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Myanmar: Wie eine neue Generation der Junta trotzt

  • Trotz wachsender Gewalt der Sicherheitskräfte in Myanmar haben Demonstranten dort zunächst ihrem Ärger mit farbenfroher Kreativität Luft gemacht.
  • Doch die bunten Proteste gibt es längst nicht mehr. Mittlerweile sind mehr als 60 Menschen bei Demonstrationen ums Leben gekommen
  • Trotzdem fordern die Protestierenden weiterhin die Wiedereinsetzung von Aung San Suu Kyi, der entmachteten und festgesetzten Regierungschefin.
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Nyaung Shwe/Yangon. So schockierend und kaltblütig der Putsch des Militärs in Myanmar Anfang Februar auch war, die kurz darauf im ganzen Land aufkeimenden Proteste waren zunächst bunt, kreativ und fantasievoll.

In Ballkleidern, Hochzeitsroben und Gespensterkostümen marschierten junge Menschen durch die Straßen. Gestählte Bodybuilder mit nackten Oberkörpern waren zu sehen. Und Transgender, deren Demos fast einer Gay Pride gleichkamen. Eine Frau namens Honey ging als „Lady Justice“ – samt schwarzem Abendkleid, verbundenen Augen und Waage in der Hand. „Wir wollen Gerechtigkeit und Frieden, wir wollen keine grundlose Gewalt“, sagte sie.

Die farbenfrohen Aktionen hatten wohl eine doppelte Funktion: Einerseits wollten die Demonstranten zeigen, dass sie in friedlicher Absicht gekommen waren, gleichermaßen unbewaffnet wie selbstbewusst. Und andererseits, dass ihre Generation kaum noch etwas mit jener gemein hat, die fast 50 Jahre lang von den Generälen mit eiserner Faust regiert und bei jedem Fünkchen Widerstand brutal niedergeknüppelt wurde.

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„Ihr habt Euch mit der falschen Generation angelegt“, war passend auf einem Schild zu lesen, das eine junge Protestlerin in schulterfreiem rotem Kleid in den Händen hielt.

Video
Proteste in Myanmar: Mit Wäscheleinen gegen die Militärdiktatur
1:32 min
Wer unter den Leinen hindurch läuft, zieht Unglück auf sich.  © Reuters

Zehn Jahre freieres Leben

Erst vor rund zehn Jahren war die Junta zaghaften demokratischen Reformen gewichen – auch wenn sie sich per Verfassung im Parlament und im Kabinett auch weiter ein deutliches Mitspracherecht eingeräumt hatte. Aber in diesen zehn Jahren sind viele der heutigen Demonstranten von Kindern zu jungen Erwachsenen herangewachsen – Internet, Videogames und soziale Netzwerke inklusive.

„Die heutige Generation in Myanmar hat einen Eindruck davon bekommen, wie es ist, in einer freien Gesellschaft zu leben. Die staatliche Zensur wurde 2012 aufgehoben und Millionen junger Menschen konnten sich zum ersten Mal über das Internet mit der Welt verbinden“, brachte es das „Wall Street Journal“ zuletzt auf den Punkt.

Die Deutsche Claudia war im Jahr 2002 durch das frühere Birma gereist, als die Militärdiktatur noch in vollem Gange war. Das Handy musste sie zuhause lassen, eine Nacht verbrachten Touristen obligatorisch in einem von der Junta betrieben Luxushotel.

„Vor 20 Jahren wagte kaum jemand – selbst in einem privaten Gespräch –, Kritik am Regime zu äußern oder sich zu beklagen, denn überall vermutete man Spitzel“, erinnert sie sich. „Das war ein Überwachungsstaat wie die Ex-DDR, nur noch schlimmer.“ Allerdings habe sich tief im Inneren der Menschen immer Widerstand gerührt. So sei vielen der 1989 vom Militär eingeführte Landesname Myanmar nur schwer über die Lippen gekommen.

Freies Internet gab es damals nicht. Die Regierung war der Provider und kontrollierte alles. Das ist heute anders. Twitter, Faceboook, Whatsapp, Signal: Die Globalisierung hat auch in Myanmar Einzug gehalten und ist nicht mehr zu stoppen.

Auch wenn das Militär seit Wochen jede Nacht das Internet blockieren lässt – die Demonstranten sind mit der Welt verbunden und posten täglich auf allen Kanälen Fotos und Videos von der grausamen Gewalt der Sicherheitskräfte. Die Ballkleider sind Blutbädern gewichen. Die Aufnahmen von gezielten Kopfschüssen und entsetzlich zugerichteten Leichen sind schwer zu ertragen und erreichen auch westliche Regierungen und UN-Gremien.

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Die Welt ist live dabei

Neu ist, dass die Welt nun teilweise live dabei zuschauen kann, wie die Tatmadaw, wie die Militärs in Myanmar genannt werden, wahllos Menschen ermorden. Die Clips rufen Menschenrechtler auf den Plan, so zuletzt die Organisation Amnesty International, die nach der Analyse von 50 Videos von „außergerichtlichen Hinrichtungen“ sprach. „Diese Taktiken des Militärs in Myanmar sind alles andere als neu, aber ihre Amokläufe wurden noch nie zuvor vor den Augen der Weltöffentlichkeit live übertragen“, sagte Joanne Mariner, Leiterin der Krisenreaktion bei der Organisation.

„Die bunten Proteste von vor ein paar Wochen gibt es nicht mehr“, sagt Ye Yint Win aus der ehemaligen Hauptstadt Yangon (früher Rangun). „Wir sind jetzt immer unter Beschuss.“ Mehr als 60 Menschen sind Schätzungen zufolge bereits ums Leben gekommen, wahrscheinlich ist ihre Zahl aber noch weit höher. Tausende Gegner der Generäle wurden zumindest vorübergehend festgenommen. Darunter sind Politiker, Journalisten, Aktivisten, aber auch einfache Bürger.

Alle haben eines gemeinsam: Sie fordern die Freilassung und Wiedereinsetzung von Aung San Suu Kyi, der entmachteten und festgesetzten Regierungschefin. Denn auch wenn die 75-Jährige im Ausland zuletzt umstritten war, in ihrer Heimat ist sie nach wie vor eine Freiheitsikone. Ihr Name steht für Wandel und Aufbruch.

Tattoos als moderner Protest

Mittlerweile lassen sich viele Menschen ihr Antlitz als Tattoo auf Brust, Arme oder Rücken stechen. Oder den Dreifingergruß, der sich wie im benachbarten Thailand zum Symbol des Widerstands entwickelt hat. Auch Körperkunst mit Botschaft ist eine Art von modernem Protest, obwohl Tätowierungen bei verschiedenen ethnischen Gruppen im Land seit Jahrhunderten verbreitet sind. „Die Tätowierungen sind unvergessliche Erinnerungen, die auf unseren Körpern bleiben werden“, sagte der 25-jährige Nyi Nyi aus Nyaung Shwe am Inle-See.

In den vergangenen Tagen hat die Protestbewegung dann erneut gezeigt, dass sie der Junta noch immer mit kreativen Ideen trotzt. Um Polizisten und Soldaten abzuschrecken, hängen die Menschen an über die Straßen gespannten Wäscheleinen bunte Longyis auf, die traditionellen Wickelröcke der Frauen. Oder Frauenunterwäsche. Auch Menstruationsbinden wurden schon gesichtet. Hintergrund: Männer haben in Myanmar Angst, unter Frauenkleidern hindurchzulaufen, weil dies Unglück bringen soll. Eine kuriose Art, um Soldaten aufzuhalten – aber die Militärs in Myanmar sind eben nicht nur äußerst brutal, sondern auch sehr abergläubisch.

RND/dpa

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