgleichen angesehen.

Maya: Wenn etwas fehlt, ist es wichtig, darauf hinzuweisen.

Anita: Gibt es Muslime im Bundestag?

Ja, einige. Wir hätten 2017 fast einen türkischstämmigen Außenminister bekommen.

Anita: Das ist interessant.

„Fragen waren verboten“: Maya Jacobs-Wallfisch hat die Wahrheit über das Leben ihrer Mutter Anita Lasker-Wallfisch erst spät erfahren.

Das Überleben der Anita Lasker-Wallfisch

Ein Reihenhaus im Norden von London. Hier lebt Anita Lasker-Wallfisch (94) seit fast 50 Jahren. Ihre Tochter Maya (60) wohnt ganz in der Nähe. Im Wohnzimmer verstreut liegen Notenhefte und Familienfotos. Anita Lasker wird 1925 als dritte Tochter des Breslauer Rechtsanwalts Alfons Lasker und seiner Frau Edith, einer Geigerin, geboren. 1942 werden die Eltern deportiert und ermordet. Anita und ihre Schwester Renate bleiben zurück. Als Französinnen getarnt wollen sie nach Paris fliehen, werden aber schon am Bahnhof von der Gestapo verhaftet. Sie kommen in unterschiedliche Gefängnisse, später treffen sie sich inmitten des Grauens von Auschwitz wieder.

Es ist Anitas Cellospiel, das beiden das Leben rettet. Anita wird Mitglied des Lagerorchesters. „Die Cellistin“ heißt sie im Lager. Das Orchester spielt am Lagertor, für die Arbeitskommandos. Am Wochenende treten sie für die SS auf. Sie spielen „An der schönen blauen Donau“ oder auch die „Träumerei“ von Schumann – auf speziellen Wunsch von Josef Mengele.

Die Befreiung erleben die Schwestern inmitten des Grauens von Bergen-Belsen. Kaum hat Anita wieder ein Cello, gibt sie erneut Konzerte. 1946 siedeln Renate und Anita Lasker nach Großbritannien über. Renate zieht später nach Frankreich und heiratet den deutschen Journalisten Klaus Harpprecht. Anita heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, ebenfalls Emi­grant aus Breslau. Ihre Tochter Maya ist die einzige in der Familie, die keine Musikerin ist. Als Psychoanalytikerin hat sie sich darauf spezialisiert, wie Traumata durch mehrere Generationen wirken können.