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Newsletter „Klima-Check“

Nach dem Weltklimabericht: Was jetzt zu tun ist

„Floating Earth“ des britischen Installationskünstlers Luke Jerram.

Liebe Leserinnen und Leser,

natürlich nutzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wieder starke Worte. Man sei an einem „Scheideweg“ angelangt. Es heiße „jetzt oder nie“, kommentierten die Weltklimarat-Forschenden ihren am Montag erschienenen dritten Teil des 6. Sachstandsberichts. Und natürlich, das wird darin völlig klar, läuft der Menschheit die Zeit davon. Wenn sie sich noch Hoffnungen auf das 1,5-Grad-Ziel machen will, dann müssen die Treibhausgas-Emissionen spätestens 2025 ihren Höhepunkt erreicht haben.

Aktuell jedoch wachsen sie beständig – wenn auch langsamer. Einige Experten und Expertinnen machen sich in der aktuellen Situation deshalb wenig Hoffnungen: Das 1,5-Grad-Ziel sei kaum noch zu schaffen, befürchtet etwa der Klimaforscher Mojib Latif.

Man kann den IPCC-Bericht auch anders lesen

Man kann den neuen Bericht des IPCCs durchaus so interpretieren. Man muss es aber nicht. Während die ersten beiden Teile vor allem in erschütternder Sachlichkeit darlegten, wie die Menschheit die Welt verändert hat, welchen irreversiblen Schaden wir bereits angerichtet haben, darf – wer möchte – den dritten Teil auch anders verstehen: Als dringliche Aufforderung zum Handeln zum Beispiel oder als Motivation, um jetzt wirklich alle Kraft in die Energiewende zu stecken.

Denn auch das sagen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit aller Deutlichkeit: Wir könnten die Emissionen bis 2030 halbieren. Wir haben die dazu notwendigen Werkzeuge; wir wissen genau, was zu tun ist: Die Treibhausgasemissionen müssen unverzüglich sinken. Nur dann könnten wir es schaffen, das 1,5-Grad-Ziel erreichen, zumindest langfristig. Dafür sind enorme Anstrengungen nötig. Welche Maßnahmen dabei das größte Potenzial bieten, zeigen wir ihnen in unserer

Infografik der Woche

Diese zehn Bereiche bergen laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarates die größten Einsparpotenziale bei CO₂-Emissionen bis 2030. Die Farbe der Balken gibt die mit der Maßnahme verbundenen Kosten an. Je länger ein Balken, desto mehr CO₂ lässt sich in diesem Jahrzehnt noch einsparen.

Grün gefärbte Bereiche geben dabei an, dass sich mit der Umsetzung im Laufe der Lebenszeit Kosten einsparen lassen. Je dunkler die Färbung wird, desto mehr Geld muss zur Realisierung aufgewendet werden.

 

Faktencheck der Woche

Die Wissenschaft hält es für immer wahrscheinlicher, dass die Erhitzung der Erde zeitweise die kritische Schwelle von 1,5 Grad übersteigen wird, bevor sie durch entsprechende Maßnahmen wieder sinken könnte. Dabei wird auch die Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre eine Rolle spielen. Das geht etwa durch Aufforsten oder die Renaturierung von Mooren, weil beides viel CO₂ aufnimmt. Doch in Deutschland sind die meisten Moore trockengelegt worden. Saskia Heinze hat sich angeschaut, welche Folgen das hat.

Das Teufelsmoor erstreckt sich vom Fluss Wümme bei Bremen bis hoch nach Bremerhaven auf rund 400 Quadratkilometern. Hier liegt ein gigantischer CO₂-Speicher unter der Erde, der in Gefahr ist.

Das Teufelsmoor erstreckt sich vom Fluss Wümme bei Bremen bis hoch nach Bremerhaven auf rund 400 Quadratkilometern. Hier liegt ein gigantischer CO₂-Speicher unter der Erde, der in Gefahr ist.

Wieso sind Moore ein Problem im Klimawandel?

Moore sind Feuchtgebiete. Ihr Boden besteht aus Torf, also quasi aus abgestorbenen Pflanzenresten. Eigentlich ist das nasse Moor ein natürlicher Speicher von CO₂. Heute sind viele Flächen aber eine Problemzone, die den Klimawandel noch verstärken.

In den vergangenen Jahrhunderten wurden die meisten Moore in Deutschland trockengelegt, um Landwirtschaft betreiben zu können. Dabei wurde auch Torf abgetragen und als Rohstoff verkauft. Damals dachte man noch nicht daran, dass Sauerstoff in den Torf eintritt. Mikroorganismen zersetzen dann den trockenen Torf. Und je mehr sie das tun, umso mehr Moorboden schwindet – und umso mehr Kohlenstoffdioxid landet dabei in der Atmosphäre.

Wie viel CO₂ gelangt durch Moore in die Atmosphäre?

Die entwässerten Moore verursachen überproportional hohe Emissionen, obwohl sie lediglich 0,3 Prozent der Landfläche der Welt ausmachen. Ein Beispiel aus dem Teufelsmoor in Niedersachsen: 30 bis 40 Tonnen CO₂ landen pro Jahr in der Atmosphäre – und das nur auf einem Hektar Moorfläche. „Das ist so, wie wenn man mit dem Flugzeug dreimal um die Erde fliegt“, sagt der Biologe Hans-Gerhard Kulp.

Das ist kein Einzelfall: Rund 7 Prozent aller nationalen Treibhausgas-Emissionen kommen Forschungsberichten zufolge aus trockengelegtem Moor. Die Flächen hierzulande sind vor allem in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Bayern zu finden. Und weltweit sind die entwässerten Moore mit jährlich zwei Gigatonnen CO₂ für fast 5 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich, wie das Greifswald Moorinstitut festhält.

Was kann man tun, um die CO₂-Emissionen durch Moore zu stoppen?

Experten und Expertinnen gehen davon aus, dass Deutschland bis 2045 nicht klimaneutral werden kann, wenn die Moore im Zustand von heute bleiben. Die trockengelegten Flächen müssten deshalb eigentlich wieder mit Wasser geflutet und angestaut werden. Fachleute sprechen dabei von Wiedervernässung. Dadurch würde sich der Torf relativ schnell nicht weiter in so einem Ausmaß wie derzeit zersetzen und kein CO₂ mehr in die Atmosphäre geben. Mit der Zeit versauert das Wasser auch, sodass sich neuer Torf bilden kann, der sogar zusätzlich CO₂ aus der Luft zieht. Bis sich solche Effekte einstellen können, braucht es aber mehrere Jahrzehnte.

Statt der traditionellen Form der Moorbewirtschaftung experimentieren Forschende zudem mit der sogenannten Paludikultur. Dabei soll auf nassem Moorboden Landwirtschaft betrieben werden. Biomasse, wie Schilf etwa, könnte beispielsweise als Baustoff verwendet und verkauft werden.

 

Verbrauchertipp der Woche

Diese Hitze! Knallt die Sonne an heißen Tagen vom Himmel, halten es manche Menschen auch im eigenen Garten nicht mehr aus. Doch das muss nicht sein: Landschaftsarchitekt Markus Meyer erklärt im RND-Interview mit Sarah Franke, wie das Grün vor der Haustür kühl bleibt. Er rät:

Je natürlicher der Garten gestaltet ist, desto mehr trotzt er der Hitze.

Je natürlicher der Garten gestaltet ist, desto mehr trotzt er der Hitze.

  • Bloß keinen Schottergarten anlegen. Denn die führten zu einer „wahnsinnigen Überhitzung“ und seien ökologisch sehr bedenklich. Pflanzen regulieren dagegen den Wasserhaushalt im Boden und beschatten – eine wirksame Möglichkeit, um Hitze abzudämpfen. In einigen Regionen sind Schottergärten inzwischen sogar verboten.
  • Neophyten, also Arten, die zuvor nicht heimisch waren, eine Chance geben. „Vielleicht stehen bei uns in den Städten irgendwann keine Eschen oder Kastanien mehr, sondern Orangen- und Olivenbäume. Die kommen nämlich besser mit der Hitze zurecht“, sagt Meyer.
  • Auf Bodendecker, also flachwachsende Pflanzen, setzen. Sie können brachliegende Vegetationsflächen bedecken und verhindern so, dass die nackte Erde die Sonnenstrahlung wieder nach oben reflektiert.
  • Die richtigen Gartenmöbel auswählen. „Viele Menschen haben Accessoires, die die Hitzeeinwirkung noch nach oben potenzieren, weil sie Sonnenstrahlen reflektieren“, sagt Meyer. Statt auf den Glastisch mit Metallumrundung sollte man eher auf Rattanmöbel oder Holztische setzen. Auf Sonnenschirme aus dunklen Materialien, Metallkerzenständer oder Hochbeete aus Kunststoff kann man dagegen verzichten.
 

Der RND-Klima-Podcast – hier hören

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Die gute Nachricht

Guriurius minuano gehört zur Familie der Springspinnen und kommt im südlichen Brasilien, in Uruguay und bei Buenos Aires in Argentinien vor.

Guriurius minuano gehört zur Familie der Springspinnen und kommt im südlichen Brasilien, in Uruguay und bei Buenos Aires in Argentinien vor.

Die Liste der bekannten Spinnenarten ist auf 50.000 angewachsen: Die neueste Art namens Guriurius minuano wurde in Lateinamerika identifiziert, wie die Herausgeber des World Spider Catalogue (Weltspinnenkatalog) am Naturhistorischen Museum in Bern bekannt gaben. Sie wiesen darauf hin, dass es geschätzte weitere 50.000 Spinnenarten gibt, die bislang noch nicht entdeckt wurden.

Laut den Betreibern des globalen Spinnenkatalogs haben Spinnen auch für Menschen eine wichtige ökologische Bedeutung, weil sie pro Jahr Hunderte Millionen Tonnen Insekten fressen und so Insektenpopulationen regulieren.

 

Aktuelle Hintergründe

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts nutzen die Bordhelikopter des Forschungseisbrechers Polarstern, um Schneeproben auf dem Meereis zu nehmen. Selbst im Schnee der Arktis fanden die Forscher Mikroplastik.

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts nutzen die Bordhelikopter des Forschungseisbrechers Polarstern, um Schneeproben auf dem Meereis zu nehmen. Selbst im Schnee der Arktis fanden die Forscher Mikroplastik.

„Osterpaket“: Habeck legt beim Ökostrom den Turbo ein

Sechs Gesetze, Hunderte Seiten Papier: Mit seinem sogenannten Osterpaket will Wirtschaftsminister Robert Habeck die Energiewende massiv vorantreiben. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat er dafür ein weiteres gewichtiges Argument. Doch trotz ihrer Bekenntnisse zu „Freiheitsenergien“ hat die FDP noch Redebedarf. RND-Wirtschaftschef Andreas Niesmann erklärt die Details: hier.

  • Habeck hat eine Herkulesaufgabe mit ungewissem Ausgang vor sich – doch schon jetzt hat er nach vier Monaten mehr geschafft als sein CDU-Vorgänger Peter Altmaier in vier Jahren, schreibt Niesmann hier in seinem Kommentar.

Von wegen unberührte Wildnis: auch Arktis voller Plastikmüll

Die Arktis ist einer aktuellen Übersichtsstudie zufolge inzwischen ähnlich stark mit Plastik vermüllt wie dicht besiedelte Regionen. Hohe Konzentrationen von Mikroplastik fänden sich im Wasser, am Meeresboden, an unbewohnten Stränden, in Flüssen und selbst in Eis und Schnee, berichten Forschende des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) im Fachmagazin „Nature Reviews Earth & Environment“. Folgen habe das für die Lebewesen dort, aber womöglich auch fürs Klima.

Kolumne: Warum ich meinen Kindern keine Klimabücher vorlese

Wer heute ein Kind ist, wird als Erwachsener in der Realität des Klimawandels leben. Müssen Kinder da nicht so schnell wie möglich verstehen, was um sie herum passiert und wie der Klimawandel funktioniert? RND-Kolumnistin Insa Thiele-Eich erklärt, warum sie ihren Kindern lieber keine Bücher zum Klimawandel vorliest.

 

Bild der Woche

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der „Scientist Rebellion“ und Aktivisten und Aktivistinnen von „Extenction Rebellion“ protestieren gemeinsam vor dem Abgeordnetenhaus in Madrid mit biologisch abbaubaren Kunstblut gegen die Klimakrise. Die Forschenden wollten so auf Jahrzehnte der Tatenlosigkeit angesichts der immer schnelleren Erderwärmung hinweisen, schrieb die Gruppe „Rebelión Cientifica“ in einer Mitteilung.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der „Scientist Rebellion“ und Aktivisten und Aktivistinnen von „Extenction Rebellion“ protestieren gemeinsam vor dem Abgeordnetenhaus in Madrid mit biologisch abbaubaren Kunstblut gegen die Klimakrise. Die Forschenden wollten so auf Jahrzehnte der Tatenlosigkeit angesichts der immer schnelleren Erderwärmung hinweisen, schrieb die Gruppe „Rebelión Cientifica“ in einer Mitteilung.

 

Termine der Woche

  • Samstag, 9. April, London: „Extinction Rebellion“ will großangelegte Protestaktionen in London veranstalten: Die Klimaschutzaktivisten haben tägliche Demonstrationen in der britischen Hauptstadt angekündigt.
  • Samstag, 9. April, 10 Uhr, Königsbronn: Die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), und CDU-Bundesvize Andreas Jung sprechen mit der deutschen Vertreterin des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR), Katharina Lumpp, über Klimaaußenpolitik.
  • Montag, 11. April 2022, 13 Uhr: Mercedes-Benz-Vorstandschef Ola Källenius verkündet in einer Onlinekonferenz die Nachhaltigkeitsstrategie des Autobauers, der im vergangenen Jahr seinen Plan zur Elektrifizierung beschleunigt hatte.
  • Montag, 11. April, Neuseeland: Ein internationales Forscherteam bricht zu einer Expedition im Südpazifik mit dem Forschungsschiff Sonne auf. Ziel der Expedition ist, die Klimaveränderungen und die Meeresströmungen in der Tasmansee (Südwestpazifik) sowie die Vereisungsgeschichte der Südinsel Neuseelands zu rekonstruieren.
  • Mittwoch, 13. April, Almere (Niederlande): Die Weltgartenausstellung „Internationale Floriade Expo 2022″ in Almere (nahe Amsterdam) wird vom niederländischen König eröffnet. Thema ist in diesem Jahr: „Wachsende Grüne Städte“, es geht um die Gestaltung der Städte der Zukunft.

Das war‘s wieder für diese Woche. Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Redaktionsteam: klima@rnd.de Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

Nachhaltige Grüße bis nächste Woche

Anna Schughart und Saskia Heinze

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