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Flucht nach Frankreich

Russischer Soldat rechnet mit Putins Krieg ab: „Ich habe begriffen, dass es Wahnsinn war“

Die Hand eines getöteten russischen Soldaten. Der britische Verteidigungsminister Wallace schätzt die Zahl der in der Ukraine getöteten russischen Soldaten auf mehr als 25.000.

Die Hand eines getöteten russischen Soldaten. Der britische Verteidigungsminister Wallace schätzt die Zahl der in der Ukraine getöteten russischen Soldaten auf mehr als 25.000.

Paris. In einem Toilettenraum auf dem Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen zieht Pawel Filatjew tief an seiner Zigarette, auch wenn das Rauchen hier verboten ist. Dann zerreißt der fahnenflüchtige Fallschirmjäger seinen russischen Pass und wirft ihn ins Klo - zusammen mit seinem Militärausweis. Es ist eine demonstrative Trotzhandlung - die letzte, bevor er seinem Land für immer den Rücken kehrt.

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Filatjew wirft der russischen Militärführung vor, ihre eigenen Truppen in die Irre zu führen, aus schierer Inkompetenz und Korruption. Er hat seine Erfahrungen in seinem Online-Buch „ZOV“ aufgezeichnet, offensichtlich in Anlehnung an die drei Buchstaben, die auf vielen russischen Transportern und Panzern zu sehen sind und auf Russisch das Wort Ruf bilden - wie in der Formulierung „Ruf zu den Waffen“.

Der 34-jährige Sohn eines Soldaten sagt, dass er schon Zweifel gehabt habe, bevor seine Einheit sich an der Invasion in die Ukraine beteiligte und half, die Stadt Cherson in den ersten Kriegstagen einzunehmen. Er hat in Tschetschenien gedient, als er gerade erst seinen Teenager-Jahren entwachsen war, wusste, dass sein Gerät keinen Rost aufweisen sollte und dass seine Uniform ihn kaum vor der Winterkälte schützen würde.

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Er hat versprochen, die Wahrheit zu verbreiten – koste es, was es wolle

Weder er noch seine Kameraden hätten eine Ahnung davon gehabt, dass sie Teil einer Invasionsstreitmacht sein würden, als man sie auf Lastwagen mit ausgeschalteten Scheinwerfern beordert habe, schildert Filatjew weiter. Aber es ging ihnen nur allzu schnell auf.

Nach wochenlangen Kämpfen wurde Filatjew verletzt vom Schlachtfeld abgezogen, er verlor beinahe ein Auge und litt unter qualvollen Schmerzen im Rücken und an den Beinen. Während seiner letzten Wochen im Kampf hatte er sich selbst versprochen, dass er - sollte er die nächste Runde von Artilleriefeuer überleben - die Wahrheit verbreiten würde, koste es ihn, was es wolle.

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Den größten Teil des vergangenen Winters hatte Filatjews Einheit mit Übungen auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim verbracht. Am 23. Februar, einen Tag vor Beginn der Invasion, erhielt die Truppe Munition und Papiere, die für sie wenig Sinn machten. Ganz klar war etwas im Gange.

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Filatjew: „Wir wurden von Explosionen aufgeweckt“

„Aber wir hatten keine Ahnung, dass es dazu kommen würde. Wir wurden von diesen Explosionen aufgeweckt. Und zu diesem Zeitpunkt erkannten wir, dass etwas Ernstes begonnen hatte. Vielleicht ein voller Krieg“, sagte Filatjew der Nachrichtenagentur AP in Paris, wo er Asyl beantragt hat. „Aber gegen wen? Und warum und wie und wofür - es war nicht klar. Das war es ungefähr, wie es für mich anfing.“

Sie erfuhren von ihrem Zielort - Cherson - erst, als sie bereits unterwegs waren, wie Filatjew weiter sagt. Bis dahin hatte er gedacht, dass es sich um einen Krieg gegen die Nato handele. Es dauerte ungefähr eine Woche, bevor ihm klar wurde, dass der einzige Feind die Ukraine war. „Und da habe ich begriffen, dass es totaler Müll und totaler Wahnsinn war.“ Er habe sich nicht daran beteiligen, aber sich auch nicht vom Acker machen wollen, beschreibt er seinen damaligen Zwiespalt.

Britisches Verteidigungsministerium geht von 25.000 getöteten Russen aus

Cherson, da, wo der Dnipro in das Schwarze Meer fließt, war eine der ersten Städte, die - Anfang März - in die Hände der Russen fiel. In „ZOV“ beschreibt Filatjew den Tag, an dem seine Einheit die Hafenstadt betrat. Er sah nach eigenen Angaben, wie russische Soldaten Essen und elektronische Geräte plünderten und erzählt von einem chaotischen Abend, an dem seine Einheit in ein Büro einbrach und auf eine Flasche Champagner und einen Schreibtisch stieß - den er später dann als Bett benutzte. Menschenrechtsverletzungen habe er nicht gesehen, so Filatjew weiter.

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Russlands bislang letzte Angaben über militärische Verluste in der Ukraine stammen vom 25. März. Damals war von 1351 Toten und 3825 Verletzten die Rede. Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace sprach diese Woche von schätzungsweise mehr als 25.000 getöteten Russen und bezifferte die Zahl der gesamten Verluste unter Einschluss von verwundeten, gefangen genommenen und desertierten Soldaten auf über 80.000.

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Filatjews Schilderungen konnten nicht unabhängig verifiziert werden, aber sie entsprechen anderen Beschreibungen der Invasion, die auf der russischen Messenger-Plattform Telegram kursieren und Angaben von Angehörigen russischer Männer an der Front. Seine öffentliche Anschuldigung, dass Soldaten von ihrer eigenen Regierung betrogen wurden, ist äußerst ungewöhnlich.

Filatjew hatte „ZOV“ Anfang August im russischen sozialen Netzwerk VK veröffentlicht. Die Menschenrechtsorganisation Gulagu half ihm ein paar Wochen später, das Land zu verlassen und dann - mach mehreren Zwischenstationen aus Sicherheitsgründen - Frankreich zu erreichen. Er verbrachte zwei Tage auf dem Flughafen, um auf eine Einreisegenehmigung zu warten.

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Filatjew: „Sie schicken ihn an die Front, ohne jede Vorbereitung“

Nach seiner Schilderung geht es mit den russischen Streitkräften stetig bergab, sie seien unfähig, getötete und verletzte Soldaten zu ersetzen - oder auch jene, die einfach nicht kämpfen wollten. Und: Das Militär habe alle Standards fallen gelassen, was die Qualifikation zum Soldatendienst betreffe, wie Filatjew sagt.

„Da ist ein 50-Jähriger, der auf seiner Couch gelegen, Bier getrunken und seine Zeit damit verbracht hat, Propaganda im Fernsehen anzuschauen, und sie holen sich diese Person, stecken sie in die Fallschirmjäger(einheit), ich meine in die Elite, in unsere Gruppe. Und sie schicken ihn an die Front, ohne jede Vorbereitung.“

Filatjew spricht von einem offenen Geheimnis. Das Problem liege nicht darin, dass jeder getötet werde, wie es die Ukrainer sagten, erklärt er. „Es ist, weil niemand dort (in der Ukraine) sein will. Leider bin ich der Erste, der das laut ausspricht.“

RND/AP

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