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Frankreichs Dilemma im Kampf gegen den Islamismus

  • Nach dem grausamen Mord am Lehrer Samuel Paty versucht die Regierung, entschlossen gegen Extremisten vorzugehen.
  • Gegen mehr als 80 Personen wird ermittelt, eine Moschee wurde geschlossen.
  • Zugleich fürchten Muslime die pauschale Vorverurteilung.
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Paris/Conflans-Saint-Honorine. Vor ein paar Tagen hatte Pape Byram, Sechstklässler einer Mittelschule in Conflans-Saint-Honorine, einen großen Fernsehauftritt. Auf die Frage von Journalisten, wie er sich gefühlt habe, als er vom grausamen Tod seines Lehrers Samuel Paty erfuhr, sagte der Junge in die Kamera, er habe geweint. „Es ist schrecklich, dass man ermordet werden kann, nur weil man eine Karikatur zeigt.“ Paty sei ein lustiger, engagierter Lehrer gewesen, der nicht einfach nur seinen Unterricht abspulte.

Der bestialische Mord an dem 47-jährigen Geschichtslehrer am Freitag in Conflans-Saint-Honorine, einem ruhigen Städtchen rund 30 Kilometer im Nordwesten von Paris, hat Frankreich geschockt. Ein 18-jähriger gebürtiger Tschetschene hatte Samuel Paty auf der Straße mit einem Messer angegriffen und enthauptet. Kurz bevor ihn die Polizei erschoss, schrie der Täter „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“. Am heutigen Mittwoch findet eine nationale Ehrung Patys statt, der posthum zum Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet wird.

Sein Opfer hatte der Mörder nicht persönlich gekannt, der als Kind mit seiner Familie nach Frankreich gekommen war und im fast 90 Kilometer vom Tatort entfernten Evreux lebte. Offenbar gab er Schülern Geld, damit sie ihm Samuel Paty zeigten. Von ihm muss er über soziale Netzwerke erfahren haben, wo massiv Stimmung gegen den Lehrer gemacht worden war. Anfang Oktober hatte dieser in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt und allen muslimischen Schülern angeboten, vorher den Raum zu verlassen – eine Geste des Respekts. Doch der Vater einer 13-jährigen Schülerin machte daraus eine angebliche Aufforderung an die Muslime, hinauszugehen, stellte wütende Videos ins Internet und forderte gemeinsam mit Abdelhakim Sefrioui, einem einschlägig bekannten Salafisten, die Entlassung Patys.

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Frankreich: Innenminister Gérald Darmanin lässt Moschee schließen.
1:16 min
Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin hat nach dem Attentat auf einen Lehrer eine Moschee in einem Pariser Vorort schließen lassen.  © Reuters

Ermittlungen gegen mehr als 80 Personen

Beide Männer soll der Attentäter kontaktiert haben mit dem Angebot, das Problem „auf seine Art“ zu lösen. Sie befinden sich in Untersuchungshaft, ebenso wie rund ein Dutzend weitere Personen. Ermittlungen laufen auch gegen mehr als 80 Internetnutzer, die die Gräueltat in den sozialen Netzwerken gelobt hatten. Mehreren als radikal eingestuften Verbänden und Organisationen droht das Verbot, einer Moschee im Pariser Vorort Pantin die Schließung. Der Kampf gegen Hassbotschaften im Internet soll verschärft werden. Präsident Emmanuel Macron hat „sehr schnell konkrete Taten“ versprochen.

Eine lautstarke Debatte über eine von Flüchtlingen ausgehende Gefahr kommt derweil nicht auf, auch wenn die Republikaner eine Verschärfung des Asylrechts vorschlugen und Rechtspopulistin Marine Le Pen eine „Kriegsgesetzgebung gegen den Islamismus“ forderte: Bereits der Radikalisierung Verdächtige sollten ohne Gerichtsurteil ausgewiesen oder eingesperrt werden. Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon sagte, es gebe „ein Problem mit der tschetschenischen Gemeinschaft in Frankreich“. Im Sommer war es in Dijon zu brutalen Bandenkriegen gekommen, im Mai 2018 tötete ein 20-jähriger Tschetschene einen Passanten in Paris mit einem Messer.

Moderate Muslime fürchten Vorverurteilung

Dies gehörte zu einer Serie von Attentaten, die seit Jahren Frankreich erschüttern. Seit den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 starben in Frankreich 260 Menschen durch die Hand von Extremisten. Ende September verletzte ein pakistanischer Flüchtling zwei Personen vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von „Charlie Hebdo“ mit einem Fleischermesser schwer. Das Magazin hatte zum Auftakt des Prozesses um die Anschläge vom Januar 2015, der derzeit stattfindet, erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht.

Demgegenüber fürchten sich moderate Muslime zugleich vor einer pauschalen Vorverurteilung. Viele Imame und Moscheen verurteilten daher den Mord an Samuel Paty unmissverständlich. „Gegenüber denen, die in den Karikaturen des Propheten einen Grund für dieses schändliche Verbrechen suchen, bekräftigen wir, dass nichts, absolut gar nichts den Mord an einem Mann rechtfertigt“, erklärte der französische Rat der Muslime.

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