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Wer ist die Frau, die China herausgefordert hat?

Nancy Pelosi: Die „Mission Freiheit“ ist ihr politisches Vermächtnis

Zum nahenden Ende ihrer Karriere ist Nancy Pelosi eine mutige Reise angetreten.

Zum nahenden Ende ihrer Karriere ist Nancy Pelosi eine mutige Reise angetreten.

Sie ist die Meisterin der demonstrativen Geste. Spätestens an jenem 4. Februar 2020 gab die damals 79-jährige Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses und damit demokratische Gegenspielerin von Donald Trump, der Welt eine Kostprobe davon ab, was sie unter politischem Theater versteht: Demonstrativ und mit einem Anflug von Ekel im Gesicht zerriss sie das Redemanuskript des Präsidenten. Länger als eine Stunde hatte Trump zuvor in seiner nicht zu überbietenden Art die eigenen Errungenschaften gelobt.

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Es war das Höflichste, was man tun konnte.

Nancy Pelosi, nachdem sie das Manuskript von Trumps Rede zerrissen hatte

„Es war das Höflichste, was man tun konnte in Anbetracht der Alternative. Es war eine so schmutzige Rede“, begründete Pelosi im Nachhinein ihre Aktion. Sie hatte damit zu Beginn eines Wahljahrs, das nach vier Jahren Trump-Regierung mit so viel Hoffnung verbunden war, ohne viel zu sagen einen Ton getroffen, der vielen Amerikanern und Amerikanerinnen aus der Seele sprach.

Nancy Pelosi, demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, zerreißt das Manuskript der Rede zur Nation von US-Präsident Trump, nachdem dieser seine Ansprache gehalten hat.

Nancy Pelosi, demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, zerreißt das Manuskript der Rede zur Nation von US-Präsident Trump, nachdem dieser seine Ansprache gehalten hat.

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Was sie zum Feindbild Nummer eins der Trump-Administration werden ließ, die sie als radikal, links und ein bisschen durchgeknallt verteufelten. Dabei trifft nichts von dem zu: Vermutlich gibt es im politischen Amerika der Gegenwart niemanden zweites, der ähnlich abgeklärt, wohlüberlegt und einer langfristigen Agenda folgend handelt wie die 82-jährige Sprecherin des Repräsentantenhauses – protokollarisch nach dem Präsidenten und der Vizepräsidenten die Nummer drei im Land.

Während der heutige Präsident Joe Biden 2003 im Senat für den katastrophalen Irak-Krieg stimmte, galt Pelosi, damals Minderheitenführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, als eine der profiliertesten und entschiedensten Gegnerinnen der US-Invasion. Viele hielten das für unpatriotisch, doch die Geschichte sollte ihr schließlich recht geben.

Gegenwind aus den eigenen Reihen bekam sie auch, als sie 2020 hartnäckig auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump beharrte, dieses schließlich auch durchboxte, obwohl die Mehrheitsverhältnisse im Senat einen Erfolg fast unmöglich machten.

Auch wenn das Verfahren erwartungsgemäß scheiterte, etwas erreichte sie damit: Rechtzeitig vor der Wahl wurde das zuletzt demotivierte Anti-Trump-Lager durch immer neue Enthüllungen, vorgetragen im TV zu besten Sendezeit, zunehmend entschlossener. Amerika sehnte sich nach Ruhe, war wieder reif für ein bisschen Normalität in extremen Zeiten.

„Freiheit und Sicherheit“ für Taiwan: Pelosi sichert Präsidentin Tsai Unterstützung der USA zu

Bei dem Treffen mit Präsidentin Tsai sprach sich die US-Politikerin für den Erhalt der Demokratie in Taiwan aus. China reagierte mit Militärmanövern.

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Was all diese Beispiele verbindet und auch ihre Taiwan-Mission motiviert haben dürfte: Nancy Pelsosi war stets vom langfristigen Erfolg ihrer Mission überzeugt, zaudernde Bedenkenträgerei sind ihr ein Grauen.

Mit ihrer Taiwan-Reise, die die Welt den Atem stocken ließ, hat Pelosi eine ihrer langfristigen politischen Missionen abgerundet. Schon vor Jahrzehnten, als es in den USA noch nicht üblich war und auch in Deutschland die Devise vom „Wandel durch Handel“ die Politik prägte, kritisierte sie die chinesische Führung hart, prangerte Menschenrechtsverletzungen und staatliche Willkür an.

Vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Hongkong attackieren prochinesische Aktivisten ein Bild von Pelosi.

Vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Hongkong attackieren prochinesische Aktivisten ein Bild von Pelosi.

Pelosi war nie eine Anhängerin einer Appeasement-Politik. Bereits 1991, nur zwei Jahre nach der brutalen Niederschlagung der Massenproteste in Peking, besuchte sie den Platz des Himmlischen Friedens. Später machte sie sich für das Schicksal der von Peking verfolgten und zu Zwangsarbeit verpflichteten Uiguren stark.

Gut möglich, dass die in Baltimore geborene Tochter des dortigen Bürgermeisters mit ihrer Taiwan-Mission noch eine anderes Ziel verfolgte: die Erfüllung, besser: Abrundung, ihres politischen Vermächtnisses. Mit einem Sieg der Republikaner bei den Zwischenwahlen im November droht nämlich ihr baldiger Abschied aus der Politik.

Heute steht die Welt vor der Wahl zwischen Demokratie und Autokratie.

Pelosi in Taipeh

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Indem sie ihre politische Karriere mit einer historischen Reise beendet, hat sie in einer Zeit des sich verschärfenden Konfliktes zwischen autokratischen und liberalen Staaten ein deutliches Signal gesetzt: „Heute steht die Welt vor der Wahl zwischen Demokratie und Autokratie“, sagte sie während des Besuchs in Taipeh und lobte Taiwan als „eine der freiesten Gesellschaften der Welt“.

Ein Denkmal für ihre politische Vision

Als selbstbewusste oberste Repräsentantin einer der weltweit ältesten demokratischen Institutionen hat Nancy Pelosi vielleicht diplomatisches Feingefühl vermissen lassen – dafür setzte sie sich als politische Visionärin ein Denkmal.

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