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  • MV: Landtagswahl - Schwesig profitiert vom Kümmerer-Image, Konkurrent Sack hilflos

Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Ach wie nett

  • Der Landtagswahlkampf im Nordosten hat nichts von der Schärfe und Spannung des Rennens ums Kanzleramt.
  • In Mecklenburg-Vorpommern profitiert SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von ihrem Kümmerer-Image.
  • Konkurrent Michael Sack von der CDU ist hilflos.
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Güstrow/Greifswald. Da kommt sie. Alle Augen drehen sich zu ihr, die der Seniorinnen auf den Bänken vor dem Borwinbrunnen, der Passanten, Kandidaten und Wahlhelfer. Im hellroten Sommerkostüm tritt Manuela Schwesig zwischen sie, bekommt einen Schwung rote Rosen zum Verteilen in die Hand. Sie gibt Autogramme, lächelt zu Selfies, beugt sich ein bisschen herunter zu den alten Damen, dem Mann im Rollstuhl, strafft sich dann wieder für den nächsten Fankontakt. Manuela Schwesig in Güstrow, das wirkt wie der Promo-Termin eines Schlagerstars, nicht wie der Besuch einer Wahlkämpferin im härtesten Politiksommer seit Langem.

Im Nordosten aber gehen die Uhren wieder einmal anders. Hart war nur das Frühjahr. Im Mai brach die SPD in einer Umfrage auf 23 Prozent ein, weil Schwesig trotz niedriger Corona-Inzidenzen den Tourismus noch nicht wieder zuließ. In Schleswig-Holstein füllten sich die Ostseestrände, in MV wurde man unruhig. Schwesig verteidigt ihre harte Linie bis heute: Das Gesundheitssystem des dünn besiedelten Flächenlandes wäre bei einer Corona-Infektionswelle durch Badegäste sehr schnell überfordert gewesen.

CDU liegt abgeschlagen bei 15 Prozent

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Das alles wirkt, als sei es eine Ewigkeit her. Im Juli und August kamen mehr Touristen denn je ins Land. Und Schwesigs Beliebtheitswerte gehen durch die Decke. Fast zwei Drittel würden sie direkt zur Ministerpräsidentin wählen, wenn sie könnten. Die SPD liegt bei 40 Prozent, so gut standen die Sozialdemokraten seit 20 Jahren nicht mehr da. Der Koalitionspartner CDU liegt abgeschlagen bei 15 Prozent, die persönliche Zustimmung für den weithin unbekannten Herausforderer Michael Sack gar nur bei 11 Prozent. Er werde immer als zu nett wahrgenommen, sagt Sack über sich. „Aber warum darf ein Politiker nicht auch nett sein?“, fragt der Herausforderer am Ende des NDR-„Wahlduells“. Das klang schon fast hilflos. Im persönlichen Gespräch beklagt er, dass Schwesig alles an sich reiße, auch in der Corona-Politik, dass sie aus allem eine Ein-Frau-Show mache.

Manuela Schwesig (SPD, rot) besucht im Wahlkampf einen Marktstand in Güstrow. © Quelle: Jan Sternberg/RND

Im Schwesig-Lager verweist man mitleidig darauf, dass Sack auch nach seiner Nominierung Landrat in Greifswald bleiben wollte und nicht ins Kabinett nach Schwerin wechselte. Ein Herausforderer, der die Herausforderung scheut. Gelegenheit gab es, als der Innenministerveteran Lorenz Caffier (CDU) im November 2020 wegen seines privaten Waffenkaufs bei einem Schießplatzbetreiber mit Kontakt zur rechtsextremen Nordkreuz-Gruppe zurücktrat.

Mit wem Schwesig denn weiterregieren wolle, wird sie in Güstrow gefragt. „Wir haben gut mit der CDU regiert, wie haben davor mit den Linken regiert. Wichtig ist, dass die SPD stark ist“, gibt sie zur Antwort. Was bei anderen wie ein Ausweichen vor dem Wähler klingt, wirkt bei ihr wie eine politische Maxime: Politik der Stärke, nach innen wie außen.

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Ihrem Image schadet es keineswegs, im Gegenteil. „Die Manuela mögen wir“, sagen die beiden alten Damen auf der Bank. Ihre Stimmen habe sie sicher. Gibt es denn irgendetwas, was sie vermissen in Güstrow? Da fällt ihnen auch nach längerem Nachdenken nichts ein. Schön geworden sei die Stadt, schön übersichtlich auch, und der Brunnen sei jetzt auch repariert, vorletztes Silvester hatte jemand mit einem Polenböller die Schale zersprengt. „Aber den haben sie gekriegt, der das gemacht hat.“

Nett: Michael Sack, Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. © Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp
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Probleme hat Mecklenburg-Vorpommern genug

Probleme hat das Flächenland natürlich genug: Kaum Industrie, die Werften in der Dauerkrise, die Fischerei am Boden, Lehrerinnen fehlen ebenso wie Erzieher, die Löhne sind niedrig, die Wege weit, kaum öffentliche Verkehrsmittel. Die SPD setzt auf soziale Themen, 12 Euro Mindestlohn, und Schwesig verspricht ein landesweites Rufbussystem. Auswärtige fragen ungläubig: Noch nicht einmal das gibt es bisher?

Kein Problem für Schwesig ist die nun fertiggestellte russische Gaspipeline Nord Stream 2, die in Lubmin bei Greifswald ankommt. Selbst wahlkämpfende Jusos sprechen vom Erdgas als „Brückentechnologie“. Das intransparente Wirken der vom Nord-Stream-Mutterkonzern Gazprom finanzierten Umwelt- und Klimastiftung MV, der Schwesigs Vorgänger Erwin Sellering vorsteht – kein Thema im Wahlkampf.

SPD regiert seit 1998

Mecklenburg-Vorpommern ist neben Brandenburg das zweite sozialdemokratische Kernland im Osten. Seit 1998 regiert die SPD, erst unter Harald Ringstorff, dann unter Sellering. Er gewann 2016 die Landtagswahl. Wegen einer Krebserkrankung zog er sich 2017 zurück, Schwesig legte ihr Amt als Bundesfamilienministerin nieder, kehrte aus Berlin nach Schwerin zurück. Als 2019 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, gab sie das Amt als kommissarische SPD-Vorsitzende auf – das Land regierte sie auch während der Therapie.

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Sie hat den Krebs besiegt, nun muss sie ihre erste Landtagswahl gewinnen. Unermüdlich tourt sie durchs Land, nicht nur im Wahlkampf. Es dürfte eher kein Witz sein, wenn sie als persönliches Fernziel ausgibt, mit jedem der 1,6 Millionen Landeskinder ein paar Worte gewechselt zu haben.

„Ich möchte mit jedem reden, mir jede Meinung erst einmal anhören“, sagte sie kürzlich in einer Social-Media-Runde mit zugeschalteten Jusos. Und das tut sie auch in Güstrow, nimmt sich Zeit, bleibt vage, aber hoffnungsfroh. „Die Seele der Kinder geht durch die Corona-Maßnahmen kaputt, das kann man nicht mehr heil machen, auch nicht mit Geld“, klagt ein junges Elternpaar auf dem Marktplatz. „Lassen Sie uns gut durch die letzten Monate kommen“, antwortet Schwesig lächelnd. Beim nächsten Termin in einem Möbelwerk lobt sie die belegten Brötchen. Der Caterer sei früher Smutje auf einem Fischtrawler gewesen, antwortet der Firmenchef, aber die Fangschiffe gebe es ja schon lange nicht mehr. Schwesig erlaubt sich keinen nachdenklichen Moment bei dieser ostdeutschen Verlustgeschichte. „Dann muss es ja schmecken“, antwortet sie fröhlich.

Schwesig redet nicht mit überzeugten Nazis

Nur mit überzeugten Nazis rede sie nicht, sagt Schwesig. Und auch die AfD findet bei ihr keine Erwähnung. Zum ersten Mal seit Jahren steht bei einer Landtagswahl im Osten nicht der Abwehrkampf gegen die Rechtspartei im Vordergrund. Dabei hat sich die AfD, ähnlich wie in anderen Bundesländern, in der letzten Legislaturperiode zwar zerstritten und gespalten, aber auch etabliert. Der zweite Platz vor der CDU scheint sicher – doch das war es dann auch.

„Die Frau für MV“ steht auf den Wahlplakaten. So will die 47-Jährige, geboren und aufgewachsen in Ostbrandenburg, gesehen werden. Nach Parteiämtern auf Bundesebene strebt sie zurzeit nicht. Sie kann auch aus Schwerin ihren Einfluss in der Bundes-SPD geltend machen. Erst recht als strahlende Wahlsiegerin.

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