Nach dem Brexit: Die Zukunft der Briten ist ungewiss

  • Großbritannien hat die Europäische Union in der Nacht zum Samstag verlassen.
  • Die Regierung von Boris Johnson verzichtete auf triumphale Gesten, anders als Nigel Farage von der Brexit Party.
  • Wie es nach der zum Jahresende auslaufenden Übergangsphase weitergeht, weiß niemand.
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London. Großbritannien hat die Europäische Union nach fast 50-jähriger Mitgliedschaft verlassen und damit einen Sprung ins Ungewisse gewagt. Um 23 Uhr Ortszeit (null Uhr Mitteleuropäischer Zeit) brachen Tausende Brexit-Anhänger vor dem Londoner Parlament in Jubel aus, während viele andere Briten Trauer über den Abschied aus der EU trugen. Wehmut war auch in Brüssel sichtbar, wo britische Flaggen geräuschlos von vielen Amtsgebäuden eingeholt wurden. Premierminister Boris Johnson bezeichnete den Brexit in einer Ansprache kurz vor dem Austritt des Landes „nicht als Ende, sondern als Neubeginn“. Er sprach von einem „Moment echter nationaler Erneuerung und des Wandels“.

Die Regierung setzte darauf, den historischen Moment würdig und ohne triumphierende Gesten zu begehen – das Referendum Mitte 2016 war nur äußerst knapp mit 52 zu 48 Prozent der Stimmen für den Brexit ausgegangen. Regierungsgebäude wurden in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau angestrahlt, eine auf Johnsons Amtssitz in der Downing Street projizierte Uhr zeigte den Countdown an. In seinem Amtssitz gab Johnson einen Empfang mit englischen Spezialitäten für Minister, Berater, Staatsbedienstete und Brexit-Aktivisten.

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Jubel und Trauer nach Brexit-Vollzug
1:28 min
Das Vereinigte Königreich ist nach 47 Jahren nicht mehr Teil der Europäischen Union.  © AFP
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In Edinburgh weht weiter die EU-Flagge

Andere Brexit-Anhänger feierten offensiver. Nigel Farage von der britischen Brexit Party, der sich besonders intensiv für den Austritt des Landes eingesetzt hatte, traf sich mit Gleichgesinnten auf dem Parliament Square zu patriotischen Liedern und Reden. Viele schwenkten Union-Jack-Flaggen in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau. Der berühmte Glockenturm Big Ben schlug elfmal – aber nur auf einer Aufnahme. Der echte Big Ben blieb wegen Wartungsarbeiten stumm.

Anderen war nicht zum Feiern zumute. In Edinburgh wurde die EU-Flagge vor dem schottischen Parlament in der Nacht zum Samstag nicht eingeholt. Die Abgeordneten dort stimmten dafür, sie als Symbol für ihren Widerstand gegen den Brexit an Ort und Stelle zu behalten. Die EU-freundliche schottische Regierung strahlte am Freitag zwei ihrer Gebäude in den blau-gelben Farben der EU-Flagge an. Während England und Wales mehrheitlich für den Brexit stimmten, hatten Nordirland und Schottland für einen Verbleib in der EU gevotet, der Großbritannien seit 1973 angehörte.

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Es ist das erste Mal, dass sich ein Mitglied aus der EU verabschiedet hat. 47 Jahre lang war Großbritannien Mitglied der EU und deren Vorgängerorganisationen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte am Freitag in Brüssel, bei Sonnenaufgang am Samstag werde ein neues Kapitel „für unsere Union der 27“ beginnen. Der Tag des Brexits werde für Großbritannien einen großen Verlust markieren, auf die Insel kämen einsamere Zeiten zu. „Stärke liegt nicht in ‚splendid isolation‘, sondern in unserer einzigartigen Union“, sagte sie.

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Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nannte den Brexit „ein historisches Alarmsignal“, das die EU dazu zwingen sollte, sich zu verbessern. „Es ist ein trauriger Tag. Verschweigen wir es nicht“, sagte Macron in einer TV-Ansprache. Doch bräuchten EU-Bürger ein vereinigtes Europa „mehr denn je“, um ihre Interessen im Angesicht Chinas und der USA zu verteidigen und es mit Klimawandel, Migration und technologischen Umwälzungen aufzunehmen.

Trauer in London

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der den Brexit mit einer Zunahme der Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht hat, erklärte, die britische Hauptstadt werde „eine wahrhaft globale, europäische Stadt“ bleiben. London hatte mit großer Mehrheit gegen den Brexit gestimmt. „Wir werden weiterhin ein Leuchtturm für progressive Ideen, für liberale Werte und für Anstand und Vielfalt bleiben“, erklärte er.

Nach dem dreieinhalbjährigen Ringen um die Umsetzung des Brexits steht London und Brüssel nun die nächste Herkulesaufgabe bevor: das Aushandeln der neuen Beziehungen im Detail bis zum Jahresende. Für Briten und EU-Bürger bleibt fürs Erste jedoch fast alles wie gehabt. London und Brüssel haben sich auf eine Übergangszeit von elf Monaten geeinigt, in der Großbritannien noch die EU-Regeln befolgen wird. Beim Ringen um neue Vereinbarungen bei Handel, Sicherheit und anderen Themen dürfte es aus Sicht von Experten jedoch viele Hürden geben – Ausgang ungewiss.

RND/AP

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