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Nach Brand in Flüchtlingslager: Die Furcht vor einem neuen Moria

  • In Rekordzeit haben die griechischen Behörden nach dem Brand im Lager Moria auf Lesbos eine Zeltstadt aufgebaut.
  • Aber die Menschen leben dort in einem Provisorium.
  • Die UN-Flüchtlingsagentur warnt vor “neuen Morias”.
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Athen. Im Volksmund heißt das Camp Kara Tepe, schwarzer Hügel. So nennen die Bewohner von Lesbos die Gegend. Der türkische Name stammt noch aus der Zeit, als die Osmanen über Lesbos herrschten. Die offizielle Bezeichnung lautet RIC Lesbos. Die Abkürzung RIC steht für Aufnahme- und Identifikationszentrum.

Starke Polizeikräfte riegeln das Lager ab. Reporter haben keinen Zutritt. Aber was Bewohner und Hilfsorganisationen über die Zustände im Camp berichten, klingt beunruhigend. Die Zelte, in denen die Menschen leben, schützen nur unvollkommen vor Wind, Regen und Kälte. Immer noch fehlt es an Feldbetten, viele Menschen schlafen auf dem Boden.

Kinder spielen mit Munition

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Das Lager, direkt am Meer gelegen, ist Wind und Wetter ausgesetzt. Wenn die Herbststürme kommen, könnte es überflutet werden, warnt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Das Camp wurde auf einem ehemaligen Schießlatz der griechischen Armee errichtet. Das bedeutet zusätzliche Risiken.

Video
RND-Reporterin auf Lesbos: Angst vor dem zweiten Moria
2:03 min
Nach dem Brand von Moria wollen die Geflüchteten auf Lesbos nicht in das derzeit errichtete Behelfslager einziehen.  © RND

Videoaufnahmen zeigen, wie kleine Kinder mit Munition spielen, die sie in der Erde gefunden haben. Jetzt versuchen Soldaten, die Patronen einzusammeln. Noch gibt es nur chemische Toiletten und viel zu wenige Duschen. Das Lager hat weder ein Abwassersystem noch eine flächendeckende Trinkwasser- und Stromversorgung. Die medizinische Versorgung ist unzureichend.

Mehrzahl der Bewohner von Moria hatte kein festes Dach

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Im Lager Moria lebten etwa 3500 Migranten in festen Wohncontainern mit Stromanschluss und Heizung. Für sie sind die Bedingungen im neuen Zeltlager nun wesentlich schlechter.

Die Mehrzahl der rund 13.000 Bewohner von Moria hatte allerdings auch dort kein festes Dach über dem Kopf. Sie hausten außerhalb des eigentlichen Camps in selbst gezimmerten Verschlägen aus Latten, Pappe und Plastikplanen.

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In der Nacht zu Mittwoch ist im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ein verheerendes Feuer ausgebrochen.  @ Quelle: Panagiotis Balaskas/AP/dpa

Bei dem Feuersturm, der in der Nacht zum 9. September das Lager vernichtete, haben die Bewohner fast alle ihrer wenigen Habseligkeiten verloren. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Sechs mutmaßliche Täter, afghanische Migranten im Alter von 17 bis 20 Jahren, sitzen in Untersuchungshaft. Sie sollen das Lager angesteckt haben, um so ihre Übersiedlung aufs Festland zu erzwingen.

Flüchtlinge werden aufs Festland gebracht

Mit fast 10.000 Bewohnern ist das neue Zeltlager bereits fast bis an die Grenze seiner Kapazität belegt. Um es zu entlasten, bringt die griechische Regierung jetzt mehr Migranten von Lesbos in Unterkünfte aufs Festland. Am Montagabend sollten mehr als 700 Menschen, die bereits Asyl bekommen haben, die Insel verlassen.

Am Donnerstag und am nächsten Montag sollen weitere 2300 anerkannte Flüchtlinge mit Fähren nach Piräus gebracht werden. Deutschland hat sich bereiterklärt, 1553 Flüchtlinge von Lesbos und anderen griechischen Inseln aufzunehmen. Es handelt sich um Familien, die ihre Asylverfahren bereits erfolgreich abgeschlossen haben.

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Asylverfahren beschleunigen

Die griechische Regierung will außerdem die bisher schleppenden Asylverfahren beschleunigen. Der Minister für Bürgerschutz, Michalis Chrysochoidis, verspricht, dass bis Weihnachten die Hälfte der jetzt auf Lesbos wartenden Asylsuchenden und bis Ostern 2021 die restlichen aufs Festland umgesiedelt werden.

Philippe Leclerc ist Griechenland-Repräsentant der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR in Griechenland. Die Organisation stellte für das neue Lager Familienzelte und anderes Hilfsmaterial zur Verfügung. Leclerc bittet die Migranten, “Geduld zu zeigen und mit den Behörden zusammenzuarbeiten”.

Angst vor weiteren Morias

Er fordert aber auch von der griechischen Regierung bei der Betreuung der Migranten “eine umfassende Lösung, die über kurzfristige Notlösungen hinausgeht”. UNHCR mahnt die griechische Regierung und die EU-Kommission, mehr Unterkünfte auf dem Festland bereitzustellen.

An die europäischen Staaten appellierte die Organisation, Griechenland mit der Aufnahme besonders schutzbedürftiger Asylsuchender und bereits anerkannter Flüchtlinge zu unterstützen. Sonst, so warnt Leclerc, “werden wir sehen, dass mehr Morias entstehen”.

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