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Multikulti in Russland: Hautfarbe Schwarz – als Werbemotiv problematisch

  • Bislang sollte auf den Dienstleistungswebseiten der russischen Regierung nur mit weißen und europäischen Menschen geworben werden.
  • In dem Vielvölkerstaat löste die Richtlinie Widerspruch aus – und wurde daraufhin gekippt.
  • Die Sushibarkette Jobidojobi musste ein Werbemotiv mit einem schwarzen Mann auf Druck von Nationalisten allerdings zurückziehen.
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Moskau. Dass sich Russland als Vielvölkerstaat versteht, kommt schon in der offiziellen Bezeichnung des Landes zum Ausdruck. Denn die „Rossijskaja Federazija“ heißt übersetzt bewusst „Russländische Föderation“ und nicht „Russkaja Federazija“ („Russische Föderation“), um auch die knapp 100 nichtrussischen Ethnien wie etwa die Tataren, Burjaten oder die Mari einzubeziehen.

Und doch tut sich das Land mit seiner nicht-russischen Bevölkerung, das heißt mit den Menschen, die nicht zu den weißen Europäern zählen, manchmal schwer. So sah sich nun etwa das Ministerium für digitale Entwicklung und Massenkommunikation kritischen Fragen im Internet ausgesetzt, weil einigen Leuten aufgefallen war, dass das Ministerium in seinem Styleguide für Webdesigner diese dazu auffordert, auf die Darstellung „nicht-slawischer Menschen“ in Anzeigen, Websites und Werbebannern für öffentliche Dienstleistungen im Netz zu verzichten, die auf der Seite „gosuslugi.ru“ zentral angeboten werden.

„Ich bin zufälligerweise auf das Branding gestoßen, dass G*susl*gi für die Russländische Föderation empfiehlt“, twitterte der User Dima. „Interessanterweise gehören die Völker unserer großen und mächtigen Nation plötzlich nicht zu deren Markenkern.“

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Andere fragten, ob das Ministerium nicht wisse, dass Russland eine Föderation vieler Republiken sei, darunter auch solche mit nicht-russischer oder nicht-slawischer indigener Bevölkerung mit eigenen Sprachen und Kulturen. Sie wiesen zudem darauf hin, dass Millionen Bürger des Landes heute aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien, im Südkaukasus und im Baltikum stammten.

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Hasskampagne des Netzwerks „Männlicher Staat“

Das Ministerium lenkte schnell ein: Das Nachrichtenportal Sibreal.org zitierte einen Beamten, der betonte, dass ein neuer Styleguide in Arbeit sei, in dem die veraltete Anweisung aus dem Jahr 2015 nicht mehr gegeben werde: „Wir halten die Instruktionen im [aktuellen] Styleguide für falsch und arbeiten derzeit an einem neuen Leitfaden. Er wird in naher Zukunft erscheinen.“

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Sorgte Druck im Internet dafür, dass die ethnische Vielfalt Russlands auf den Webseiten der Regierung künftig womöglich eher sichtbar wird, lief im russischen World Wide Web gleichzeitig allerdings eine Kampagne, die die weitere öffentliche Darstellung eines schwarzen Mannes auf einem Werbefoto verhinderte.

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Die landesweit vertretene Sushibarkette Jobidojobi (japanisch für „Tag der Woche – Samstag“) hatte Mitte August eine Anzeige im Netz geschaltet, in der ein offensichtlich gut gelaunter Schwarzer, umgeben von drei weißen Frauen, Sushi isst. Dagegen lief die nationalistische Gruppierung „Männlicher Staat“ Sturm: Wladislaw Posdnjakow, der Gründer des homophoben Netzwerkes, forderte auf dem Instant-Messaging-Dienst Telegram seine Anhänger auf, Jobidojobi mit falschen Bestellungen zu überhäufen, um den Betrieb der Kette lahmzulegen.

Posdnjakow veröffentlichte auch einen Screenshot seiner Korrespondenz mit der Jobidojobi-Geschäftsführung, in der er ihr damit drohte, 80.000 seiner Unterstützer auf die Kette loszulassen, „die gerne jedes Ansinnen, Schwarze zu promoten, vereiteln werden“.

Eklat bei der Supermarktkette Wkuswill

Was das bedeutet, schilderte Jobidojobi-Ko-Gründer Konstantin Zimen auf dem Start-up-Onlineportal vc.ru: Seine private Telefonnummer sei auf Posdnjakows Telegram-Kanal veröffentlicht worden: „Jetzt erhalte ich ständig Drohanrufe oder -nachrichten und überall wird meine Nummer unter feindseligen Leuten herumgereicht.“

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Zudem sei die Webseite der Sushikette ständigen DDOS-Attacken ausgesetzt: „All das ist sehr seltsam, wenn man bedenkt, dass wir nicht einmal in Ansatz eine politische Agenda hatten, sondern einfach nur mit Standardbildern in sozialen Netzwerken geworben haben.“

Zimen erinnerte auch an den Eklat, den es bei der Ökosupermarktkette Wkuswill Anfang Juli gegeben hatte. Der Lebensmittelhändler musste ein Werbemotiv mit einem lesbischen Paar zurückziehen und sich entschuldigen, nachdem der „Männliche Staat“ eine Hasskampagne gegen Wkuswill gestartet hatte. Die vier Frauen, die bei der PR-Aktion gezeigt wurden, mussten Russland wegen der zahlreichen Bedrohungen inzwischen verlassen.

Juma, Mila, Alina und Ksjuscha (von links) bei ihrem Auftritt auf der WkusWill-Website. © Quelle: Vkusvill.ru
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„Wenn das zumindest durch den allgemeinen Konservatismus und die homophobe Stimmungslage im Land erklärbar ist“, schreibt Zimen, „warum erzeugt dann eine schwarze Person im Russland des Jahres 2021 negative Reaktionen? Unklar.“

Bei aller Verständnislosigkeit zog Jobidojobi die Reklame mit dem schwarzen Sushiesser allerdings zurück und bat auf seiner Seite beim russischen Facebook-Pendant Vkontakte um Verzeihung: „Wir würden uns gerne bei der russischen Nation dafür entschuldigen, die Gefühle von Russen verletzt zu haben.“ Ob der Kniefall auch für die „Russländische Föderation“ gilt, ließ das Unternehmen allerdings offen.

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