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  • Nachbarschaftshilfe in der Corona-Krise: Steinmeier zu Besuch in Berlin am Tag der Nachbarn

Kinder in der Corona-Krise: “In dieser Zeit will ich nicht groß werden”

  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht zum “Tag der Nachbarn” eine Stiftung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche.
  • Er erfährt viel über Nachbarschaftshilfe in der Krise.
  • Doch die Gründerin der Stiftung weist auch auf die Schwierigkeiten hin, die die vergangenen Wochen gebracht haben.
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Spandau bei Berlin. Der Sportplatz und das hölzerne Spielschiff im Hof von “Jona’s Haus” in Berlin-Staaken sind noch verwaist. Normalerweise tummeln sich hier 100 Jugendliche jeden Tag, doch in der Corona-Pandemie musste das von einer Stiftung getragene Haus schließen.

Am Vormittag wird es dennoch voll. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchen die Stiftung am Tag der Nachbarn. “Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten nie so intensiv wie jetzt erlebt, was es bedeutet, sich aufeinander verlassen zu können und füreinander da zu sein”, sagte Steinmeier, der in dieser Woche mit einer Reihe von Nachbarschaftshelfern telefoniert hat und am Freitag mehrere Initiativen besuchte.

“Abstand halten heißt nicht, Nähe zu verlieren. Vielleicht gelingt es, eine neue Nähe aufzubauen, die es vor der Corona-Zeit gar nicht gab.”

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In “Jona’s Haus” stellten die 30 Mitarbeiter in kürzester Zeit das Angebot auf Onlinekurse um. Die Lebensmittelausgabe für bedürftige Familien lief weiter und war wichtiger denn je. “Die Tafeln schlossen, es gab kein Schulessen mehr, kein Kita-Essen und auch bei uns kein Mittagessen mehr”, sagt Jona-Gründerin Angelika Bier. “Viele aus unseren Familien haben ihre Jobs verloren und hatten große Probleme.”

Große Hilfe aus der Nachbarschaft

Die pädagogische Leiterin Svetlana Najelscaja berichtete Steinmeier und Büdenbender, wie viel Unterstützung aus der Nachbarschaft kam. “Da kommen Nachbarn mit dem Auto vorgefahren und heben uns Lebensmitteltüten über den Zaun: Hier, wir waren gerade einkaufen, das könnt ihr weitergeben.” Auch die Aufrufe, nicht mehr benötigte Smartphones und Tabletcomputer zu spenden, damit Kinder den Onlineangeboten folgen können, waren erfolgreich.

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Auch die US-amerikanische Sängerin Jocelyn B. Smith gibt Kurse in “Jona’s Haus” – zurzeit ebenfalls online. Sie unterrichtet Englisch und Musik und geht mit den Kindern Songtexte durch. “Die meisten achten gar nicht auf die Texte – ich will ihnen zeigen, was eine angemessene Sprache ist und was nicht”, sagt sie. Steinmeier, Büdenbender und sie machen es sich auf einer langen Bank gemütlich, Smith zeigt ihr Unterrichtsmaterial, darunter ein Bilderbuch von Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison.

Die Familie versammelt sich vor dem Tablet

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“Habt ihr heute auch Bücher?”, würden die Kinder bei der Lebensmittelausgabe oft fragen. In der schullosen Corona-Zeit mussten sie oft eine Beschäftigung suchen.

“Bei den Vorlesestunden und Workshops, die eigentlich für die Kinder gedacht sind, versammelt sich oft die ganze Familie vor dem einzigen Tablet”, berichtet Gründerin Bier. Gerade bei Familien Geflüchteter sei das oft so. “Daraus werden ganze Familienabende, das nimmt auch Druck aus der Situation”, hofft sie.

Denn wie viele, die in der Jugendarbeit tätig sind, befürchten auch die Jona-Mitarbeiter, dass Streit und Gewalt in vielen Familien während der Corona-Einschränkungen eskaliert sind.

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Und die psychischen Folgen für die Kinder seien nicht abschätzbar. “Ich befürchte, dass viele Kinder gar nicht verstehen, was um sie herum passiert”, sagt Bier. “Sie werden richtig sauer auf diese Zeit. Ich kann das verstehen: In dieser Zeit will ich auch nicht groß werden.”

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und seine Frau Elke Büdenbender (l.) besuchen die Stiftung “Jona – Werte fürs Leben” in Berlin-Spandau und unterhalten sich mit Angelika Bier, der Gründerin der Stiftung. © Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Nachdem die Präsidentenkolonne weggefahren ist, stellen sich die ersten Familien zur Essensausgabe an. Es gibt nicht nur Toast, Nudeln und Auberginen zu verteilen, sondern – ein Stück weiter – auch Zeit zum Zuhören, sogar auf Arabisch.

“Das ist für viele ganz wichtig, dass wir zeigen: Ich habe ein Ohr für ich, ich hör dir zu”, sagt Bier. “Das wäre vielleicht vor der Krise auch nötig gewesen, doch jetzt fällt es uns mehr auf.”

“Was Sie tun, ist so wertvoll und ein großes Vorbild für Empathie und Solidarität”, hatte Steinmeier am Ende des Besuchs noch gesagt. “Wir hoffen, dass viele sich an diesem Vorbild orientieren.”

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