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Mutig gegen den rechten Hass: „Ängstlich? Bin ich null Komma null“

  • Bis August hat die Polizei in diesem Jahr bereits knapp 12.500 Taten „mit politisch rechts motiviertem Hintergrund“ registriert.
  • Die Zahl antisemitischer Taten ist zuletzt deutlich gestiegen, allein 2018 gab es knapp 1800 Delikte.
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ruft zu mehr Zivilcourage im Kampf gegen Antisemitismus auf.
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Als der 48 Jahre alte Unternehmer Jörg Wörle an einem Mittwoch im Oktober die Baustelle an der Kirche St. Georg in Nördlingen verlässt, hört er Worte, die ihn erschrecken. Zwei Arbeiter erzählen ihm, wie zwei Männer sie zuvor beschimpft hatten: „Ihr Missgeburten“, „haut ab aus unserem Land“, solche Sachen.

„Rechtsradikales Zeug“, sagt Wörle, „das man nicht so einfach stehen lassen kann.“ Wörle eilt den Männern nach, will ihnen klarmachen, dass sie so nicht „mit meinen Kollegen“, wie er sagt, reden können. Doch die beiden Männer wollen genau das nicht: mit ihm reden. Ein paar Worte nur, dann packen, schlagen und treten sie ihn und hören auch nicht auf, als er schon am Boden liegt. „So etwas Brutales“, sagt Wörle heute, in ausgeprägtem Schwäbisch, „habe ich noch nicht erlebt.“

„So etwas Brutales habe ich noch nicht erlebt“: Unternehmer Jörg Wörle.
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Es war nur eine vermeintlich kleine Geschichte, die Lokalzeitung berichtete, in die überregionalen Medien schaffte sie es nicht. Dafür gibt es längst viel zu viele solcher Geschichten. Der Mord an Walter Lübcke. Der Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Der Messerangriff des Rechtsextremisten Frank S. auf Henriette Reker am 17. Oktober 2015, einen Tag vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin.

Alles das hat die Nachrichten dominiert. Dahinter jedoch gibt es ein Grundrauschen an Beleidigungen und Bedrohungen, das oft schon kaum mehr für Aufregung zu sorgen scheint. Die Geschichten von dem Unternehmer Jörg Wörle, dem Sozialarbeiter David Janzen oder der Gemeindeleiterin Judith Neuwald-Tasbach und den anderen, um die es hier gehen wird, handeln von Menschen, die sich diesem Rechtsextremismus entgegenstellen – und dem, was sie daraufhin erleben.

„Unberührt lassen mich die Drohungen nicht“: Viviana Weschenmoser fand drei Patronen in ihrem Briefkasten.

Viviana Weschenmoser, 32 Jahre, Studentin, SPD-Stadträtin in Horb:

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Ich hatte vorher noch nie eine echte Patrone gesehen. Aber als die drei im Sommer in meinem Briefkasten lagen, wusste ich dank fleißigen Krimischauens immerhin sofort, was zu tun war: Ich habe sie in Papier eingewickelt – wegen der Spuren – und zur Polizei gebracht. Dort habe ich mich sehr umsichtig behandelt gefühlt. Das hat mir Sicherheit gegeben. Dass ich mich öffentlich gegen rechts engagiere, begann 2007, als ich als Schülerin bei einer Kundgebung gegen die NPD sprach. Seitdem ist öffentlich klar, wo ich stehe. Dafür werde ich in den sozialen Medien heftig angegangen – sehr persönlich und oft auch sexistisch. Es gibt sehr viel Gewalt in den Räumen der sozialen Medien. Dagegen müssen wir auch juristisch viel mehr tun. Aber das erlebe ich auch im Realen. Bei einer Veranstaltung zu Flüchtlingsunterkünften sagte mir ein Mann: „Ich wünsche mir, dass du auch vergewaltigt wirst, dann weißt du, wovon wir sprechen.“ Es gibt gerade in den ländlichen Teilen Baden-Württembergs nicht erst seit 2015 ein Problem mit Rechtsextremismus, das darf man nicht vergessen. Unberührt lassen mich die Drohungen natürlich nicht. Aber wir brauchen mehr Kommunikation über diese Entwicklungen. Ein paar Tage vor den Patronen in meinem Briefkasten war Walter Lübcke erschossen worden. Das war ein Mord, der Dinge bloßgelegt hat, über die wir viel mehr reden müssen.

Am 23. November will die NPD in Hannover eine Demonstration veranstalten. Sie richtet sich gegen öffentlich-rechtliche Medien, Journalisten und Kenner der rechten Szene. Einer von ihnen ist David Janzen, der diese Szene seit Jahren beobachtet.

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David Janzen, 47 Jahre, Sozialarbeiter, Braunschweig:

Ich engagiere mich seit 20 Jahren ehrenamtlich im Bündnis gegen rechts in Braunschweig. Subtile Bedrohungen gab es immer. „War das gestern dein Kind?“ oder „Fährst du immer auf der und der Straße zur Arbeit?“, solche Sachen. Aber das hat sich zuletzt deutlich radikalisiert. In diesem Sommer tauchte zuerst ein Video auf, kurz nach dem Mord an Walter Lübcke. „Heute Walter, morgen Janzen“, drohte da jemand. Ein paar Tage später hatte ich die Morddrohung dann an unserer Haustür: „Wir töten dich, Janzen.“ Unser Eindruck war, dass die Polizei das nicht so ernst nahm. Erst auf öffentlichen Druck bekamen wir dann besonderen Schutz, die Polizei fährt auch jetzt noch regelmäßig bei uns Streife. Trotzdem gab es Ende Oktober die nächste Bedrohung: Jemand spritzte Ketchup an unsere Tür und schüttete ätzende Säure in meinen Briefkasten, die mir beim Öffnen schwer auf die Lunge schlug. Und das alles trotz erhöhter Polizeipräsenz. Man selbst stumpft ja irgendwann ab, aber wenn meiner Familie etwas passieren sollte, das wäre unerträglich. Immerhin aber gab es nach der letzten Aktion jetzt auch den umgekehrten, stärkenden Effekt: Ich bekam unheimlich viel Zuspruch. Das hat mir gezeigt: Wir sind nicht allein. Inzwischen hat die Polizei auch einen Mann ermittelt, den sie ziemlich sicher für den Täter hält. Ich hoffe sehr, dass sie recht behält.

In diesem Jahr hat die Polizei deutschlandweit allein bis August bereits knapp 12.500 Taten „mit politisch rechts motiviertem Hintergrund“ registriert. Darunter waren laut Bundesinnenministerium 542 Gewalttaten, 250 Menschen wurden verletzt. Es sind gewaltige Zahlen, aber am Ende des Jahres werden sie vielleicht nicht mal einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr bedeuten. Da waren es am Ende 20.431 Taten.

Deutschlandweit angestiegen sind antisemitische Taten. Im Jahr 2017 registrierte das Bundeskriminalamt 1504 Delikte, im vergangenen Jahr dagegen 1799. Das sind die reinen Zahlen. Aber sie sind gleichsam so etwas wie der Beleg für den Eindruck, den viele Juden in Deutschland haben: den einer steigenden Bedrohung.

„Die Kinder unserer Gemeinde trauen sich zum Teil nicht mehr, in der Schule zu sagen, dass sie Juden sind“: Judith Neuwald-Tasbach.

Judith Neuwald-Tasbach, 60 Jahre, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen:

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Es gab in den letzten Jahren viele Übergriffe, sodass es gar nicht leicht ist, sie spontan alle aufzuzählen. Uns wurden dreimal Scheiben eingeworfen, einmal hat jemand ein Hakenkreuz an unsere Synagoge geschmiert, einmal hat jemand ein Hakenkreuz in eine Toilettenwand geschnitzt, zuletzt, vergangenes Jahr, wurde ein Gottesdienstbesucher vor der Synagoge beschimpft, weil er eine Kippa getragen hat. Aber fast noch schlimmer als all das fand ich, was ein etwa 15-jähriger Schüler bei einer Führung zu mir sagte: Sein Vater, erzählte er, habe ihm erklärt, dass, wenn Hitler noch zwei Monate länger gearbeitet hätte, es heute keinen Staat Israel gäbe. Ob das stimme, wollte er wissen. Er sagte wirklich „gearbeitet“ – und meinte den Massenmord an uns Juden. Mein Vater war selbst Holocaust-Überlebender. Ich bin seit zwölf Jahren Vorsitzende unserer Gemeinde. Was sich verändert hat: Die Leute trauen sich, Dinge auszusprechen, die sie früher nicht laut geäußert hätten. Das hat Folgen. Die Kinder unserer Gemeinde trauen sich zum Teil nicht mehr, in der Schule zu sagen, dass sie Juden sind. Einige Gemeindemitglieder wollen keine Post von uns bekommen, weil sie Angst haben, dass Nachbarn den Stempel von uns auf den Umschlägen sehen. Dass unsere Kindergärten, Schulen, Restaurants geschützt werden, damit haben wir uns abgefunden. Aber eigentlich ist das natürlich ein Unding: Warum muss ein Kindergarten geschützt werden? Ich bin sicher, dass in Deutschland noch immer eine Mehrheit Antisemitismus und Hass ablehnt. Aber viele sagen das nicht deutlich genug. Die Hasserfüllten sind die Minderheit, aber sie sind so laut, sie zerstören so viel. Was mir Mut macht, sind die vielen positiven Nachrichten, die wir nach dem Anschlag von Halle bekommen haben. Eine ältere Frau schrieb uns zum Beispiel, sie werde alles dafür tun, dass ihre Enkel keine Rassisten werden. Das fand ich sehr anrührend. Wir haben diese Nachrichten ausgedruckt und mit Karten und Briefen an eine Glaswand gehängt, damit alle sie sehen können. Wenn man so verzweifelt ist, tut es besonders gut, nette Nachrichten zu bekommen.

Judith Neuwald-Tasbach hatte für den 9. November zu einer Veranstaltung zum Gedenken an die Novemberpogrome eingeladen, wie jedes Jahr, nur dass diesmal mehr Menschen kamen. Für Judith Neuwald-Tasbach war das ein gutes Zeichen. So, wie es für Steffen Paar ein gutes Zeichen war, dass am selben Tag 400 Kilometer weiter nordöstlich, in Bad Segeberg, 1500 Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße gingen. Nur dass danach mehr als ein Dutzend Neonazis in seinem Ort auftauchten und die Menschen einschüchterten. Es geht also weiter.

„Es wird schon viel zu viel geschwiegen“: Pastor Steffen Paar. © Quelle: Georg Wendt/dpa

Steffen Paar, Pastor, 38 Jahre, Sülfeld, Schleswig-Holstein:

Es begann damit, dass Mitte Oktober bei uns im Ort Aufkleber auftauchten. „Aryan Circle“, Arier-Kreis, stand darauf, eine Neonazi-Gruppe, dazu rassistische Parolen. Es fand sich dann ziemlich schnell eine Gruppe von ungefähr 20 Personen bei uns aus dem Ort, die sich verabredeten, um die Aufkleber zu entfernen. Dabei tauchten dann drei junge Neonazis auf. Zuerst haben sie die Gruppe beschimpft, dann verfolgt, schließlich wurden zwei Dorfbewohner verletzt. Sie haben Reizgas abbekommen und sind geschlagen worden. Seitdem ist das hier in unserem 3200-Einwohner-Ort immer Thema. Die einen reagieren ganz verschreckt, mit einer schweigenden Lähmung, auch Leute, die ich vorher als sehr mutig erlebt habe. Aber diese Bedrohung hat auch positive Energien freigesetzt. Es gab ein Benefizkonzert, unsere Handballerinnen liefen mit Anti-Nazi-Schweißbändern auf, nach dem Gottesdienst am Reformationstag gab es einen Dorfspaziergang, zu dem Hunderte kamen. Gemeinsam sind wir durch den Ort gegangen und haben gezeigt: Unser Miteinander hat auch ein Gesicht. Wir haben natürlich überlegt, ob wir den Neonazis mit diesen Aktionen nicht einfach Aufmerksamkeit verschaffen. Aber mein Eindruck ist: Es wird schon viel zu viel geschwiegen. Wir haben als Kirche, als Christen, viel dazu zu sagen – und dagegenzusetzen. Hinter dem „Aryan Circle“ steht ein Mann namens Bernd T., ein vorbestrafter Neonazi, der nach Bad Segeberg gezogen ist, Gefolgsleute um sich schart und Jugendliche anspricht. Ich habe ihm eine Mail geschrieben und zum öffentlichen Gespräch aufgefordert, Mann mit Mann sozusagen, auf dem Marktplatz. Nach dem Aufruf hatte ich auch Aufkleber am Gemeindehaus und an der Kirche. Ängstlich? Bin ich null Komma null. Ich zeige, wofür ich stehe: ein friedliches Miteinander und entschlossene Klarheit. Ich bin jemand, der sich nicht versteckt.

Auch Jakob Springfeld hat in seiner Stadt eine Gedenkveranstaltung organisiert. 120 Menschen kamen. Das war nicht wenig, aber manchmal bemisst sich der Erfolg einer solchen Veranstaltung ja ohnehin nicht an Zahlen – sondern daran, dass sie überhaupt stattfindet.

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„Abends gehe ich häufig nicht mehr allein raus“: Jakob Springfeld. © Quelle: Privat

Jakob Springfeld, 17 Jahre, Schüler, Zwickau:

Wenn ich ehrlich bin, habe ich von dem Baum, der in meiner Stadt an das erste NSU-Mordopfer Enver Simsek erinnerte, erst erfahren, als er Anfang Oktober abgesägt wurde. Aber dann war mir klar, dass wir das nicht einfach hinnehmen können. Mit anderen Schülerinnen und Schülern habe ich eine Gedenkveranstaltung an der Stelle organisiert. Ich hatte mir vorher Material über die Opfer besorgt, habe mich in ihre Geschichten eingelesen und habe dort über sie gesprochen. Hinter diesen Namen stehen Menschen und ihre Geschichten. Die haben wir dort vorgelesen. Vom NSU kannte man in Zwickau lange vor allem die Namen der beiden Täter, die sich hier versteckt hatten. Alles Weitere, die Schicksale der Opfer, die Ermittlungspannen, das war hier kaum Thema, auch in der Schule, damit habe ich mich erst, nachdem der Baum abgesägt worden war, mehr befasst. Dass es hier in Zwickau ziemlich sicher immer noch NSU-Unterstützer gibt, die jetzt vielleicht auch den Baum abgesägt haben, finde ich enorm bedrückend. Seit ich mich gegen rechts und bei Fridays for Future engagiere, wurde ich auf der Straße von Rechten bespuckt, beschimpft, angerempelt. Ich muss auf mich aufpassen, gehe häufig abends nicht mehr allein raus. Das macht mich traurig, aber es spornt mich auch an. Zum Glück sind ja die allermeisten Zwickauer ganz anders. Jetzt gibt es eine neue Gedenkstätte mit zehn Bäumen für alle Opfer, das ist gut, aber ein Denkmal ist auch immer etwas Totes, Starres. Im Moment wird hier ein Bildungs- und Dokumentationszentrum geplant – es wäre super und sehr wichtig, dass das kommt.

Jörg Wörle, dem Unternehmer aus Nördlingen, der nach seinem Eintreten für die ausländischen Bauarbeiter zusammengeschlagen wurde, geht es inzwischen wieder besser. Es waren Obdachlose, die ihm – als er verletzt auf dem Platz neben einer öffentlichen Toilette lag – zu Hilfe kamen, betont er. Inzwischen hat die Polizei einen der Täter ermittelt, bei Wörle sind das blaue Auge und die Prellungen verheilt. Äußerlich ist jetzt nichts mehr zu sehen. „Aber drinnen, im Kopf“, sagt Wörle, „tut es schon noch etwas weh.“

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