Bolsonaro-Anhänger lassen nicht locker

Droht in Brasilien ein Militärputsch – oder nur heiße Luft?

Unterstützer von Jair Bolsonaro in Rio de Janeiro.

Unterstützer von Jair Bolsonaro in Rio de Janeiro.

Rio de Janeiro. Vor der Kaserne in Rio de Janeiro wiederholt sich das Bild jeden Tag aufs Neue. Ein paar Dutzend Anhänger von Jair Bolsonaro salutieren zur Nationalhymne. Sie sind gekommen, um eine Militärintervention zu fordern. Das geht nun schon seit der Wahlniederlage des rechtspopulistischen Präsidenten Ende Oktober so.

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Einen Regierungswechsel, wie ihn eine hauchdünne Mehrheit im Land will, lehnen sie ab. Sie fürchten, dass Brasilien unter dem linken Wahlsieger Lula da Silva in eine kommunistische Diktatur abgleiten wird. Dass das Militär eingreift, gilt allerdings als unwahrscheinlich.

Nun wird man Lula vieles vorwerfen können, aber ein Kommunist ist er ganz sicher nicht. Und eine Diktatur nach dem Schlage Venezuelas, Kubas oder Nicaraguas wird er ebenso wenig aufbauen. Dennoch ist die Lage im Land gefährlich, denn praktisch seit 2014 gibt es in Brasilien eine Polarisierung, die es kaum noch möglich macht, dass der jeweilige Präsident oder die jeweilige Präsidentin von jenem Teil des Volkes akzeptiert wird, das anders denkt. Dilma Rousseff, Michel Temer, Jair Bolsonaro und nun Lula da Silva – ihnen allen schlug und schlägt blanker Hass entgegen, aus höchst unterschiedlichen Motiven.

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Bolsonaro weist die Übergabe an – seine Anhänger hören nicht

Lula da Silva wird sich von Beginn an auf heftigen Widerstand einrichten müssen. Die Bolsonaro-Anhänger sind mobilisierungsfähig, gut vernetzt, gut organisiert. Was sie nicht sind, ist gut informiert. Das Netz wird mit Fake-News über die Wahlen geflutet, darunter sind absurde Falschmeldungen wie die eines Interviews einer schwedischen Journalistin, die über den Wahlbetrug in Brasilien berichtet. Tatsächlich aber handelt es sich um ein jahrzehntealtes Interview von Abba-Sängerin Agnetha Fältskog, die bei einem Termin in London ihre neue Platte vorstellte.

Bolsonaro selbst hatte Tage nach der Wahl seine Anhänger aufgerufen, die Straßenblockaden im Land aufzuheben. Gegenüber einem Vertreter des Obersten Gerichts erklärte er, die Sache sei durch, die Wahl beendet. Er gab seiner Regierung den Auftrag die Übergabe der Amtsgeschäfte vorzubereiten, was auch geschieht. Sein Vizepräsident gratulierte seinem Nachfolger.

„Die aktuellen Demonstrationen sind das Ergebnis von Empörung und einem Gefühl der Ungerechtigkeit über die Art und Weise, wie der Wahlprozess durchgeführt wurde“, sagte Bolsonaro in seiner Erklärung. Im Prinzip war das Thema damit durch. Doch seine Anhänger blieben auf der Straße.

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Die Bolsonaro-Blase argumentiert sogar mit der Berlin-Wahl

Als ungerecht empfinden seine Anhänger zum Beispiel, dass die großen Umfrageinstitute vor den Wahlen grob falsche Umfragen veröffentlichten. Der führende Medienkonzern des Landes, Globo, stellte sich im Wahlkampf auf die Seite Lulas und publizierte am Tag der Stichwahl die Prognose, Lula gewinne mit 54 zu 46 Prozent. Diese Umfragen hätten eine Stimmung erzeugen sollen, dass es gar keinen Sinn mehr mache, als Bolsonaro-Anhänger zur Wahl zu gehen, kritisiert das Lager des Präsidenten.

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Und es geht um die elektronischen Urnen. Bolsonaro verlangte, dass ein Teil der Urnen als möglicherweise manipulierbar nicht anerkannt werde und damit die Stimmen nicht zählen dürften. Dann hätte er gewonnen. Bolsonaro wiederholt damit ähnliche Vorwürfe wie Donald Trump in den USA oder Linkspolitiker Gustavo Petro in Kolumbien, die ebenfalls Zweifel am Wahlsystem streuten. Letzterer gewann allerdings die Wahlen knapp und schwieg dann fortan zu den Manipulationsvorwürfen.

Inzwischen hat es auch die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in Berlin in die Argumentationskette der Bolsonaro-Anhänger geschafft. Dass diese Wahl nun wiederholt werden müsse, sei ein Beispiel dafür, dass linke Parteien Wahlen fälschen würden, heißt es in der Bolsonaro-Blase.

Bringt die WM in Qatar den Wandel?

Inzwischen hat der Streit auch die brasilianische Nationalmannschaft in Qatar erreicht. Auch die Seleçao ist gespalten, wenngleich nicht so offen wie der Rest des Landes. Aber im Netz wird nach dem Auftaktsieg Doppeltorschütze Richarlison gefeiert. Der gilt als Lula-Anhänger. Es gibt Grafiken, wie er bei seinem spektakulären Tor statt den Ball Bolsonaro aus dem Strafraum tritt.

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Dagegen wird Neymar mit Spott und Häme überschüttet, weil er als Anhänger des Amtsinhabers diesen im Wahlkampf unterstützte. Mitspieler Raphinha schüttelt über so viel Hass nur den Kopf: „Der größte Fehler in Neymars Karriere ist, dass er in Brasilien geboren wurde“, kommentierte der Stürmer des FC Barcelona in seiner Instagram-Story und kommt zu dem Ergebnis: „Dieses Land verdient sein Talent nicht.“

Nationaltrainer Tite hat nun die nicht ganz leichte Aufgabe, die verschiedenen Strömungen im Land einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Das kann allerdings auch eine Mission werden. Gelingt es ihm, die Seleçao in Katar auf eine Art Versöhnungskurs über die politischen Gräben hinweg einzuschwören, könnte das Signalwirkung für den Rest der Gesellschaft haben. Schon beim Auftaktsieg über Serbien lagen sich die Brasilianer erstmals wieder in den Armen, feierten in den Cafés und Bars gemeinsam den Sieg. Das wäre dann der optimale Ausgang dieser schwierigen Übergangsphase.

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