Nach der Europameisterschaft: Fußball ist nicht nur ein Spiel

  • Die Europameisterschaft ist zu Ende.
  • Dabei war der Fußball immer schon politisch.
  • Das zeigte sich jetzt einmal mehr.
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Liebe Leserin, lieber Leser,

die Fußball-Europameisterschaft ist zwar in der Nacht von Sonntag auf Montag dramatisch zu Ende gegangen. Atmosphärisch freilich hallt sie noch nach.

Das gilt auch für das Regierungsviertel. Ohnehin gab es immer Wechselwirkungen zwischen dem runden Leder und den Staatsgeschäften. Der Linksintellektuelle Norbert Seitz hat darüber 1990 ein ganzes Buch veröffentlicht: „Kohl & Maradona. Politik und Fußball im Doppelpass.“ Die Bezüge – so viel steht fest – sind reichhaltig.

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Als die deutsche Nationalmannschaft 1954 beim „Wunder von Bern“ den Titel errang, da geschah dies auf den Trümmern eines von den Deutschen angezettelten Krieges. Unter den Stolz mischten sich Tränen – der Freude, der Verwunderung, der Erleichterung.

1974 sah das schon anders aus. Da war die Bundesrepublik Deutschland konsolidiert und modernisiert, das Münchener Olympia-Stadion legte davon Zeugnis ab. Nur die Niederlage im Vorrundenspiel gegen die DDR schmerzte im Westen. Jürgen Sparwasser aus Halberstadt erzielte an jenem 22. Juni in der 77. Minute das einzige Tor für den sprichwörtlichen „zweiten deutschen Staat“ und machte sich damit unsterblich.

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Nervenkrimi im Elfmeterschießen: Italien ist Europameister
1:24 min
Es war das erste Finale, das seit 1976 im Elfmeterschießen entschieden wurde – Italien entschied das Spiel mit 4:3 für sich.  © Reuters

Beim dritten Titel 1990 war das Land wiedervereinigt. Vom vierten Titel 2014 in Brasilien bleiben vor allem das 7:1 gegen den Gastgeber in Erinnerung – und wie sich die nun scheidende Kanzlerin Angela Merkel den Sport bisweilen zunutze machte.

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Die Fußballfans im Bundestag

Während des jüngsten EM-Turniers sprangen einerseits jene Politiker ins Auge, die sich ohnehin für Fußball interessieren. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wäre da zu nennen. Michael Grosse-Brömer muss mit dem Schicksal leben, Anhänger des Hamburger Sportvereins zu sein; das geht nicht ohne Spott ab. Sein SPD-Pendant Carsten Schneider mag als Thüringer Rot-Weiß Erfurt – aber auch Eintracht Frankfurt. Das hat er mit den Grünen-Abgeordneten Konstantin von Notz und Omid Nouripour gemeinsam.

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Linksfraktionschef Dietmar Bartsch ist als Mann aus Mecklenburg-Vorpommern Fan von Hansa Rostock, daneben hat er zwei andere Leidenschaften: Union Berlin und Borussia Dortmund. Das Parlament kickt übrigens selbst: in Gestalt des FC Bundestag. Da war zumindest früher mal unter anderem der Linke André Hahn aktiv. Richtig, der Sachse heißt genauso wie der Stürmer vom FC Augsburg.

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EM-Klassiker: Deutschland verliert gegen England 0:2
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Deutschland verliert gegen England mit 2:0, auch weil das Löw-Team hundertprozentige Chancen nicht nutzen konnte.  © dpa

Das Turnier stand andererseits unter besonderen Vorzeichen. Schließlich hat die deutsche Mannschaft just gegen jenes englische Team verloren, das dann das Finale gegen Italien verlor.

Zwar ließ sich die ehemalige Bundesjustizministerin und heutige Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley, vor dem Endspiel mit den Worten vernehmen: „Best of luck to Italy but pretty sure that it’s coming home tonight! England for the win!“ Also: „Viel Glück den Italienern. Aber England wird gewinnen.“ Die Neigung der Sozialdemokratin kommt nicht von ungefähr, sie ist Tochter eines Briten und einer Deutschen.

Im Bundestag gibt es unterdessen Parlamentarier mit italienischem Migrationshintergrund: Lars Castellucci von der SPD oder Fabio De Masi von der Linken. Auch sonst lagen die Sympathien ziemlich klar aufseiten der Italiener. So entfuhr es dem besagten Grosse-Brömer in der Finalnacht um halb zwölf auf Twitter, dass der in der Tat famose Giorgio Chiellini Spieler des Turniers werden müsse.

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Der Chemnitzer SPD-Abgeordnete Detlef Müller, auch ein Fußballfan vor dem Herrn, schrieb zu Beginn der zweiten Halbzeit frustriert, dass die Italiener den Verlust des verletzten Leonardo Spinazzola wohl „nicht kompensieren“ könnten – und wurde später erfreut eines Besseren belehrt. Von Notz schließlich versah einen Tweet lediglich mit einer italienischen Flagge und drei Herzen in den italienischen Nationalfarben.

Die Zuneigung dürfte nicht allein mit dem deutschen Scheitern gegen England zu tun haben und mit der Tatsache, dass den Deutschen das sonnige Italien mit Pizza, Pasta und Vino Rosso als Urlaubsland näher liegt als die verregnete britische Insel mit Fish and Chips. Wenn nicht alles täuscht, dann spielen der Brexit und das Unbehagen mit Premier Boris Johnson mit hinein – sowie der laxe Umgang mit Corona. Da wurde eine Entfremdung sichtbar, die sich noch vertiefen könnte.

Es zeigt sich jedenfalls einmal mehr: Der Fußball ist auch politisch und er ist – mal mehr, mal weniger – national aufgeladen. Eines ist er leider ganz gewiss nicht: nur ein Spiel.

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Wahlkampfsprech – Deutsch: Was Politiker wirklich sagen

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Ich finde die Kritik im Fall von Frau Baerbock ein bisschen übertrieben.

Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Bei der SPD sah es in den vergangenen Wochen ja mal wieder nicht so doll aus. Die Umfragewerte waren wie gewohnt im Keller. Und Kanzlerkandidat Olaf Scholz wirkte mal wieder nicht wie einer, den man gerne zu einer Party einlädt, weil er da für Stimmung sorgt.

Jetzt sagte der Sozialdemokrat mit Blick auf seine Grünen-Konkurrentin Annalena Baerbock: „Frauen werden anders behandelt als Männer, auch in der Politik. Das ist nicht fair. Und es gehört auch ausgesprochen.“ Er fügte hinzu, die Kritik an Baerbock sei „ein bisschen übertrieben“. Besser hätte der Vizekanzler und Finanzminister nicht zum Ausdruck bringen können, dass er sich im Aufwind wähnt.

Lange hatten die Grünen den Wahlkampf ja als Zweikampf zwischen sich und der Union inszeniert. Die SPD wurde von der Ökopartei bestenfalls noch ignoriert. Jetzt steigen die Sozialdemokraten in den Umfragen. Baerbocks Krise wird für sie zum „Fenster der Gelegenheit“. Da macht es sich gut, dass ihr Spitzenmann gerade bei internationalen Finanzministertreffen den Staatsmann geben und sich gegenüber der Mitbewerberin noch dazu generös zeigen darf. Wenn Scholz sagt, dass er die Kritik an Baerbock „ein bisschen übertrieben“ finde, dann genießt er also in Wahrheit – zumindest „ein bisschen“.

Wie das Ausland auf die Wahl schaut

Zu den Problemen der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“:

„Sie ließ ihr Studium bombastischer erscheinen, als es war, stilisierte sich zur Völkerrechtlerin – und dann die Krönung: ein Buch, halb Autobiografie einer 40-Jährigen, halb politisches Programm. Die Selbstdarstellung war aufgesetzt bildungsbürgerlich und sollte kaschieren, dass die Bewerberin ihr Berufsleben nur im grünen Orbit verbracht hatte: eine Parteisoldatin, gestählt und gehärtet in der hermetischen Welt der Parteigremien.

Baerbock hat den Moment verpasst, das auf Selbsterhöhung zielende Marketing durch ein bescheideneres Auftreten zu korrigieren. (...)

Man weiß nie, woran man bei ihr ist. Mal gibt sie sich als souveräne Politikerin, die Europas Vormacht führen will, mal als frecher Jungstar, der sich nach oben kämpft. Am Schluss bleibt das Bild einer unfertigen Kandidatur. Schon steht die Frage im Raum, ob sie zugunsten Habecks verzichten soll. Der Vorschlag ist schräg, weil Kanzlerkandidaten keine nach Belieben austauschbare Dutzendware sind. Aber nichts illustriert besser als das, in welche Sackgasse sich die Grünen manövriert haben.“

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