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Gewalt im Nahostkonflikt: Alte Wunden, die nie verheilt sind

  • In den letzten Tagen ist der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern blutig wieder aufgeflammt.
  • Die Kämpfe weiten sich bis auf Ortschaften in Israel aus.
  • Juden und Araber stehen sich gegenüber - und mit ihnen eine jahrzehntelange Geschichte von Konfrontationen.
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Tel Aviv. Der schwerverletzte kleine Mohammed liegt in einem Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv. Das Gesicht des Zwölfjährigen ist voll bandagiert, er ist an Schläuche angeschlossen. Neben seinem Bett stehen seine Mutter Nura und der Arzt Itai Pessach, Leiter der Kinderabteilung im Schiba-Krankenhaus.

Der arabische Junge hat schwerste Verbrennungen erlitten, nachdem Unbekannte Brandflaschen in das Haus seiner Familie in Jaffa geworfen hatten. Sein Zustand sei kritisch, aber stabil, teilt die Klinik am Sonntag mit.

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Nahostkonflikt: Kein Anzeichen für Ende der Gewalt
1:47 min
Im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern gibt es kein Anzeichen für ein Ende der Gewalt.  © Reuters
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Der Zwölfjährige ist zu einer Symbolfigur dafür geworden, welch zerstörerische Auswirkungen die zuletzt aufgeflammten Konfrontationen zwischen Juden und Arabern in Israel selbst haben. Während die Täter zunächst im rechtsextremen jüdischen Milieu vermutet worden waren, hieß es später, die Polizei prüfe auch, ob israelische Araber hinter der Tat stehen könnten.

Sie könnten sich geirrt und gedacht haben, in dem Haus in Jaffa wohnten Juden. Nach Polizeiangaben wurden in der Umgebung zur selben Zeit mehrere jüdische Wohnhäuser angegriffen.

Konfrontationen nie gekannten Ausmaßes

Polizeisprecher Micky Rosenblum teilte am Montag mit, in dem Fall sei ein Mann in seinen Zwanzigern, ein Einwohner Jaffas, festgenommen worden. Aus Ermittlungsgründen wurde seine Identität nicht veröffentlicht.

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Die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtete aber, es handele sich um einen arabischen Einwohner Jaffas. Es seien weitere Festnahmen in dem Fall zu erwarten. An den Ermittlungen sei auch der Inlandsgeheimdienst Schin Bet beteiligt.

Die Eskalation der Gewalt zwischen Israel und militanten Palästinensern war in den letzten Tagen begleitet von Konfrontationen nie gekannten Ausmaßes zwischen Juden und Arabern im israelischen Kernland.

Straßenkämpfe trotz Ausgangssperre

Israel befindet sich in diesen Tagen praktisch in einem Zwei-Fronten-Krieg. In zahllosen Städten mit vielen arabischen Einwohnern überschlagen sich die Meldungen von Gewalt und Gegengewalt. In den Medien ist die Rede von anarchischen Zuständen, es mehren sich die Warnungen vor einem Bürgerkrieg.

Auf die Straßen gehen vor allem junge Araber, die sich benachteiligt und als Bürger zweiter Klasse fühlen. Besonders dramatisch ist die Lage in Lod bei Tel Aviv. Trotz einer Ausgangssperre toben dort immer wieder regelrechte Straßenkämpfe.

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Mehrere Synagogen wurden in Brand gesetzt, verängstigte jüdische Einwohner verschanzen sich in ihren Häusern. Ein arabischer Einwohner wurde bei Ausschreitungen von einem jüdischen Tatverdächtigen erschossen. Rechtsextreme jüdische Abgeordnete gießen immer wieder Öl ins Feuer.

Israels Staatspräsident: „Dies ist unser aller Heim“

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, der als Verfechter friedlicher Koexistenz gilt, ist sichtlich verzweifelt über die gefährlichen Entwicklungen.

Bei einem Treffen mit jüdischen und arabischen Bürgermeistern und religiösen Vertretern in der gemischten Stadt Akko sagte er zuletzt: „Dies ist unser aller Heim, und wir verteidigen unser Heim. Nicht mit Schlagstöcken und Messern, die Zerstörung und Verderben säen, sondern indem wir Gesetz und Ordnung aufrechterhalten.“

Immer wieder wird betont, an den Konfrontationen sei nur eine kleine, gewaltbereite Minderheit auf beiden Seiten beteiligt. Die große Mehrheit wolle in Ruhe und Frieden leben.

Dramatischer Anstieg der Kriminalität in arabischen Ortschaften

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Gerade israelische Krankenhäuser - wie das, in dem nun um Mohammeds Leben gekämpft wird - gelten als Paradebeispiel für ein gelungenes Zusammenleben beider Seiten: Jüdische und arabische Ärzte und Krankenschwestern arbeiten hier vollkommen selbstverständlich eng zusammen.

Arabische Israelis sind besonders im Gesundheitswesen - als Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger sowie als Apotheker - stark vertreten. Diese Berufe gelten auch als Sprungbrett für einen besseren gesellschaftlichen Status.

In den vergangenen Jahren hatte es in arabischen Ortschaften in Israel einen dramatischen Anstieg der Kriminalität gegeben. Fast jeden Tag gab es Tote bei Bandenkriegen, an denen mehrere einflussreiche kriminelle Großfamilien beteiligt sind.

Es wird davon ausgegangen, dass im arabischen Sektor sehr große Mengen illegaler Waffen angehäuft wurden. Der israelischen Polizei wird vorgeworfen, sie habe sich kaum eingemischt, solange die Gewalt sich nicht gegen Juden gerichtet, sondern nur unter Arabern selbst getobt habe.

Wenige Berührungspunkte

Rivlin hat in der Vergangenheit das Bild geprägt, demzufolge Israels Bevölkerung aus vier „Stämmen“ besteht: Die säkularen, die ultra-orthodoxen und die nationalreligiösen Juden sowie die arabischen Israelis. Zwischen den Kindern dieser Gruppierungen gibt es von klein auf kaum Berührungspunkte und sie werden in fundamental unterschiedlichen Bildungseinrichtungen erzogen.

Die meisten arabischen Israelis leisten keinen Militärdienst in der Armee, die in dem Land jahrzehntelang als „Schmelztiegel“ verschiedenster Bevölkerungsgruppen galt. Für arabische Israelis ist der Wehrdienst keine Pflicht, sie können sich aber freiwillig melden. Viele wollen dies aber nicht.

„Wenn überhaupt, treffen Israelis sich zum ersten Mal am Arbeitsplatz“, sagte Rivlin schon 2015 in einer wegweisenden Ansprache. „Die Unkenntnis voneinander, die mangelnde gemeinsame Sprache zwischen diesen vier Bevölkerungsgruppen, die einander von der Größe her immer mehr ähneln, verschärft nur die Spannungen, Angst, Feindseligkeit und den Wettbewerb zwischen ihnen“, warnte er damals.

Um diese Gefahr zu bannen, forderte er eine neue Partnerschaft zwischen den vier „Stämmen“ und eine neue, gemeinsame israelische Identität.

Blutige Unruhen nach Israels Staatsgründung

Die arabische Minderheit macht etwa 20 Prozent der mehr als neun Millionen Bürger Israels aus. Diese Staatsbürger sind Nachfahren der Araber, die 1948 nach der israelischen Staatsgründung im Land geblieben sind. Rund 700.000 Palästinenser flohen damals im Zuge des ersten Nahostkriegs oder sie wurden vertrieben.

Die verbliebenen Araber bekamen zwar die israelische Staatsbürgerschaft und demokratische Rechte, doch die Beziehungen blieben prekär. Wenige Tage nach Beginn des zweiten Palästinenseraufstands Intifada brachen im Jahre 2000 im Norden Israels die blutigen Oktober-Unruhen aus. Sie wurden von der Polizei mit ungewöhnlicher Härte niedergeschlagen.

Polizisten feuerten unter anderem mit scharfer Munition auf arabische Demonstranten, 13 Menschen wurden damals getötet. Eine staatliche Untersuchungskommission kritisierte später das Verhalten der Polizei.

Extreme sozio-ökonomische Unterschiede

Für neuen Zorn sorgte das 2018 verabschiedete „Nationalitätsgesetz“, das Israels Status als jüdischen Staat bekräftigt. Minderheiten kritisierten das als sehr diskriminierend.

Nach Angaben des Israelischen Bürgerrechtsverbands (ACRI) gehören mehr als die Hälfte der armen Familien im Land zum arabischen Sektor, und die arabischen Kommunen sind die ärmsten. „In den vergangenen Jahren hat sich die vorherrschende Einstellung von Feindseligkeit und Misstrauen gegenüber arabischen Bürgern noch verstärkt“, heißt es in einem Bericht.

„Ein großer Teil der israelischen Öffentlichkeit sieht die arabische Minderheit als fünfte Kolonne und demografische Bedrohung.“ Zwischen Juden und Arabern in Israel gebe es „krasse sozio-ökonomische Unterschiede, vor allem in Hinblick auf Land, städtische Planung, Wohnungen, Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung und Bildung“.

Arabischer Einfluss im Parlament wuchs zuletzt

Gerade zuletzt hatten arabische Abgeordneten im Parlament allerdings deutlich an politischem Einfluss gewonnen. Mansur Abbas, Vorsitzender einer kleinen arabischen Partei, wurde nach der letzten Parlamentswahl in Israel im März zum Zünglein an der Waage.

Bei Koalitionsverhandlungen wurde er seitdem sowohl von dem rechtskonservativen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu als auch von dessen Gegnern umworben.

Viele sahen dies als Zeichen der Hoffnung auf mehr Integration und Legitimität arabischer Abgeordneter, die als Koalitionspartner bisher als tabu galten. Angesichts von Gewalt und Chaos hat Abbas jedoch alle Verhandlungen vorerst auf Eis gelegt. „Nachdem die Lage sich wieder beruhigt hat, werden wir die Route auf dem Weg zu einer echten Partnerschaft neu berechnen.“

RND/dpa

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